Start day-news Neues Album vom Rapper und Antilopen-Gang-Mitglied

Neues Album vom Rapper und Antilopen-Gang-Mitglied


Berlin. Danger Dan singt ein Lied aus Poesiealbumplunder. „Beginne jeden Tag mit einem Lächeln“ klingt, als imitiere er einen dieser mutlosen, verklemmten Lenorpopsänger aus dem Radio. Dann stimmt sein Bruder Panik Panzer mit ein, was wie ein Ironieverstärker wirkt. Denn dieser schreit nicht bloß. Es ist eine Art ka­thar­tisches Kotzen.

Während Panik Panzer die Kalendersprüche häckselt, eskaliert auch die Klavierbegleitung. Danger Dan spielt jetzt mit den Fäusten. „Das hat gut getan“, sagt der 37-Jährige im Interview per Videoschalte. Auch für sein Publikum sollte dieser Song etwas Befreiendes haben. Man muss einfach lachen.

Danger Dan von der Antilopen Gang ist auf seinem zweiten Soloalbum nicht Rapper, sondern Pianomann. Eine Elton-John-Pathos-Gefahr besteht nicht, denn er wirkt wie ein Punk am Klavier. Und wenn er doch eine Zeile wie „Und wenn du willst, dann schlaf doch heut bei mir“ singt, dann ist das guter Kitsch.

„So groß wie jetzt war die Aufregung noch nie“

„Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“, der Titelsong der neuen Platte, ist ein Youtube-Hit. „So groß wie jetzt war die Aufregung noch nie“, sagt er. „Das mag daran liegen, dass ich mich auf einer Theaterbühne ans Klavier setze und singe. Dort wird mir noch mal ganz anders zugehört, als wenn ich Rapmusik mache.“

Daniel Pongratz, Bühnenname Danger Dan, ist bekannt dafür, gegen Rechte und Rassisten anzurappen. Mit dem Lied „Beate Zschäpe hört U2“ hatten er und seine Band schon 2014 vor den neuen, immer lauter werdenden Demokratiefeinden gewarnt. Mit seiner aktuellen Single wendet er sich nun unter anderem gegen Alexander Gauland. „Gauland wirkt auch eher wie ein Nationalsozialist“, singt er über den vielleicht bekanntesten AfD-Politiker. „Juristisch ist die Grauzone erreicht, doch vor Gericht mach ich es mir dann wieder leicht“, provoziert er, „zeig mich an und ich öffne einen Sekt, das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt.“

Danger Dan macht sich für Freiheit, Vielfalt und Menschlichkeit stark und ist dabei angenehm hemmungslos, listig und humorvoll.

Der Musiker hat den Text vorab juristisch prüfen lassen. Gegen die Zeile „Und wenn du friedlich gegen die Gewalt nicht ankommen kannst, ist das letzte Mittel, das uns allen bleibt, Militanz“ gab es offenbar keine Bedenken. Man fühlt sich an die Anarchoparole „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ von Ton Steine Scherben erinnert. Und an die Wut der Band Rage Against The Machine.

Die Antilopen Gang rappt nicht nur, sie handelt auch

Ist das ein Aufruf zur Gewalt? Meint er, dass letztlich nur Gewalt helfe? „Nein. Ich verabscheue Gewalt“, antwortet Danger Dan, der sich als „Antifaschist mit 20 Jahren praktischer Erfahrung“ bezeichnet. „Man kann den Satz nicht aus dem Kontext gelöst verstehen. In dem Song geht um rechte Strukturen, Verstrickungen zwischen Rechten und Polizei sowie den Vertrauensverlust in Sicherheitsbehörden. Ich meine konkrete Bedrohungssituationen, in denen man einen prügelnden Nazimob wahrscheinlich nicht mit Lichterketten aufhalten wird. Ich bin froh, dass es Leute gibt, die die Courage haben, sich Nazis auf der Straße entgegenzustellen.“ Wie die Antilopen Gang selbst, als es 2015 im sächsischen Freital massive Proteste gegen ein Flüchtlingsheim gab.

Hat Alexander Gauland schon reagiert? „Von Gauland habe ich noch nichts gehört“, sagt Danger Dan. „Das leise rechte Rumoren im Internet wird übertönt von den positiven Rückmeldungen.“ Zum Beispiel von Karl Lauterbach. „Wenn Karl Lauterbach schon twittert, dass ihm das Lied richtig gut gefällt, dann hat es sich beim Marsch durch die Institutionen schon sehr abgeschliffen.“ Kurz mal Linken-Ikone Rudi Dutschke zitiert, der diese Formel einst geprägt hat, als er einer auf dem Marxismus beruhenden Utopie von einer besseren Welt nachjagte.

„Ich bezeichne mich durchaus als linksradikal“, sagt Danger Dan, jetzt ganz unironisch. „Man sollte öfter sagen, dass man linksradikal ist, weil es nicht schlimm ist.“ Denn unter radikal verstehe er, „strukturelle gesellschaftliche Probleme zu begreifen und zu verändern“, nicht bloß Symptome zu bekämpfen. Schade fände er nur, wenn er oder die Antilopen Gang auf den politischen Protest reduziert würden, „denn wir sind vielseitiger, wir sind auch Liebesliederschreiber, wir machen Klamauk, und wir negieren schon im nächsten Satz alles, was wir im Satz davor gesagt haben“.

