Start day-news Landesbischof Meister sieht die Gesellschaft an einem Wendepunkt

Landesbischof Meister sieht die Gesellschaft an einem Wendepunkt


1517 hat der Reformator Martin Luther 95 Thesen veröffentlicht, die damals wie Donnerhall in Europa wirkten: Tut Buße, rief er zu seinen Zeitgenossen, denn Jesus Christus will, dass das gesamte Leben der Glaubenden Buße sei. Was heißt das heute?

Das ist immer noch hochaktuell. Nur fehlt uns der Begriff der Buße, der gleichsam ausgewandert und geistlich nicht mehr so belegt ist. Aber wenn man sich anschaut, wie wir momentan mit großen Fragen umgehen, dann erlebe ich eine Form der inneren Einkehr und der kritischen Selbstreflexion vor Gott. Das kann man vergleichen mit dem, was Martin Luther mit der Buße meinte: Prüfe kritisch, wie Dein eigenes Leben verläuft, wie das Leben der Gesellschaft verläuft, wie das Leben in dieser Welt gestaltet ist und schaue, ob es richtig ist. Martin Luther würde sagen gottgemäß. Ich würde sagen, ob es der Zukunft eines friedlichen und gerechten Lebens auf diesem Planeten dient.

Martin Luther hat von innerer Buße gesprochen…

Genau. Es ist nicht der Zeigefinger auf andere, sondern der Blick auf das eigene Leben.

Wohin ist der Begriff der Buße ausgewandert?

Die unausrottbare Kraft des Bösen

Er ist bereits im 20. Jahrhundert aus dem religiösen Kontext entschwunden. Wir haben das Bußgeld für rechtswidrige Verfehlungen etwa, die man büßt. Auch für viele Menschen innerhalb der Kirche klingt die Aufforderung, dass man das ganze Leben in der Haltung der Buße führen sollte, relativ fremd. Wir werden das Böse nicht ausrotten. Wir werden nicht die Gier und nicht die Angst besiegen. Zur lebenslangen Buße, das heißt zur Wachsamkeit, die mein Leben vor Gott prüft, gehört der Wille zu einer Haltung. Was erkenne ich in der Welt? Was gebietet mir Gott? Für was kann ich stehen?

Was ist in unserer Kultur, in unserem Denken reformationsbedürftig?

Es gibt zwei große Zukunftsfragen, mit denen wir uns dringend auseinandersetzen müssen. Die eine ist schon in Gestalt von Demonstrationen und Protesten auf der Straße gelandet – das ist die Auseinandersetzung mit dem Klimawandel und seinen Auswirkungen für die Schöpfung und das Zusammenleben der Menschen. Und die zweite Frage ist der Umgang mit der weltweiten Migration. Angesichts des Klimawandels und angesichts der Tatsache von Hunger und kriegerischen Auseinandersetzungen wird es eine kontinuierliche Migration geben. Und wir haben keine ausreichenden Antworten darauf. Das sind für mich die beiden großen, entscheidenden Themen, denen wir und die kommenden Generationen uns stellen müssen.

„Es gibt zwei große Zukunftsfragen – der Klimawandel und der Umgang mit der weltweiten Migration“: Ralf Meister.
Quelle: Jens Schulze

Bei der jüngeren Generation gibt es angesichts des Klimawandels eine ungeheure Ungeduld, ganz schnell etwas zu tun. How dare You, wie kannst Du es wagen, schleuderte eine empörte Greta Thunberg vor der UN-Klimakonferenz den Mächtigen entgegen. Kann diese große Ungeduld nicht schnell in eine gewaltige Resignation umschlagen, wenn man den Blick darauf wirft, wie lange eine Gesellschaft für technologische und soziale Umbauten braucht?Auch ein Kohleausstieg will schließlich sozial abgefedert sein…

Es geht um unsere Konsequenz in der Durchsetzung umweltpolitischer Vorhaben. Von daher unterstütze ich fridays for future und andere Impulsgeber. Aber gefährlich wäre, wenn in dieser ambivalenten Lage der Wille zur Konsequenz in Panik umschlüge. Panik ist keine Haltung zum überlegten, kompromissfähigen Handeln. Sie führt, wenn nicht alles so schnell geht wie erhofft, eben auch zu Frustration. Unsere Haltung ist auch eine bußfertige Haltung: Was haben wir gewusst? Und was haben wir getan? Das ist auch die Einsicht in persönliche Inkonsequenz und Schuld. Und bezogen auf die Weltbevölkerung wissen wir mindestens seit einer Generation, welche Dynamiken globale Ungerechtigkeiten auslösen. Wir mühen uns redlich, aber finden keine ausreichenden Lösungen.

Der Club of Rome hat bereits zu Beginn der 1970er-Jahre die Grenzen des Wachstums beschrieben. Wir mussten das Buch in Biologie in der Oberstufe lesen. Dennoch hat die Weltwirtschaft immer weiter expandiert, hat sich globalisiert – mit allen guten und unguten Folgen. Was ist da schiefgelaufen?

