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So schlagen sich zwei Cousins in Harlem durch


Hannover. Es ist eine klassische Ausgangssituation – und gleich ahnt man, dass dieses dubiose Angebot jede Menge Ärger für Ray Carney nach sich ziehen wird. „Für den Raubüberfall holte ihn sein Cousin Freddie eines heißen Abends Anfang Juni ins Boot“: So beginnt „Harlem Shuffle“, der neue Roman des US-Autors Colson Whitehead. Jener Freddie ist ein liebenswertes Großmaul, einer, der sich immer wieder auf die falschen Leute einlässt und sich ständig Ärger einhandelt. Früher hat er seinen Cousin Ray oft in seine krummen Geschäfte verwickelt. Mittlerweile ist Carney Besitzer eines aufstrebenden Möbelladens im New Yorker Stadtteil Harlem – ein großer Erfolg für den jungen Mann, der ein Betriebswirtschaftsstudium absolviert und sich nach oben gearbeitet hat. Seit Kurzem ist er verheiratet und Vater einer kleinen Tochter. Mit Freddies Geschäften will er eigentlich nichts mehr zu tun haben, aber dann lässt er sich doch überreden. Und das hat Folgen.

Die Geschichte setzt im Sommer 1959 ein, sie endet fünf Jahre später und spielt nahezu ausschließlich in Harlem, dem schwarzen Viertel der Metropole. Der Raubüberfall soll eines Nachts im Hotel Theresa über die Bühne gehen, das tatsächlich existiert hat und in dem afroamerikanische Musik- und Sportlegenden wie Louis Armstrong, Lena Horne und Sugar Ray Robinson logierten – weil sie im Amerika der Rassentrennung nicht in Hotels übernachten durften, in denen auch Weiße abstiegen.

Vom ersten Moment an verfolgt der Leser, verfolgt die Leserin gespannt, ob und wie sich Freddie und Ray durchschlagen, ob sie über die vielen Fallstricke stolpern, die unterschiedliche Widersacher legen. So fesselnd „Harlem Shuffle“ auch ist: Ein bisschen überrascht ist man dennoch, dass Whitehead einen geradlinig konstruierten Krimi geschrieben hat. Schließlich ist der 51-Jährige ein mehrfach preisgekrönter Autor und hat die wichtigsten US-Literaturauszeichnungen erhalten. Für den 2016 veröffentlichten Roman „Underground Railroad“ wurde er mit dem National Book Award und dem Pulitzerpreis ausgezeichnet; 2020 bekam er, diesmal für den Roman „Die Nickel Boys“, erneut den Pulitzerpreis. „Es ist kaum übertrieben, Colson Whitehead einen der bedeutendsten gegenwärtigen amerikanischen Schriftsteller zu nennen“, sagt auch der Anglist Marlon Lieber. Der wissenschaftliche Assistent an der Kieler Christian-Albrechts-Universität hat über den Schriftsteller promoviert.

Beide preisgekrönten Bücher erzählen, auf ganz unterschiedliche Art und Weise, von afroamerikanischer Geschichte: In „Underground Railroad“ geht es – mit zahlreichen fantastischen Elementen – um den Weg, auf dem Sklaven aus den Südstaaten der USA in den Norden flüchteten. Oscarpreisträger Barry Jenkins („Moonlight“) hat das Buch kürzlich als Miniserie für Amazon Prime verfilmt. „Die Nickel Boys“ handelt – basierend auf einer wahren Geschichte – von zwei Jugendlichen, die in den Sechzigerjahren in einer sogenannten Besserungsanstalt für Farbige Gewalt und Willkür erleben.

Autor Colson Whitehead © Quelle: Chris Close

Verglichen damit wirkt Whiteheads aktuelles Buch auf den ersten Blick beinahe etwas harmlos. Man kann es einfach als spannende und nicht gerade zimperliche Story lesen über mehr oder minder gewiefte Gauner, korrupte Polizisten und zwei Cousins, die auf je eigene Art nach Erfolg streben. Doch wie jeder guter Krimi ist auch „Harlem Shuffle“ ein Gesellschaftsroman. Hauptsächlich aus der Perspektive von Carney erfährt man von den Zuständen in Harlem, von allgegenwärtigem Rassismus, von dem Erstarken der Bürgerrechtsbewegung und den Harlem Riots vom Sommer 1964. Die Aufstände begannen, nachdem ein 15-Jähriger von einem weißen Polizisten erschossen worden war.

