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Junge Erwachsene haben kein Recht auf vergessen


Berlin. Das Internet kann viel, aber vergessen kann es nicht. Alles – wirklich alles –, was im Netz veröffentlicht wird, kann auch gespeichert werden. Von Fotos über Videos bis hin zu Nachrichten und Beiträgen. Manchmal muss man zwar in den hintersten Winkeln des virtuellen Raums danach suchen, aber auch dafür gibt es eigene Anwendungen, mit denen jeder Nutzer und jede Nutzerin Websites quasi abfotografieren und mithilfe von Datenbanken wieder hervorholen kann.

Je mehr man postet und je jünger man dabei ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich später Unbedachtes, Unfaires, Unschönes wiederfindet. Wer sucht, wird oft auch fündig. Deshalb fürchten viele junge Menschen, die mit Social Media groß geworden sind, dass irgendwann Relikte ihrer Vergangenheit wieder auftauchen. „Die junge Generation hat den Eindruck, dass ihre Handlungen transparent sind und dass Anonymität nicht mehr gewahrt wird“, sagt Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier im Gespräch.

Lindners amüsanter Clip von 1997

Manchmal ist es nur das harmlose Partyfoto, auf dem man verschwitzt und betrunken tanzend in einem Club abgelichtet wurde, oder ein amüsanter Clip, der in jungen Jahren auf Youtube hochgeladen wurde. In diese Harmloskategorie fällt zum Beispiel eine Jugendsendung aus dem Jahr 1997, bei der der heutige FDP-Chef Christian Lindner mitwirkte.

Der 18-jährige Lindner trat mit zurückgegelten Haaren vor die Kamera und trug eine Kuhmuster-Krawatte, während er selbstbewusst von seinem Unternehmertum erzählte. Einmal im Internet gelandet, gespeichert für die Ewigkeit und mittlerweile ein Running Gag, kommt dieses Video heute auf mehr als 1,5 Millionen Aufrufe.

Erst die Glückwünsche, dann der Shitstorm

Manchmal taucht aber auch etwas Ernstes auf, das schwerwiegende Konsequenzen nach sich zieht. Aktuell spürt das die neue Bundessprecherin der Grünen Jugend, Sarah-Lee Heinrich. Noch vor wenigen Tagen freute sich die 20-Jährige über ihren Erfolg: Gemeinsam mit Timon Dzienus wurde sie an die Spitze der Jugendorganisation gewählt. Sie erhielt zahlreiche Glückwünsche, auch von Grünen-Co-Chefin Annalena Baerbock.

Doch nur einen Tag später trendete auf Twitter in Zusammenhang mit ihr bereits der Hashtag „Rassistin“ – sie war tagelang das Gesprächsthema Nummer eins in der politischen Twitter-Blase. So hatten Unbekannte kurz nach dem Bundeskongress der Grünen Jugend alte Tweets von Heinrich im Netz verbreitet.

Im Alter von 13 und 14 Jahren hatte sie mehrere verletzende Äußerungen auf der Plattform veröffentlicht. Ihr Account kommentierte damals beispielsweise den Nazi-Begriff „Heil“ unter einem Beitrag mit einem Hakenkreuz. In einem weiteren Tweet nutzte sie die schwulenfeindliche Beschimpfung „Tunte“.

Der Skandal­mechanismus ging los

Zudem wurde ihre Äußerung aus dem Jahr 2019 – „eklig weiße Mehrheitsgesellschaft“ – wieder hochgespült. Für die hatte sie sich bereits entschuldigt. Der Skandal­mechanismus ging los. Es folgten Tausende Twitter-Kommentare mit angebrachter Kritik, aber auch mit unangemessenen Beschimpfungen.

Heinrich entschuldigte sich daraufhin mehrmals. Den Inhalt der Tweets erklärte sie nicht, sagte aber, sie seien peinlich. Heinrich erhielt laut eigenen Angaben sogar Morddrohungen.

