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Seebad auf Rügen setzt auf Ampel-System am Strand


„Es muss losgehen. Wir sind bereit.“ Der Kurdirektor von Binz, Kai Gardeja, setzt im zweiten Corona-Jahr für das größte Ostseebad auf der Insel Rügen auf drei Farben: Rot, Gelb und Grün.

Als erster Küstenort in Mecklenburg-Vorpommern wird das Seebad den Verkehr am Strand und auf der Seebrücke über eine Ampel regeln. Werden Seebrücke oder einzelne Strandabschnitte von mehr Besuchern angesteuert, als es die Corona-Kontaktbeschränkungen erlauben, schaltet die Ampel auf dem Urlauber-Handy auf Rot. Sie signalisiert dem Gast, auf stillere Orte auszuweichen.

Möglichst hohe Auslastung im Sommer

In Tourismusorten, die besonders überlaufen sind, sollen digitale Lösungen dem Gast in diesem Jahr ein Stück Sicherheit vermitteln. Binz ist mit 3,2 Millionen Übernachtungen einer der größten touristischen Hotspots im Nordosten und nach eigenen Angaben mit der Strand-Ampel die erste voll digitalisierte Urlaubsregion in MV. Das Problem, das auch andernorts steht: Mit einer hohen Auslastung im Sommer will die Branche die Ausfälle aus dem Dauer-Lockdown möglichst kompensieren, zugleich aber übervolle Strände vermeiden.

Am Montag rüstete die österreichische Software-Firma Intermaps Kameras vor der Seebrücke mit sogenannten Perception-Boxes aus, die die Bilder datenschutzkonform verpixeln. „Aus den Pixelinformationen werden Besucherstromanalysen erstellt“, erklärt der Ingenieur Christian Vonach. Der Binz-Besucher bekommt die ausgewerteten Daten als Ampelfarben zu sehen. Praktisches Beispiel: Flanieren mehr als 1000 Besucher zeitgleich auf der 370 Meter langen Seebrücke, schaltet die Ampel auf Rot. Im Normalbetrieb haben 2500 bis 4000 Menschen auf dem Seesteg Platz.

In Alpenorten zur Loipenüberwachung genutzt

Für die Gemeinde werden die Besucherzahlen zusätzlich mit Wetterdaten kombiniert. Damit seien Prognosen über die Besucherentwicklung möglich, ergänzt sein Kollege Marcel Rönisch. Ähnliche Systeme würden bereits in Ski-Orten der Alpen, wie Seefeld, zur Loipenüberwachung eingesetzt und hätten sich dort bewährt. Auch deutsche Küstenregionen, wie die Lübecker Bucht und St. Peter-Ording, arbeiten bereits mit Strand-Ampeln.

Neben der Seebrücke will Binz bis Mitte Juni zusätzlich die Strandabschnitte bis hoch nach Prora mit 40 speziellen WLAN-Boxen aufrüsten. Sie messen, wie viele Handys sich zeitgleich am Strand befinden und wandeln diese Daten ebenfalls in Ampelfarben um. Schon vor Corona habe man über ein solches System zur digitalen Besucherlenkung nachgedacht. „Die Pandemie hat das Thema vorangetrieben“, sagt Gardeja.

Auch in anderen Küstenorten setzt man im Gegensatz zum Vorjahr verstärkt auf digitale Lösungen, wenn auch nicht auf digitale Ampeln. Im vergangenen Sommer musste der Gast beim Restaurantbesuch oder bei einer Veranstaltung ein Kontaktformular ausfüllen. „Die Zettelwirtschaft für die Kontaktverfolgung wird in diesem Jahr der Vergangenheit angehören“, sagt der Kühlungsborner Tourismuschef, Ulrich Langer. Die Check-in-Funktion von Corona-Warn-App (CWA) oder der Luca-App mache das lästige Ausfüllen der Listen überflüssig. „Unsere Hoffnung beruht darauf, dass die Corona-Warn-App bald den digitalen Impfausweis und die Testergebnisse implementiert“, so Langer.

Viel Aufwand für Genesene, Getestete und Geimpfte

Genesene, Geimpfte, Getestete – für sie gelten in diesem Jahr besondere Erleichterungen, die nachgewiesen werden müssen. Ab 1. Juni geht in Kühlungsborn mit dem Küstenguide eine Art digitale Kurkarte in Betrieb. Wenn der Gast seine Unterkunft über das Meldesystem bucht, bekommt er ein Angebot über einen digitalen Pre-Check-in. Das Einverständnis des Gastes vorausgesetzt, erhält der Gast neben Veranstaltungs- und Tourenvorschlägen auch Informationen zur Corona-Situation. Verbindlich ist das aber nicht.

Kommentar: Binz will Besucherströme per Ampelsystem lenken – warum erst jetzt?

Ein digitales Besucherlenkungssystem ähnlich dem in Binz plant Kühlungsborn allerdings nicht, obwohl es mit durchschnittlich 2,5 Millionen Gästeübernachtungen in den Vor-Pandemie-Jahren zu den touristischen Schwergewichten in MV gehört. „Die Besucherlenkung hat im letzten Jahr über die Strandvogte gut funktioniert“, so Langer.

Auch die Kaiserbäder auf der Insel Usedom (3,9 Millionen Übernachtungen im Jahr 2019) wollen Corona-Warn-App und Luca-App zur Kontaktverfolgung nutzen, verzichten aber auf ein Ampelsystem an den Stränden. „Wir verfügen auf Usedom über einen 44 Kilometer langen und 70 Meter breiten Strand. Bei uns verteilen sich die Besucher sehr gut“, so Kurdirektor Thomas Heilmann. Als Pandemietreiber habe sich die Branche im vergangenen Jahr nicht erwiesen.

Mittel in Zeiten des Overtourism

Digitale Ampelsysteme erfüllen nicht nur in Pandemie-Zeiten ihren Zweck, sagt der Tourismusforscher Edgar Kreilkamp, der die Aktivitäten in Binz wissenschaftlich begleitet. „In Zeiten des Overtourism kann eine digitale Besucherlenkung dem Gast aufzeigen, wo er im Stau zu stehen droht und wo er einen ruhigen Platz finden kann“, sagt Kreilkamp. In allen Ecken Deutschlands werde an digitalen Lösungen gearbeitet.

Die größte Herausforderung lässt sich allerdings nur analog lösen: Müsse jeder Gast alle zwei Tage einen negativen Corona-Test vorweisen, benötigen die Seebäder zusätzliche Testkapazitäten. Bei 20 000 Betten in den Usedomer Kaiserbädern rechnet die Gemeinde mit bis zu 10 000 Tests täglich – für Gäste, Mitarbeiter und Einheimische, prognostiziert der zuständige Gemeinde-Mitarbeiter Christoph Mehlberg.

Die Kaiserbäder müssen aufrüsten, bislang gibt es ein größeres Testzentrum in Ahlbeck mit einer Kapazität von 1500 Tests pro Tag. Kühlungsborn sieht sich mit seinem Test- Drive-in bereits gut aufgestellt – 5000 Tests sind in der Zeltstadt mit sieben Autospuren pro Tag möglich. „Das Ganze ist sehr personal- und kostenintensiv, aber es ist die einzige Möglichkeit, einen sicheren Urlaub zu gewährleisten“, so Langer.

Von Martina Rathke

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