Der Gelbe Sack und das vermeidbare Plastik

Auf so eine komplexe Frage nur ein assoziativer Gedanke. Mit den Veränderungen durch die Reformatoren zu Beginn der Neuzeit wuchs auch ein großes Freiheitsbewusstsein. Der Mensch erhielt die Möglichkeit, seine Konfession frei zu wählen, und im Laufe der Jahrhunderte folgten neben der Religionsfreiheit weitere Freiheitsrechte. Was früher allein in einem religiösen Kontext verstanden wurde, wurde in die Verantwortung des Menschen gelegt. Erst langsam lernen wir, wie wir mit diesen Freiheiten zum Wohle der Schöpfung leben können. Wir leben über unsere Verhältnisse. Wer ohne Rücksicht auf seinen ökologischen Fußabdruck sich daran gewöhnt hat, durch die Welt zu jetten, hört ungern damit auf. Dieser Lernprozess braucht viel länger, als wir gedacht haben. Erst katastrophale Entwicklungen, wie beispielsweise dramatische Klimaveränderungen, lassen jeden Menschen spüren, wie sinnvoll es ist, das eigene Verhalten zu verändern und zu verzichten.

Müssen die Kirchen nicht aus Gründen der Vernunft, ja sogar aus Gründen der höheren Vernunft wieder Verzicht predigen?

Ja, eine Ethik des Genug wird von den Kirchen bereits seit vielen Jahren vertreten. Die ökologische Plünderung wird diktiert vom mehr. So geht es um Begrenzung, Verzicht. Ein kleines Beispiel: Wie absurd ist es, dass wir komplexe Recycling-Systeme aufgebaut haben, aber nicht von Beginn an die Produktion z.B. von Plastik radikal reduzierten? Die Evangelische Kirche in Deutschland hat sich in vielen Denkschriften mit der Frage des Genug beschäftigt, denn allen ist klar, dass die weitere Entwicklung des weltweiten Wohlstands entlang der westlichen Entwicklungswege nicht zu vertreten ist. Ein „weiter so“ ist ausgeschlossen.

Ralf Meister ist seit 2011 Landesbischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers
Quelle: Ilona Hottmann

2015 erlebte unsere bundesdeutsche Gesellschaft neben einer großen Hilfsbereitschaft geradezu einen Schock, der eine rechtskonservative bis extremistische Partei groß werden ließ – als Zigtausende Migranten zu uns kamen. Wie kann man als saturierter Westen mit der Migrationsfrage umgehen, ohne Gefahr zu laufen, rechtsextreme Ansichten und Parteien zu befördern? Es gibt kaum ein Problem, vor dem einige Menschen so viel Angst haben wie vor massenhafter Zuwanderung…

Menschen reagieren mit Rückzug, Abschottung und Protest auf drohende Gefahren. Und Migration erleben dabei viele nicht als Chance, sondern als Bedrohung. Der Rückzug in z.B. digitale Gefilde, in der eigene Meinung bestärkt und geteilt wird, gibt Sicherheit. Das ist eines der Probleme der sogenannten „Communities“, die sich nach außen geschlossen geben und nicht zu Diskussionen und Konsenssuche zu erreichen sind.

Wir haben ja die Festung Europa…

Der fatale Wunsch nach Abschottung

Ja, das haben wir in der Migrationsfrage in Europa. Und in manchen Ländern in Lateinamerika, in Städten mit hoher Kriminalitätsrate, sogenannte gated communities, also bewachte Städte innerhalb der Stadt. Diesen Abschottungsreflex halte ich für sehr problematisch. Und für mich ist er auch nicht zukunftsfähig. Wir müssen ihm auch aus christlicher Sicht widersprechen. Die Migration ist eine globale Herausforderung, die eine Antwort der Weltgemeinschaft braucht.

Aber die Grenzen völlig zu öffnen, wäre auch keine Lösung…

Was ist nötig, um ein gesichertes Leben für die Menschen an den Orten, an denen sie leben, zu ermöglichen? Dafür brauchen wir Strategien und viel Einsatz. Denn es gibt überhaupt keine Chance, dass die hoch entwickelten Wirtschaftsräume alle Menschen aufnehmen, für die es notwendig wäre. Insofern ist es wichtig, dass wir die Entwicklung von anderen Ländern, gerade die gefährdeten Nationen in Afrika, so fördern müssen, dass dort lebenswerte und gesicherte Zustände entstehen. Wir sind noch weit entfernt von einem solchen weltweiten Solidaritätsverständnis. Das zeigt schon der Blick auf die Verteilung der Impfstoffe.

Luther war ein scharfer Kritiker der katholischen Kirche und hat vor allem etwas gegeißelt, das sicherlich auch die Missbrauchsaffären in der römischen Kirche ermöglicht, ja sogar verschärft hat, den Klerikalismus – das Bewusstsein, das es sich bei Geistlichen um heilige Personen handelt. Müsste man als protestantische Kirche nicht auch viel schärfer mit dem Klerikalismus ins Gericht gehen oder verbietet sich das aus ökumenischer Höflichkeit?

