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Zukunft der Lieferketten (nd aktuell)


Der Baukonzern Max Bögl hat im oberpfälzischen Sengenthal eine 860 Meter lange Magnetschwebebahn gebaut.

Der Baukonzern Max Bögl hat im oberpfälzischen Sengenthal eine 860 Meter lange Magnetschwebebahn gebaut.

Foto: dpa/Oliver Kerner

Nun klagt auch noch der Einzelhandel über Lieferengpässe. 74 Prozent der Einzelhändler in Deutschland berichten über entsprechende Probleme. Das geht aus einer am Dienstag veröffentlichten Umfrage des Ifo-Instituts in München hervor. »Die Beschaffungsprobleme aus der Industrie sind nun auch hier angekommen«, sagt Ifo-Experte Klaus Wohlrabe. »Manches Weihnachtsgeschenk wird vielleicht nicht lieferbar sein oder teuer werden.« Besonders betroffen ist neben der Autoindustrie auch das mittelständische Verarbeitende Gewerbe – vier von fünf Unternehmen beklagen Lieferengpässe. Gleichzeitig stauen sich vor vielen Häfen in Asien die Frachter, hängen Lkw im Dauerstau fest und beklagen Reeder einen Mangel an leeren Containern in Europa. Konjunkturforscher rechnen nun mit erheblichen Wachstumseinbußen.

Abhilfe schaffen, wenigstens mittelfristig, soll die digitale Mobilität. Anjes Tjarks sieht Hamburg mit dem größten deutschen Seehafen als »Modellstadt für eine smarte Mobilität der Zukunft«, so der grüne Senator für Verkehr und Mobilitätswende zur Eröffnung des internationalen Verkehrskongresses ITS im Kongresszentrum der Hansestadt. ITS steht für Intelligente Transportsysteme, 400 Aussteller aus aller Welt präsentieren in den Messehallen dem Fachpublikum Ideen und Innovationen für Verkehrssysteme. In der ganzen Stadt sind 42 sogenannte Ankerprojekte verteilt, von der S-Bahn, die von ganz alleine fährt, bis zur Ampel-App für Fahrradfahrer.

Einen Schwerpunkt bilden Hafen und Logistik. Der automatisch arbeitende Kran hebt einen Container von einem Frachter und setzt ihn in einen Zylinder ab; dieser fährt in eine unterirdische Röhre und beschleunigt auf Tempo 600. In wenigen Minuten erreicht der Zylinder den Umschlagplatz weit außerhalb der Stadt, wo die Box in einen Zug nach Leipzig verladen wird. Die notorischen Staus in und um Hamburg können so unterfahren werden. Seit 2018 arbeitet der größte Terminalbetreiber, die teilstaatliche Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) zusammen mit einem US-Konzern am »Hyperloop«. Die HHLA sucht bereits weltweit nach Zielmärkten für die Mega-Rohrpost, die bislang allerdings lediglich auf dem Papier existiert.

Weiter ist die Firmengruppe Max Bögl mit ihrer Schwebebahn auf Stelzen. Auf einer 120 Meter langen Demonstrationsstrecke zeigen die Bayern den voll automatisierten Fahrbetrieb und insbesondere den Containerumschlag zwischen »TSB Cargo« und anderen Verkehrsträgern. Mit TSB können laut Firmenangaben Containergrößen bis zu 45 Fuß mit Maximalgewicht transportiert werden: Sehr leise, mit Geschwindigkeiten von bis zu 150 Stundenkilometern und im 20-Sekunden-Takt. TSB verwendet ein elektromagnetisches Schwebesystem und reduziert dadurch den Verschleiß an Fahrzeugen und Infrastruktur. Wie der Hyperloop soll TSB Cargo stark frequentierte Hafenterminals mit dem Hinterland verbinden. Da dafür bislang hauptsächlich Lkw eingesetzt werden, führe die Verlagerung auf solche vollelektrischen Systeme zu CO²-Reduktion, weniger Feinstaub und entlaste die Straßen in Hafenstädten. Damit Häfen eines fernen Tages vollautomatisch funktionieren, stellen Unternehmen und Forschungseinrichtungen auf der ITS fahrerlose Containertransporter mit Lithium-Ionen-Batterien und selbstfahrende Schiffe vor, und lassen Drohnen mit tonnenschwerer Last aufsteigen.

Gefördert werden viele ITS-Projekte vom Bundesverkehrsministerium. Erklärtes Ziel ist es, den Anteil des Schienengüterverkehrs von heute etwa 19 Prozent auf 25 Prozent im Jahr 2030 zu steigern. »Um dieses Ziel zu erreichen«, so das BVMI, »brauchen wir neben einem weiteren Ausbau des Schienennetzes insbesondere auch intelligente Transportsysteme, die regional die Verteilung und die Zuführung der Gütermengen effizient und umweltfreundlich übernehmen.« Den Warenverkehr wieder in Fahrt bringen soll auch der digitale Lieferschein, ein Projekt des Logistikverbandes BVL und der Telekom. Versenden Firmen heute Produkte, stellen sie einen Lieferschein auf Papier aus, der die Lieferung bis zum Wareneingang begleitet. Er wird manuell weitergereicht und bearbeitet. In einem Pilotprojekt testeten 20 Unternehmen wochenlang den digitalen Lieferschein. Die Dauer einzelner Lieferprozesse verkürzte sich angeblich um bis zu zehn Tagen. »Spediteure sparen sich den gesamten Aufwand der Dokumentation von Lieferscheinen – vom Einscannen übers Archivieren bis zur Auskunftspflicht«, sagt Projektleiter Oliver Püthe von GS1 Germany.

Aus Sicht der Gewerkschaft Verdi ist es ein Skandal, dass auf der ITS-Messe den Auswirkungen der technologischen Lösungen auf die Menschen kein Raum gegeben wird. Der Kongress solle die schöne neue Welt »intelligenter, autonomer, smarter« Lösungen in der Logistik propagieren, sagt Verdi-Verkehrsexpertin Natale Fontana. »Doch die Beschäftigten, die mit dieser Technik arbeiten müssen und ohne die keine der neuen Technologien funktionieren wird, werden komplett ignoriert.« Arbeitsplatzverlust, Arbeitsverdichtung und kompensationslose Produktivitätssteigerungen werde Verdi nicht widerspruchslos hinnehmen. Für alle Interessierten öffnet der ITS-Weltkongress am Donnerstag seine Tore.



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