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Wann werden die Auswirkungen spürbar?


Die Havarie des Containerschiffs „Ever Given“ im Suezkanal legt den Verkehr auf einer der wichtigsten Handelsrouten der Welt lahm. Der 400 Meter lange Frachter steckt weiter quer zwischen beiden Ufern fest und blockiert damit den gesamten Kanal, der für den Seehandel zwischen Europa und Asien äußerst wichtig ist. Nach Angaben des Dienstleisters Leth Agencies warten mittlerweile 156 Schiffe auf beiden Seiten des Kanals auf eine Durchfahrt. Darunter seien 39 Massengutfrachter, 33 Containerschiffe und 13 Autotransporter.

Wann es für die Frachter weitergeht ist ungewiss. Derzeit versuchen acht Schlepper, die „Ever Given“ zu befreien, auch Bagger sind an den Ufern im Einsatz, um den Sand unter dem Bug abzugraben.

Umweg über Afrika dauert eine Woche

Doch auf dem Wasser zählt jede Stunde, die Zeitpläne der Frachter sind eng getaktet, die Liegeplätze in den Häfen gebucht, und viele Unternehmen warten auf Ware. „Das ist jetzt eine schwere Entscheidung für die Reeder“, sagt Bengt van Beuningen von Hafen Hamburg Marketing. „Wenn sie umdrehen und um Afrika herumfahren, dauert das ungefähr eine Woche länger. Es kommt jetzt darauf an, wie lange die Bergung dauert, ob sich dieser Umweg lohnt.“

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Havarie im Suezkanal: die Lebensader des Welthandels

Ein Schiff von der Größe eines Wolkenkratzers blockiert den Suezkanal und verursacht damit Millionenschäden. Hintergründe zur wichtigsten Wasserstraße der Welt.  © Frederik Eichholz/RND

Der Suezkanal verbindet das Mittelmeer mit dem Roten Meer. 2020 durchfuhren nach Angaben der Suezkanal-Behörde fast 19.000 Schiffe den Kanal, das sind im Schnitt 52 am Tag. Rund 10 Prozent der weltweit gehandelten Waren passieren diesen Wasserweg. Die Allianz, einer der führenden Schifffahrtsversicherer, sieht nach der Havarie hohe Kosten auf die Branche zukommen: „Schiffen drohen teure und langwierige Umwege, wenn der Kanal nicht bald geöffnet wird.“

Werden Chips jetzt noch knapper?

Der Stau komme zu einem besonders schlechten Zeitpunkt, heißt es bei dem Versicherungskonzern: Auto- und Computerhersteller litten ohnehin schon unter einer Chip-Knappheit, die durch den Stau im Suezkanal noch verstärkt werden könnte. „Die Situation verschärft die angespannte Lage im internationalen Container-Seeverkehr“, sagt auch Carsten Taucke vom Außenhandelsverband BGA.

Hier bemängelt man schon länger, dass Lieferketten aufgrund mangelnder Container, unpünktlicher Schiffe und fehlender Transportkapazität ins Stocken geraten. Die starken Nachfrageschwankungen nach Ausbruch der Pandemie und später mit der wirtschaftlichen Erholung in China und den USA haben die weltweite Logistik durcheinandergebracht. „Es ist daher dringend notwendig, dass das Schiff schnellstmöglich geborgen und die Strecke wieder freigegeben wird“ so Taucke.

Palmen, Strand und Containerschiffe: Einige Frachter ankern im Timsahsee auf halbem Wege durch den ägyptischen Suez-Kanal. © Quelle: Sam Madgy/AP/dpa

Erst im April wird Ware fehlen

Bis die Häfen in Europa die Ladung der festsitzenden Schiffe vermissen, wird es aber noch etwas dauern. Denn die Fahrt vom Suezkanal etwa bis zum Hamburger Hafen dauert rund zehn Tage. Anfang bis Mitte April werden die Auswirkungen dann spürbar: „Jeder dritte Container im Hamburger Hafen kommt aus China. Die hängen derzeit alle im Suezkanal fest“, sagt van Beuningen.

Auch Daniel Hosseus, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbandes der deutschen Seehafenbetriebe, erwartet große Verspätungen: „Der aktuelle Stau im Suezkanal wird die Schiffslisten in allen europäischen Häfen durcheinanderwirbeln.“ Man sei aber sehr flexibel, auch wenn nach der Bergung viele Schiffe gleichzeitig kommen würden: „Die deutschen Häfen sind sehr leistungsfähig und richten ihre Arbeit permanent auf die jeweils tatsächlich stattfindenden Schiffsanläufe aus“, beruhigt er.

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Havarie von Containerschiff: Blockierter Suezkanal lässt deutsche Wirtschaft bangen

Ein riesiges Containerschiff war am Dienstagmorgen im Kanal stecken geblieben und blockiert seitdem den Verkehr.  © Reuters

40 Öl- und Gastanker warten auf Weiterfahrt

Aber nicht nur Warenlieferungen werden sich voraussichtlich deutlich verzögern, auch auf dem Ölmarkt könnte es zu Engpässen kommen. Laut den Branchenspezialisten S&P Global Platts warten derzeit fast 40 Öl- und Gastanker auf die Durchquerung des Suezkanals. Das sorgt weiter für Unsicherheit und starke Kursbewegungen am Ölmarkt. Nach der Havarie war der Ölpreis am Mittwoch kräftig gestiegen. Am Donnerstag sanken die Preise jedoch wieder.

Derweil ist immer noch nicht abschließend geklärt, warum die „Ever Given“ vom Kurs abkam. Zunächst war von einem Stromausfall an Bord die Rede, der Schiffsverwalter Bernhard Schulte Shipmanagement (BSM) dementierte das aber. Von der japanischen Eignerfirma Shoei Kisen hieß es, dem Containertransporter habe stürmisches Wetter zu schaffen gemacht. Man entschuldige sich „aufrichtig dafür, dass wir den geplanten Schiffen und ihren verbundenen Parteien große Sorge bereitet haben“.

Schon 2019 hatte „Ever Given“ Unfall in Hamburg

Es ist nicht der erste Unfall der „Ever Given“. Schon im Februar 2019 machte das Schiff Schlagzeilen, als es am Hamburger Anleger Blankenese die Hafenfähre „Finkenwerder“ zusammendrückte. Wind aus Südwest hatte den Ermittlungen zufolge die Kollision begünstigt. Zudem habe ein Sog das Heck des Frachters gen Elbufer gezogen. An Fähre und Anleger entstand damals ein Schaden von rund einer Million Euro.

Die Kosten, die das Schiff derzeit verursacht, dürften um ein Vielfaches höher sein.



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