Die erste und wichtigste Reaktion ist für mich große Solidarität und Offenheit, Hörbereitschaft und Unterstützung für die Betroffenen sexualisierter Gewalt. Diese Frage kann man nicht konfessionell betrachten. Wir sind dabei, den kritischen Blick konzentriert auf die eigenen Strukturen zu richten, in denen Machtverhältnisse gelebt haben und vielleicht noch immer leben, die zu Missbrauch in vielfältiger Hinsicht verleiten oder verführen. Wichtig ist, dass wir dies mit den Betroffenen sowie externen Fachleuten gemeinsam erarbeiten. Aber da stehen wir noch am Anfang.

Was ist für heute der wesentlichste Impuls der von Luther und anderen angestoßenen Reformation?

Unbedingt: Schnell noch ein Apfelbäumchen pflanzen

Die Weltlage ist eine völlig andere als vor 500 Jahren. Aber wir befinden uns ebenfalls an einem Wendepunkt und brauchen eine kritische Gewissensprüfung: Wie wollen wir leben? Das ist die Haltung, die für viele Christinnen und Christen vor 500 Jahren entscheidend war: Welchen Weg wollen wir gehen? Sich selbst im Gespräch mit Gott und anderen einen Kurs zu erarbeiten – auf diesem Weg sind wir weiterhin mit ganz neuen und riesigen Aufgaben.

Wie wollen wir leben? Welchen Weg wollen wir gehen? Diese Fragen stellt sich auch Ralf Meister
Quelle: Katrin Kutter

Und wenn die Welt zugrunde geht, noch schnell ein Apfelbäumchen pflanzen…?

Auch wenn dieses Zitat wohl nicht originell von Luther stammt, sondern ihm nur zugeschrieben wird, finde ich es absolut richtig. Darum geht es. Kein Förster wird nach drei Dürre-Sommern sagen, es hat keinen Zweck mehr, Bäume zu pflanzen. Er würde seinen Berufsstand und die Zukunft dieser Erde missachten. Wir müssen jetzt säen und pflanzen. Auch wenn wir sofort keine Früchte davon ernten. Aber das ist genau die Herausforderung. Christinnen und Christen sind Hoffnungsmenschen. Gott hat eine Zukunft mit uns Menschen und dieser Erde. Wir müssen unseren Teil dazu tun, dass unser Planet ein Ort sein wird, an dem der Mensch im „Schalom“ mit der Schöpfung leben kann.

Und was bleibt uns Städtern, die keine Förster sind? Die Solarzelle auf dem Dach?

Das werden wir ja hoffentlich künftig in einer anderen Geschwindigkeit erleben. Nach allem, was ich höre, wird es in den nächsten Jahren selbstverständlich sein, dass die Energiegewinnung regenerativ und komplett dekarbonisiert sein wird. Das ist schon auf dem Weg und muss auch innerhalb der Kirchen ernst genommen werden. Und ich bin sehr froh, dass es wohl bald die Gelegenheit geben wird, dass wir auch auf denkmalgeschützten Dächern der Kirchen Fotovoltaik installieren können.

Apropos Denkmalsschutz: Wie viel alte kirchliche Worte verdienen eigentlich alte Begriffe wie Erlösung, Auferstehung? Vielen sagt das nichts mehr… Sollen wir die alten vergessen oder müssen wir diese Zentralbegriffe neu übersetzen?

Ich glaube, es wird beides sein. Wir müssen sehen, mit welchen Bildern und anschaulichen Vorstellungen wir zentrale Gedanken christlicher Religion lebendig halten. Ein Beispiel: Die Bilder, die dazu halfen, an die Auferstehung zu glauben, helfen heute vielen Menschen nicht mehr. Das ist eine große Herausforderung: Welche neuen Bilder finden wir? Das heißt aber gerade nicht, dass wir auf diese alten christlichen Begriffe verzichten sollten. Mir berichten immer mehr Menschen, dass bei Trauerfeiern der Begriff der Auferstehung nicht mehr auftaucht. Wenn wir auf solche Begriffe verzichten würden, nur weil die konkrete Anschauung derzeit fehlt, dann ist das Christentum nichts anderes als ein Stück esoterischer Wellnessbearbeitung, eine therapeutische Maßnahme im Umfeld einer katastrophalen Weltsituation. Dann kann sie auch einpacken. Deshalb plädiere ich sehr dafür, nach neuen starken Bildern zu suchen, aber unbedingt an den grundlegenden Vorstellungen, die für das Christentum unersetzbar sind, festzuhalten.

Haben Sie ein neues Bild für Auferstehung?

Ich habe ganz persönlich noch die schöne Vorstellung, dass in der kommenden Welt es Begegnungen gibt – nicht nur mit Gott, sondern mit anderen Menschen, die vor mir dort angekommen sind. Das finde ich ermutigend: In einer anderen Welt die anderen Menschen wieder zu treffen, mit denen ich in dieser Welt zusammen gewesen bin. Und zwar versöhnt. Das ist ein großer Trost.

Von Michael B. Berger

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