Start day-news Vor Wahl in Schottland: "Besessen" von der Unabhängigkeit?

Vor Wahl in Schottland: „Besessen“ von der Unabhängigkeit?


Stand: 04.05.2021 04:05 Uhr

Niemand kommt im schottischen Wahlkampf am Thema Unabhängigkeit vorbei. Während die Regierungspartei SNP gezielt damit Stimmung macht, mahnen ihre Herausforderer drängendere Fragen an.

Von Imke Köhler,
ARD-Studio London

In Edinburgh gehen Passanten auf die schottische Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon zu, um Anliegen vorzubringen. Sie wird von Kindern umringt, die Selfies mit ihr machen möchten. Sturgeon unterstützt an diesem Nachmittag Angus Robertson im Wahlkampf. Er ist der SNP-Kandidat im Stadtteil Edinburgh Central.

Imke Köhler

Imke Köhler
ARD-Studio London

Robertson, der auch deutsch spricht, vermeidet es, den Namen seiner Partei – Scottish National Party – direkt zu übersetzen. Das klinge nach „rechtsaußen“, meint er und setzt hinzu: „Das sind wir nicht, wir sind eine gemäßigte Mitte-Links-Partei, die eine europäische Perspektive hat.“ Die Partei freue sich sehr, dass es ihr wahrscheinlich gelingen werde, eine Mehrheit im schottischen Parlament zu erringen „für eine weitere Volksabstimmung über die schottische Unabhängigkeit“ – und darüber, „dass wir binnen kürzester Zeit wieder innerhalb der Europäischen Union sein werden.“

Schottlands Premier Nicola Sturgeon bei einem Wahlkampfauftritt mit Edinburghs SNP-Kandidat Angus Robertson und dessen Tochter Saoirse.

Bild: AFP

2014 gab es schon einmal ein Unabhängigkeitsreferendum. Damals sprachen sich die Schotten noch mehrheitlich für den Verbleib im Königreich aus. Der Brexit hat das Stimmungsbild verändert, eindeutig ist die Lage aber trotzdem nicht. In Umfragen ist etwa die Hälfte der Schotten für die Unabhängigkeit, die Hälfte dagegen. Der 27-jährige Martin, der in Glasgow Southside unterwegs ist, dem Wahlkreis von Ministerpräsidentin Sturgeon, wird auf keinen Fall SNP wählen. „Der Brexit ist schon schlimm genug, aber die Unabhängigkeit wäre noch viel schlimmer“, meint er. „Schottland hat nicht viel zu bieten und das Land wird nicht so bald in die EU zurückkommen. Und alleine zu sein, würde uns nichts bringen.“

Gefühl, von London missachtet zu werden

Matts, ein Schotte Anfang sechzig, will die Unabhängigkeit dagegen unbedingt. Er sieht sich angesichts der britischen Tory-Regierungen im vergangenen Jahrzehnt quasi zum Handeln gezwungen: „Ich bin kein Nationalist aus freiem Willen, aber ich finde, so wie Westminster sich in den letzten zehn, elf Jahren verhalten hat, ist die schottische Unabhängigkeit fast unausweichlich. Es geht mehr um Demokratie als um Nationalismus.“

Das Gefühl, von Westminster missachtet und benachteiligt zu werden, ist unter den Unabhängigkeitsbefürwortern weit verbreitet und wird von der SNP noch bestärkt. Die Partei ist seit 14 Jahren in Schottland an der Macht. Derzeit stellt sie nur eine Minderheitsregierung, hofft bei der Wahl am Donnerstag aber auf Stimmenzuwachs. Für die schottische Unabhängigkeit kämpfen neben der SNP auch die Grünen und die neu gegründete Partei ALBA.

„Besessen“ von der Unabhängigkeit?

Sturgeons Amtsvorgänger Alex Salmond hat die Partei kurzerhand aus der Taufe gehoben, nachdem er sich mit Sturgeon öffentlich eine Fehde geliefert hatte. Salmond war mal Sturgeons politischer Ziehvater, nun treten sie in verschiedenen Parteien an. In Schottland gilt ein ähnliches Verhältniswahlrecht wie in Deutschland, damit können es auch kleinere Parteien ins Parlament schaffen. Allerdings halten Beobachter die Erfolgsaussichten von ALBA für eher gering.

Sturgeons einstiger Förderer Alex Salmond hat seine eigene Partei ALBA gegründet.

Bild: AP

Die anderen Parteien, die Tories, Labour und die Liberaldemokraten, sind gegen die Unabhängigkeit – entweder grundsätzlich oder zumindest für die kommenden Jahre: Der schottische Labour-Chef Ansas Sarwar wirft dem Politikbetrieb vor, von der Unabhängigkeitsfrage besessen zu sein, wo es angesichts der Corona-Pandemie doch um ganz andere Dinge gehen müsste. 

Tatsächlich aber kommt an dem Thema niemand vorbei – zumal die SNP angekündigt hat, im Falle eines Wahlsiegs und einer entsprechenden Parlamentsmehrheit auch dann ein neues Unabhängigkeitsreferendum abzuhalten, wenn die britische Regierung dies nicht billigt.  

Must Read

Simulator soll Entwicklung von selbstfahrenden Autos revolutionieren

Dresden. Vom Level 2 zum Level 3 ist es für Automobilbauer ein großer Schritt. Derzeit brauchen Assistenzsysteme des Fahrzeugs...

„Großes Kompliment an die Mannschaft“: Die Stimmen zum Hertha-Debüt von Tayfun Korkut

Das war knapp: Erstmals seit März 2020 hat Hertha BSC in der Bundesliga nach einem...

berührendes Duett gegen die Corona-Einsamkeit

Berlin. Berührendes für eine Zeit ohne Berührungen: „Nimmst du mich in den Arm“ ist der Titel eines Duetts des...

Rosenmontagszüge in Trier und Koblenz wegen Corona abgesagt

Trier/Koblenz. Angesichts der hohen Infektionszahlen in der Corona-Pandemie wird es im kommenden Februar keine Rosenmontagszüge in Trier und Koblenz geben. Das entschieden am...

Noise und Wucht (nd aktuell)

Musik wie aus dem Presswerk - so muss man sich den Hardcore von Helmet vorstellen. Foto: dpa »Strap it on« (1990), »Meantime« (1992) und »Betty«...