Start day-news Pfarrer Kossen über Ausbruch auf Spargelhof in Niedersachsen nicht überrascht

Pfarrer Kossen über Ausbruch auf Spargelhof in Niedersachsen nicht überrascht


Den niedersächsischen Landkreis Diepholz beschäftigt ein Coronausbruch: 120 der etwa 1000 Beschäftigten des größten niedersächsischen Spargelhofs dort sind positiv auf das Virus getestet worden. Nun schließen Schulen, eine nächtliche Ausgangssperre ist in Kraft und die Bevölkerung ist sauer. Dabei überrascht Peter Kossen der Ausbruch nicht. Im Interview erklärt der katholische Geistliche, warum er die Arbeits- und Lebensbedingungen von Saisonarbeitern für das Hauptproblem hält.

Herr Kossen, im vergangenen Corona-Sommer standen Beschäftigte in der Fleischindustrie im Fokus, nun gibt es erste Meldungen zu größeren Corona-Ausbrüchen auf Spargelhöfen. Überrascht es Sie, dass schon wieder migrantische Beschäftigte betroffen sind?

Peter Kossen: Wir wissen, dass wir in Deutschland auf EU-Bürger angewiesen sind, die hier für schwerste Arbeiten herkommen. Gleichzeitig sind EU-Ausländer schnell Mitarbeiter zweiter oder dritter Klasse. Man mutet Migranten bei uns zu, zu Konditionen zu arbeiten, die nicht vertretbar sind, weil sie gesundheitsgefährdend sind, weil Menschen ausgebeutet werden und weil sie in erbärmlichen Behausungen leben müssen. Deswegen überrascht es mich nicht, dass es nun nach der Fleischindustrie und der Paket- und Logistikbranche auch auf Spargelhöfen zu Ausbrüchen kommt.

Sie haben selbst lange mit migrantischen Beschäftigten zu tun gehabt. Wie schätzen Sie deren Arbeitsbedingungen ein, gerade auch im Vergleich zu einheimischen Beschäftigten?

Migrantische Arbeitskräfte sind oft über Personaldienstleister angestellt, gehören deshalb nicht zum Betrieb. Häufig sind es atypische Beschäftigungsverhältnisse, damit ist ein Betriebsrat nicht ohne weiteres für die Betroffenen zuständig und meist gehören sie keiner Gewerkschaft an. Dann finden sie nur schwer einen Weg, ihre Rechte einzuklagen. Das wird in Deutschland brutal ausgenutzt. Es gibt einen deutlichen Klassenunterschied zwischen denen, die hier gut abgesichert sind und die wissen, wie sie ihre Rechte einfordern – und denjenigen, bei denen es anders ist.

Pfarrer Peter Kossen hat lange in der Nähe von Diepholz gelebt. Zugleich setzt sich der katholische Geistliche schon lange für migrantische Beschäftigte ein, ringt zusammen mit der „Aktion Würde und Gerechtigkeit“ um bessere Arbeits- und Lebensbedingungen für Beschäftigte aus dem Ausland – vor allem in der Lebensmittelindustrie, in Schlachthöfen und bei Erntehelfern. © Quelle: Katholische Kirche

Trotzdem kommen etwa Saisonarbeiter nicht unfreiwillig nach Deutschland …

Deutschland hat in Osteuropa und Südosteuropa immer noch den Ruf, ein Land zu sein, in dem Recht und Gesetz gelten. Menschen kommen meist gern nach Deutschland, weil sie hoffen, rechtsstaatliche und arbeitnehmerfreundliche Bedingungen vorzufinden. Es werden keine horrenden Löhne versprochen, meist sind es etwa 1500 Euro brutto. Hier werden die Menschen damit konfrontiert, dass die Bedingungen, die Unterbringung und die Löhne anders sind, als sie erwartet haben. Auch, dass es Dauerbefristungen und Ketten von Probezeiten gibt und dass Arbeitgeber gleichzeitig Wohnungsgeber sind, schafft Abhängigkeiten. Es ist ein böses Erwachen, wenn die Leute merken, dass ihnen Unrecht geschieht, sie sich aber gar nicht so leicht dagegen wehren können.

