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Warum wir eine Medizin für alle Geschlechter brauchen


Frau Kautzky-Willer, bei der Gendermedizin geht es nicht nur um Frauen. Ziel ist eher Gemeinsamkeit und Unterschiede in der Gesundheit von Frauen und Männern auszumachen. Von Gendermedizin profitieren also beide Geschlechter?

Ja, genau!

Wie unterschiedlich sind Krankheiten bei Frauen und Männern ausgeprägt?

Diabetes Typ 2 ist ein sehr anschauliches Beispiel für Unterschiede, einerseits biologisch, anderseits lebensstilbedingt. Männer haben ein höheres biologisches Risiko für eine Diabetes-Typ-2-Erkrankung. Sie bilden häufiger gefährliches Bauchfett und neigen eher zu einer Fettleber. Selbst wenn sie nicht übergewichtig sind, zeigen sie oft eine niedrigere Insulinempfindlichkeit. Bei Frauen ist zum Beispiel Schwangerschaftsdiabetes mit einem höheren Risiko für Typ-2-Diabetes verbunden. Außerdem steigt das Diabetesrisiko in der Menopause, weil das Östrogen weniger wird. Frauen bekommen also oft später Diabetes, haben dann aber ein deutlich höheres Risiko für Komplikationen wie Herz- oder Nierenerkrankungen.

Welche Rolle spielen unterschiedliche Lebensstile?

Männer bewegen sich im Durchschnitt mehr als Frauen und haben mehr Lust auf Sport. Warum das so ist, wissen wir nicht genau. Junge Mädchen bewegen sich schließlich auch genauso viel und gerne wie Jungs. Gesellschaftliche Faktoren und Rollenklischees sind hier sicher stark beteiligt. Deutlich besser schneiden Frauen aber bei der gesunden Ernährung ab. Noch ein Unterschied: Auf Stress und Schlafmangel reagieren Frauen eher mit Gewichtszunahme und erhöhen damit ihr Diabetesrisiko.

Was lässt sich mit solchen Erkenntnissen machen?

Das Wissen über die Unterschiede der Geschlechter ist immens wichtig für die Prävention und Behandlung. Wir können zum Beispiel bessere Präventionsprogramme entwickeln. Bei Frauen legen wir einen stärkeren Fokus auf Bewegung und Stressreduktion und frauenspezifische Risikomarker, bei Männern brauchen wir weniger Bewegungsimpulse, müssen aber stärker über gesunde Ernährung und gesunden Lebensstil einschließlich Probleme durch Rauchen und Alkohol aufklären. Ich erlebe es immer noch, dass ältere Herren ihre Frauen zur Diabetesernährungsberatung schicken, weil sie kein Bezug zur Ernährung und zum Kochen haben.

Dass Frauen und Männer biologisch und im Verhalten unterschiedlich sind, ist keine ganz neue Erkenntnis. Warum ist die Gendermedizin trotzdem ein so junges Fach?

Die Medizin war lange männlich dominiert. Bis ins 20. Jahrhundert war es für Frauen kaum möglich, Medizin zu studieren oder zu forschen. Erst mit der Frauenbewegung veränderte sich etwas. Trotzdem spüren wir die Auswirkungen bis heute. Medikamente werden viel häufiger an Männern getestet, Beipackzettel orientieren sich stärker an ihnen. Ein wichtiger Ausgangspunkt für die Gendermedizin waren Erkenntnisse über Herzinfarkte, die sich bei Frauen anders äußern als bei Männern. Sie zeigen häufiger Schmerzen im Rücken und Schulterbereich, Kopf- und Oberbauchschmerzen, Schwäche, Erbrechen und Übelkeit. Auch wenn wir das schon länger wissen und inzwischen auch in der Rettungsmedizin gelehrt wird, werden Herzinfarkte bei Frauen immer noch später erkannt als bei Männern. Bei allen positiven Veränderungen zeigt das auch, wie lang unser Weg noch sein wird.

Steht das Fach wissenschaftlich am Anfang?

Der Eindruck täuscht. Es wird tatsächlich sehr viel in den einzelnen Fachbereichen zu diesem Thema geforscht. Das zeigt ein Blick in die medizinischen Publikationen. Das gilt übrigens nicht mehr nur für die Kardiologie, sondern eben auch für Stoffwechselerkrankungen, die Onkologie und andere große Fachbereiche. Auch international sehen wir viele sehr aktive Netzwerke, in Israel, in Deutschland, in Schweden, in Italien. Oft werden diese Bestrebungen sogar politisch unterstützt. Eine größere Herausforderung ist es, dass neue Wissen auch in die Praxis zu bekommen. Mit anderen Worten: Wir brauchen neue Strukturen im Gesundheitssystem, anwendungsorientierte geschlechtssensitive Gesundheitszentren und generell neue Behandlungsleitlinien, die den Erkenntnissen der Gendermedizin entsprechen. Doch die Leitlinien basieren auf großen Studien, die in der Vergangenheit eben vor allem an Männern durchgeführt wurden. Wir müssen also erstmal neue Studien aufsetzen, und das braucht Zeit. Aber ich bin Optimistin, wir bewegen uns ganz, ganz, ganz langsam in die richtige Richtung.

Auch die Entwicklung von neuen Medikamenten wird vonseiten der Gendermedizin häufig kritisiert. Warum?

Wir kämpfen im Moment dafür, dass in jedem Beipackzettel auf unterschiedliche (Neben-)Wirkungen bei Frauen und Männern, bei der Einnahme von der Pille oder in der Schwangerschaft hingewiesen wird. Dafür müssen Frauen wieder stärker Teil von Medikamentenstudien werden. Lange Zeit hat man sie davon ausgeschlossen, jüngster Grund dafür waren die schlimmen Nebenwirkungen von Contergan. Das Medikament wurde teilweise gegen Schwangerschaftsübelkeit verschrieben und führt zu starken Fehlbildungen bei Kindern. Erst in den letzten zehn Jahren werden Arzneimittel unter strengen Auflagen wieder stärker an beiden Geschlechtern getestet. Trotz allem sind Frauen immer noch unterpräsentiert in den Studien. Das führt dazu, dass viele Medikamente eher für die Krankheitsverläufe der Männer entwickelt werden und manche geschlechtsspezifischen Nebenwirkungen erst erkannt werden, wenn die Medikamente schon im Umlauf sind. Ein aktuelles Beispiel dafür sind die Corona-Impfstoffe und das seltene Auftreten von Hirnvenenthrombose, vor allem bei Frauen unter 55.

Braucht man Medikamente also speziell für Frauen oder nur für Männer?

Das wäre zu kurz gedacht. Der beste Weg ist aus meiner Sicht eine individuellere Medizin, die sowohl das biologische Geschlecht als auch die Lebensumstände stärker in den Blick nimmt.

Das ist Alexandra Kautzky-Willer

Prof. Alexandra Kautzky-Willer ist Österreichs erste Professorin für Gendermedizin und leitet die Abteilung für endokrine und Stoffwechselerkrankungen – wie Diabetes und Adipositas – an der Medizinischen Universität Wien. Ihr Forschungsschwerpunkt sind unter anderem geschlechtsspezifische Unterschiede bei Diabetes und beim metabolischen Syndrom, also dem gemeinsamen Auftreten mehrerer Krankheiten.

Von Birk Grüling/RND

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