Sein erstes Soloalbum „Reflexionen aus dem beschönigten Leben“ entstand im Rahmen einer Psychotherapie. Auch einige der neuen Songs wirken wie das stolze Ergebnis seiner Selbstheilung, „Ingloria Victoria“ etwa über seine Schulzeit, insbesondere die neun Monate am Victoria-Gymnasium in Aachen. „Meine ganze Schulzeit hat man mir klarmachen wollen, dass ich defizitär bin. Das fing in der ersten Klasse an, die ich wiederholen musste, und endete in der elften Klasse, die ich vier- oder fünfmal machte und nie schaffte. Ich hielt mich für einen Geschädigten und nicht für einen Schüler. Es hat Jahre gedauert, bis ich mich davon erholen konnte.“

Heute, sagt er, würde er sich jedoch nicht mehr als „Danger Dan – Ich bin ein Verlierer mit Würde“ vorstellen wie einst in dem Song „Outlaws“. „Ich fühle mich gerade nicht wie ein Verlierer.“

Lou Reed, der Rebell, als Vorbild

Ein Lou-Reed-Konzert in Bordeaux im Jahr 2012 beschreibt er in „Lauf davon“ sowohl als Tiefpunkt als auch als Wendepunkt in seinem Leben. Dort, auf dem Place des Quinconces, habe er sich so einsam und verlassen wie noch nie gefühlt, erzählt er. Er wusste: Er muss etwas verändern. Zuerst zog er nach Berlin. „Ich glaube, wenn man einmal richtig verloren gegangen ist, dann kann man viel freier entscheiden. Nicht, dass ich dadurch ein Rebell geworden bin wie Lou Reed, der auf alle Konventionen scheißt. Ich habe ein viel bürgerlicheres Leben, als das Lied vermuten lässt. Aber ich konnte mich in dieser Situation frei entscheiden, anstatt irgendwo hineinzuschlittern.“

Er lief davon, um kein Reihenhaustyp zu werden. Genau davor habe er immer Angst gehabt. „Gleichzeitig gab es die Angst, dass ich komplett versage und auf der Straße lande, wenn ich mich gegen das Reihenhaus entscheide. Das ist auch das, was dir beigebracht wird, glaube ich: Entweder du gehst den geraden Weg oder du gehst zugrunde.“

2013 nahm sich Jakob Wich, Gründungsmitglied der Antilopen Gang, das Leben. „Mit dem Tod konfrontiert und Jakobs Entscheidung, dieses Leben nicht mehr leben zu wollen, stellte ich mir selbst existenzielle Fragen. Wo stehe ich gerade? Was will ich eigentlich? Man kann aus einem Trauerprozess viel Kraft schöpfen. Jakobs Tod hat uns wahnsinnig zusammengeschweißt“, sagt Danger Dan. „Vorher waren wir eine Kegelgruppe, die am Wochenende ins autonome Zentrum fährt.“

Da es keinen Plan B gab, auch keinen Plan A, haben sie die Antilopen Gang einfach zu ihrem Plan gemacht, wie es Koljah, neben Danger Dan und Panik Panzer das dritte Bandmitglied, in einem früheren Interview formulierte. Seitdem tragen sie sogar die gleiche Tätowierung am Arm, das Antilopen-Logo.

„Antilopen sind wie Bono“

2017 schaffte es die Gruppe mit ihrem dritten Album „Anarchie und Alltag“ auf Platz eins der deutschen Charts, was Danger Dan später mit den Zeilen „Antilopen sind wie Bono“ und „Unsere Fans sind nicht mehr die Zecken von früher (no!), unsere Fans sind SPD- und Grün-Wähler (oh!)“ kommentierte. Offenkundig hadert er mit dem Erfolg. „Man kann nicht alles richtig machen. Ich beweg mich in einer superwidersprüchlichen Welt und bin selbst voller Widersprüche, die mir immer wieder aufstoßen“, sagt er.

Die Antilopen Gang (von links): Panik Panzer, Kolja und Danger Dan. © Quelle: Katja Ruge

Was, wenn tatsächlich irgendwann die Antilopenfahne auf dem Bundestag wehen würde, wie er es sich in dem Antilopen-Song „Das Trojanische Pferd“ ausmalt? Gehörte er dann, abgeschliffen wie ein Alt-Achtundsechziger, zum Establishment? Gäbe es dann eine Anti-Antilopen-Gang? „Ich hoffe sehr, dass es dann Widerstand gibt.“

Wie radikal oder bereit für Veränderungen wird er wohl selbst mit 70 sein? Der 37-Jährige scheint bereits eine Art linken Generationskonflikt wahrzunehmen. Mit der Zeit änderten sich auch Debatten, sagt er. „Materielle Kritik geht bei der Identitätspolitik der neuen Generation leider etwas unter.“ Doch er sei durchaus lernfähig, habe beispielsweise seinen Rassismusbegriff justiert, indem er nun auch den Kolonialismus mitdenke.

Mit typischem Antilopen-Humor fügt Danger Dan hinzu: „Im Alter will ich aber in erster Linie einen Tretbootverleih haben. Ich sitze am Steg und die Leute, denen ich die Tretboote ausleihe, bringen die Tretboote auch zurück.“

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