Unwillkürlich denkt man an den Mord an George Floyd

Kurz nach den Aufständen sitzt Carney in einer Bar. Im Roman heißt es: „‚Die Leute haben nicht wegen nichts verrücktgespielt. Sie hatten einen guten Grund‘, sagte Carney. ‚Seit wann scheren sich die Weißen um einen guten Grund? Stecken sie diesen Cop etwa in den Bau?‘ Der Barkeeper blickte von seiner Rennzeitung auf. ‚Ein weißer Cop wandert in den Bau, weil er einen schwarzen Jungen gekillt hat? Du glaubst bestimmt auch an die scheiß Zahnfee.‘“

Bei zahlreichen Passagen in dem Roman denkt man unwillkürlich an verschiedene Ereignisse der vergangenen Jahre, vor allem an den Tod von George Floyd in Minneapolis im Mai 2020. Der 46-Jährige starb, nachdem ein weißer Polizist minutenlang auf seinem Hals gekniet hatte. Weltweit löste der Fall Proteste aus und brachte der Black-Lives-Matter-Bewegung große Aufmerksamkeit. Bücher von US-amerikanischen Autoren wie Nana Kwame Adjei-Brenyah („Friday Black“) und Wissenschaftlern wie Ibram X. Kendi („How to be an Antiracist“), in denen es um Alltagsrassismus geht, waren auch in Deutschland erfolgreich.

Im Interview mit dem britischen „Guardian“ sagte Whitehead im vergangenen Jahr, dass auch er Alltagsrassismus von weißen Polizisten erlebt habe, ebenso wie seine Eltern und seine Großeltern. Es sei jedoch nicht wert, darüber zu reden. Solche Erfahrungen treffen Afroamerikaner aller Schichten. Der Autor ist im (groß)bürgerlichen Manhattan aufgewachsen, hat seinen Abschluss an der Harvard-Universität gemacht. Er stamme aus der „Black Bourgeoisie“, sagt Anglist Marlon Lieber. „Was ich persönlich interessant finde, ist, dass Whitehead nie unterstellt, dass es ‚eine‘ schwarze Community gebe, die relativ homogene Erfahrungen teile, sondern einen sehr scharfen Blick für Unterschiede – vor allem für Klassenunterschiede – innerhalb der schwarzen Bevölkerung besitzt.“

Das zeigt sich auch in „Harlem Shuffle“. Und ebenso wird in dem Roman deutlich, wie unterschiedlich in diesen Schichten gesprochen wird. Der Hanser-Verlag stellt dem Buch eine Erklärung voran: „Sprache und Sprachgebrauch wandeln sich im Lauf der Zeit. Was in einer bestimmten Epoche angemessen erscheint, kann in der nächsten schon unangemessen sein. Den Wünschen des Autors entsprechend wurde die Sprache Amerikas in den Fünfziger- und Sechzigerjahren historisch getreu wiedergegeben.“ Das meint: Das N-Wort taucht im Buch auf; viele von Freddies und Carneys Kumpeln bezeichnen sich selbst – durchaus mit einem speziellen Selbstbewusstsein – als „Nigger“. Ähnlich kennt man das aus dem bekannten Harlem-Zyklus von Krimiautor Chester Himes (1909–1984).

Whitehead knüpft an sein Debüt an

In gewisser Weise knüpft Whitehead mit seinem aktuellen Buch an sein Debüt an: „Die Fahrstuhlinspektorin“, veröffentlicht 1998, handelt von einem mysteriösen Kriminalfall in New York, den eine Frau allein zu lösen versucht. 2004 erschien in Deutschland sein zweiter Roman „John Henry Days“. Eloquent und klug sprach er damals in einem Hamburger Café über sein erst zweites Buch und die literarische Tradition, in der er sich sehe. Das sei nicht immer einfach, wenn man an erfolgreiche Autorinnen wie Toni Morrison oder Alice Walker denke, sagte er. „Jedes große Buch ist schwierig für die Nachfolger, aber diese Autorinnen waren auch Türöffnerinnen für unsere Generation.“

Längst ist er selbst solch ein Türöffner für jüngere Autoren und Autorinnen geworden.

Colson Whitehead: „Harlem Shuffle“. Deutsch von Nikolaus Stingl. Hanser-Verlag. 384 Seiten, 25 Euro. Das Buch erscheint am 23. August.

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