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Wismarer Hautärztin weist Patienten ab


„Was mir heute passiert ist, ist kaum zu glauben!“ Das schreibt eine OZ-Leserin nach ihrem Besuch in der Hautarztpraxis von Dr. Deborah Brunsch. Die Wismarerin berichtet, dass sie und ihr Mann von den Arzthelferinnen abgewiesen worden sind, „weil wir erst einmal gegen Covid-19 geimpft sind. Wir hatten einen Termin zum Hautscreening. Den haben wir im Januar erhalten. Jetzt hat man uns einen neuen Termin für Mitte Juli gegeben.“

Patientin muss nach Hautkrebs regelmäßig zur Kontrolle

Sie seien überhaupt nicht gefragt worden, ob es nur eine Vorsorgeuntersuchung oder eine dringende Sache ist, schildert die 78-Jährige. Sie möchte nicht, dass ihr Name genannt wird, weil sie Angst hat, von anderen Medizinern Repressalien zu erfahren. „Ich hatte schon zweimal den weißen Hautkrebs und bin zweimal operiert worden. Alle Vierteljahre muss ich zur Kontrolle. Meine bisherige Hautärztin arbeitet leider nicht mehr in Wismar, deshalb habe ich mir einen Termin in einer anderen Praxis geholt“, erklärt die Seniorin.

Vorsorgetermin jetzt erst für Mitte Juli erhalten

Dass die Untersuchung dringend sei, hat sie bei der Anmeldung gar nicht erklären können. „Die beiden Damen haben nur gefragt, ob wir gegen Covid-19 geimpft sind. Am 29. März haben mein Mann und ich die Erstimpfung mit Astrazeneca erhalten. Nach dieser Auskunft sagte eine der beiden, Frau Doktor möchte, dass die Patienten zweimal geimpft sind und dann nach vierzehn Tagen erst zur Sprechstunde kommen.“ Die zweite Impfung ist bei den Eheleuten Mitte Juni vorgesehen. „Wir haben jetzt für Mitte Juli den neuen Termin bei der Hautärztin erhalten“, sagt die Wismarerin. Sie sei so perplex gewesen, dass sie gar nicht darauf bestanden habe, mit der Ärztin zu sprechen. „Wegen der langen Schlange sind wir dann gegangen.“

Die ehemalige Hochschullehrerin fragt: „Ist das Grundrecht auf ärztliche Versorgung nur noch für Geimpfte gültig? Oder hat hier eine Ärztin einfach so große Befürchtungen, sich womöglich anzustecken, dass sie ihre ärztliche Verpflichtung nicht mehr wahrnimmt? Dann sollte sie ihre Praxis doch gleich schließen.“

Ärztin behauptet: Nach AstraZeneca sind Patienten infektiös

Die Medizinerin hat auf OZ-Anfrage ihr Vorgehen erläutert: Bei den Impfstoffen Biontech und Astrazeneca handele es sich um unterschiedliche Impfstrategien. Die Ärztin ist der Auffassung, dass bei Astrazeneca die Patienten zunächst in einen abgemilderten Krankheitsmodus kommen. „Sie werden erst mal infektiös. Davor muss ich meine Patienten, meine Helferinnen und mich schützen. Deshalb warte ich die zweite AstraZeneca-Impfung ab, bis die Infektiosität abgeklungen ist. Danach sind die Patienten sicher nicht mehr infektiös“, erklärt Dr. Brunsch.

Viele Dinge seien von wissenschaftlicher Seite überhaupt noch nicht bekannt. Sie sollten aber nach Überzeugung der Ärztin geklärt sein, bevor ein Präparat auf den Markt gebracht wird. „Die Entwicklung eines Medikaments dauert fünf bis zehn Jahre“, sagt sie. „Erst dann wissen wir Bescheid, wer es nehmen darf, ob es diese oder jene Wirkung hat. Vieles wissen wir heute noch nicht.“ Biontech sei ein anderes Impfprinzip, das Mitmenschen nicht weiter gefährdet.

Überall Pflicht zum Negativtest – nur in Arztpraxen nicht

Nicht zuletzt verweist die Dermatologin auf die Testpflicht, die derzeit beim Friseur und im Einzelhandel besteht. „Da muss man einen Negativtest vorweisen. Bei uns in den Arztpraxen ist das nicht so. Da können alle kommen. Aber wenn ich krank bin oder meine Helferinnen, dann kann ich zumachen. Ich kann dann meine Patienten nicht mehr versorgen. In dieser Verantwortung ist es zu vertreten“, so die Ansicht der Hautärztin, „dass ich Patienten, die eine Astrazeneca-Impfung erhalten haben, zunächst nicht behandle.“

Ärztekammerpräsident verweist auf Genfer Gelöbnis

„Die Ärztin könnte die Patienten auch einen Schnelltest machen lassen.“ Andreas Crusius, Präsident der Ärztekammer MV
Quelle: Elke Ehlers

Für Professor Andreas Crusius, Präsident der Ärztekammer MV, ist das Vorgehen der Medizinerin nicht nachzuvollziehen. Er verweist auf das Genfer Gelöbnis des Weltärztebundes (früher der hippokratische Eid) sowie auf die Eingangsformel der Berufsordnung für Ärztinnen und Ärzte in MV. Darin heißt es unter anderem: „Ich werde nicht zulassen, dass Erwägungen von Alter, Krankheit oder Behinderung, Glaube, ethnischer Herkunft, Geschlecht, Staatsangehörigkeit, politischer Zugehörigkeit, Rasse, sexueller Orientierung, sozialer Stellung oder jeglicher anderer Faktoren zwischen meine Pflichten und meine Patientin oder meinen Patienten treten.“

Im Umkehrschluss, so der Präsident, lasse sich aus den Vorgaben der Corona-Landesverordnung und den entsprechenden Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts zum Praxisschutzkonzept, Arbeitsschutz und Hygiene Folgendes ableiten: „Es wird davon ausgegangen, dass grundsätzlich alle Patienten potenziell infektiös sein könnten und daher auch potenziell infektiöse Patienten unter Einhaltung der entsprechenden Schutzvorgaben die Praxis betreten bzw. auch dort behandelt werden.“

„Vorgehen der Ärztin ist unverhältnismäßig“

Es sei laut Crusius unverhältnismäßig, die Behandlung abzulehnen bzw. durch Vergabe eines Termins weit in der Zukunft wesentlich zu verzögern. „Die Ärztin könnte die Patienten auch einen Schnelltest machen lassen oder im Einzelfall noch Möglichkeiten der alternativen Praxisorganisation ausschöpfen, in dem sie sie zum Beispiel vor der Praxis warten lässt. Darüber hinaus soll nach meinem Kenntnisstand auch die erste Impfung im Regelfall bereits einen gewissen Schutz bieten.“

Die betroffene Wismarerin hat sich inzwischen an ihre Krankenkasse gewandt und eine Beschwerde verfasst. Sie behält sich außerdem vor, sich an die Kassenärztliche Vereinigung MV zu wenden. Denn ihr obliegt die Sicherstellung der Terminversorgung.

Von Haike Werfel

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