Wen sehen Sie in der Verantwortung, daran etwas zu ändern?

Wir legen in Deutschland ja Wert darauf, dass wir eine soziale Marktwirtschaft sind – und dass es Arbeitsbedingungen gibt, derentwegen man nicht krank wird. Aber die soziale Marktwirtschaft muss durch Gesetze gesichert werden. Wenn die nicht ausreichen, muss nachgeschärft werden. Beispielsweise, indem man wie mit dem Arbeitsschutzkontrollgesetz in der Fleischindustrie wirksame Gesetze schafft. Aber die müssen auch durchgesetzt werden, dafür müssen Behörden entsprechend ausgestattet sein. Natürlich ist es die Verantwortung von Arbeitgebern, vor Ort für menschenwürdige Bedingungen zu sorgen.

Ist nicht auch die Bevölkerung gefragt?

Es geht auch darum, wie man die Leute anschaut. Oft spricht man von der Rumänin oder dem Polen, nennt üblicherweise nicht einmal Vornamen. Das sagt doch auch etwas aus darüber, ob man den Menschen mit Wertschätzung begegnet. Oder ob man auf sie als die „dreckigen Rumänen“ blickt, „die uns eine Pandemie einschleppen“. Da begegnet man in der öffentlichen Diskussion auch Rassismus. Aber es hat auch etwas mit den Preisen zu tun: Bin ich bereit, als Konsument von Spargel, Fleisch oder Paketen, dafür zu zahlen, was dahinter an Arbeitsleistung steht? Oder will ich es möglichst billig? Irgendjemand zahlt immer den Preis. Und wenn ich es nicht bin, sind es im Zweifelsfall die migrantischen Arbeitskräfte.

Unternimmt aus Ihrer Sicht der Gesetzgeber genug, um die Lage migrantischer Beschäftigter zu verbessern?

Es wird nicht genug getan, man überlässt vieles dem guten Willen der Entscheider vor Ort, bezüglich der Unterbringung gibt es etwa viele Kann-Bestimmungen. Es gibt sicher auch in der Spargelwirtschaft Arbeitgeber, die sich bemühen, ihre Arbeitskräfte gut und menschenwürdig zu behandeln. Aber es gibt auch diejenigen, die von Gewissensfragen unbelastet sind, die einfach die Ernte weghaben und ihr Geschäft machen wollen – und buchstäblich über Leichen gehen. Deshalb braucht es eindeutige Vorgaben, was erlaubt ist und was nicht. Ein Beispiel ist der Erlass des Bundesarbeitsministeriums zur Unterbringung von Saisonarbeitskräften. Der schreibt letztendlich Einzelzimmer vor. Aber das wird meines Wissens nach überhaupt nicht durchgesetzt.

Nun sind Sie eigentlich Geistlicher, engagieren sich aber bei der „Aktion Würde und Gerechtigkeit“ für migrantische Beschäftigte. Woher rührt das?

Ich bin 2011 dienstlich ins Oldenburger Münsterland gekommen, wo ich auch geboren bin. Dort bin ich mit empörenden Einzelschicksalen konfrontiert worden. Aber eigentlich sind das keine Einzelschicksale, das hat System. Das Ausmaß ist mir erst nach und nach klargeworden, es reicht über die Fleischindustrie und auch über das Oldenburger Land hinaus. Bis heute treffe ich Menschen, die mit Träumen nach Deutschland kommen, aber auch wegen des Drucks, eine Familie ernähren zu müssen. Und wenn solche Träume platzen, weil (sich) jemand psychisch und körperlich kaputt gemacht wird, muss man Lobby sein für die, die ihre Stimme nicht erheben können. Ich meine, dass wir in unseren jüdisch-christlichen Wurzeln einen Auftrag dazu haben und Verantwortung tragen. Deshalb ist es für mich stimmig, als Priester Verhältnisse zu skandalisieren und eine Öffentlichkeit für Missstände herzustellen.

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