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Protest gegen türkischen Steinbruch: „Das hier ist unser Leben“


Stand: 23.05.2021 08:08 Uhr

Ein landschaftliches Idyll im Norden der Türkei wird aus wirtschaftlichen Interessen zerstört. Doch die Menschen in den Dörfern wollen sich das nicht gefallen lassen – und kämpfen.

Von Michael Schramm,
ARD-Studio Istanbul

Der 61-jährige Musa Yilmaz hat fast sein ganzes Leben dort verbracht, wo heute hohe Zäune den Weg versperren und Polizisten Wache schieben. Noch bis vor wenigen Wochen war das eine heile Welt der Vögel, Schafe und Schäfer. Zwischen üppigem Grün wurden hier Tee angebaut und Honigbienen gezüchtet. Wälder spendeten Schatten. Doch nun schlagen schwere Maschinen Schneisen für Straßen. Böden werden planiert. Anwohner und Umweltschützer laufen dagegen Sturm.

Michael Schramm

Michael Schramm
ARD-Studio Istanbul

Seit Wochen massiver Widerstand

Seit fast zwei Monaten wird hier – trotz der Ausgangssperren wegen Corona – täglich demonstriert. Die Bewohnerschaft ganzer Dörfer findet sich ein. Alt und Jung sind dabei. Zelte werden gebaut, Mahnwachen gehalten. Immer wieder kommt Polizei. Es gibt Auseinandersetzungen. Tränengas wird eingesetzt und Menschen werden festgenommen. Viele Geldstrafen werden verhängt. Nur: Keiner bezahlt sie. Im Gegenteil: Klagen gegen die Polizei sind anhängig.

Im Norden der Türkei, nahe Rize und dem Schwarzen Meer, liegt das Dorf Ikizdere in malerischer Landschaft. Jetzt soll hier ein großer Steinbruch entstehen – inmitten des Naturparadieses. 17 Landparzellen wurden dafür bereits per Dekret im Handstreich enteignet – mit persönlicher Unterschrift des Präsidenten.

Seit zwei Monaten demonstrieren die Anwohner der Region um Ikizdere täglich gegen den Raubbau an der Natur.

Bild: ARD-Studio Istanbul

Steine für die vielen Baustellen des Landes

Der Bauboom der Türkei, er sorgt überall für gewaltigen Hunger nach Material. Es geht um viel Geld. Nur 40 Kilometer von Ikizdere entfernt soll zum Beispiel ein riesiger Hafen aus dem Boden gestampft werden – mit Steinen von hier.  

Anwohner, Bauern, Hirten oder Imker fürchten nun um ihre Lebensqualität, sehen ihr Trinkwasser in Gefahr. Die Angst vor Dreck, Staub und Trockenheit geht um. Umweltaktivisten sind inzwischen zu den besorgten Bürgern gestoßen. Auch Politiker der Oppositionsparteien finden den Weg hierher. Mehrere Klagen wurden und werden geführt.

Ungeachtet dessen aber schaffen schwere Maschinen weiter Fakten. Das bedrohte Naturparadies bei Ikizdere ist zu einem Politikum geworden. Ein ganzes Land blickt hierher. Delikat dabei: Offizieller Bauherr ist eine „Cengiz-Holding“, und die soll Präsident Recep Tayyip Erdogan nahestehen – dem nicht nur politisch so mächtigen Mann im Lande.

Die angegriffenen Bauherren verteidigen sich: Nicht sie hätten den Standort des Steinbruchs ausgesucht. Die Auswahl sei durch das Verkehrsministerium erfolgt. Die besondere Qualität der Steine in dieser Region sei dabei ausschlaggebend gewesen.

Die Bevölkerung gibt nicht auf

Am vergangenen Wochenende nun hat die Polizei die umkämpfte Baustelle eingezäunt, die Zelte der Demonstranten abgerissen, obwohl diese auf Privatgrund standen und deshalb nicht hätten entfernt werden dürfen. Trotzdem denkt in Ikizdere so gut wie niemand an Aufgeben – auch Musa Yilmaz nicht. Seit mehr als drei Wochen kämpft er für seine Bürgerrechte und für seine Heimat.

„Das hier ist unser Leben“, sagt er, „wir wollen es behalten“. Zu Hause sei sein Trinkwasser aus dem Hahn durch die ersten Baumaßnahmen bereits trüb geworden, klagt er. Yilmaz will weitermachen – egal, wie viel Polizei sich ihm in den Weg stellt.

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