Egal, ob es sich um beleidigende Tweets oder unangenehme Videos handelt, junge Menschen genießen nicht mehr den Luxus, pubertäre Aktionen zu verheimlichen. Denn diese spielen sich häufig im Internet ab oder werden dort verbreitet. „In der Zeit vor Social Media war das anders“, erklärt Heinzlmaier, der sich seit mehreren Jahrzehnten sozialwissenschaftlich mit der Jugend befasst. „Äußerungen oder Fehltritte haben damals den Kontext des Freundeskreises, der Familie und den regionalen Raum eigentlich nicht verlassen.“

„Eigendynamiken, die im analogen Leben nicht möglich sind“

Das Internet sei ein neutraler Raum, sagt die Medien­wissenschaftlerin Vivian Roese, „ein digitaler Spiegel der analogen Welt“. Menschen würden die gesamte Palette an Emotionen und Menschlichkeit dort hineinprojizieren. Aber: „Social Media können eine Eigendynamik entwickeln, die im analogen Leben so gar nicht möglich ist“, sagt die Medienhype-Forscherin.

An sozialen Netzwerken sei schwierig, dass Jugendliche in der Findungsphase „ein analoges und ein digitales Ich“ schaffen müssten. „Sie finden quasi in zwei Welten statt, wobei eine ja schon schwierig genug ist“, betont sie. Roese zufolge ist es zudem problematisch, dass junge Menschen den ihnen unbekannten Social-Media-Dynamiken ausgesetzt sind. Sie könnten nicht abschätzen, ob die im Netz hinterlassenen Spuren morgen oder in zehn Jahren gegen sie verwendet würden, erklärt die Wissenschaftlerin.

Manche werden dann – so wie Sarah-Lee Heinrich – Jahre später mit ihren Fehltritten konfrontiert. Wie gerecht ist das – oder auch wie ungerecht? „Die Jugend ist die wichtigste Zeit der Sozialisierung: Jugendliche sind spontan, sie denken nicht viel über ihre Aussagen und Taten nach“, sagt Jugendforscher Heinzlmaier. „Sie probieren sich aus, ändern ihre Meinung sehr schnell und sind auf der Suche nach ihrer Identität. Manchmal passieren dabei Dinge, die unreflektiert und verletzend sind.“

Ein Problem, das andere Generationen so nicht hatten

Im Falle der Grüne-Jugend-Bundessprecherin denkt er: „Was Sarah-Lee Heinrich mit 14 Jahren gesagt hat, ist für die heutige Situation völlig unwichtig, weil sie sich mittlerweile verändert hat.“ Ihre damaligen Aussagen solle man nicht mit ihrer heutigen Person in Zusammenhang stellen. „Ich würde sogar die Frage in den Raum werfen, ob sie sich überhaupt entschuldigen muss. Das müsste man eigentlich mit dem 14-jährigen Mädchen klären“, ergänzt Heinzlmaier.

Die Realität sieht jedoch anders aus: Manche Erwachsene müssen sich für ihr 14-jähriges Ich entschuldigen, vor allem wenn der Druck in den sozialen Medien groß ist. Ein Problem, das Generationen vor ihnen in dieser Form nicht hatten.

Was macht das mit jungen Menschen? „Früher war das Merkmal der Jugend die Unbekümmertheit. Heute leben junge Menschen in dem Bewusstsein, dass eine Gefahr lauert“, sagt Heinzlmaier. Das sei verunsichernd.

Medienverhalten junger Menschen erstaunlich unbekümmert

Paradoxerweise hat sich der Umgang mit den sozialen Medien allerdings nicht groß verändert. „Das Medienverhalten junger Menschen ist erstaunlicherweise unbekümmert. Sie sagen zwar selbst, dass sie überlegen, was sie im Netz schreiben oder welches Bild sie posten“, sagt der Jugendforscher. „In der Praxis sieht das aber anders aus, auch weil ihnen durch die Plattformen vorgegaukelt wird, dass diese abgeschlossene Räume sind.“

Medienwissenschaftlerin Vivian Roese glaubt, die nachkommenden Generationen würden mit der Zeit medienkompetenter. „Die Kinder von heute wachsen mit Social Media auf“, sagt sie. So würden kleine Kinder heute beispielsweise von Millennials erzogen. Helfende Informationen über das Internet sind dennoch essenziell: „Kinder müssen unbedingt aufgeklärt werden über das Netz und die Dynamiken von Social Media, von Eltern, aber auch in der Schule.“

Denn ein Luxus, den die Jungen von heute nicht haben, ist die Vergänglichkeit. „Im Zeitalter der sozialen Medien vergeht die Vergangenheit nicht mehr“, sagt Heinzlmaier. „Das Vergangene nimmt eine große Präsenz im Heute ein.“

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