Start day-news Hannovers Firmenchefs müssen wegen Corona private Reserven anzapfen

Hannovers Firmenchefs müssen wegen Corona private Reserven anzapfen


Für etliche Großbetriebe hat der Staat üppige Unterstützungen lockergemacht, damit sie durch die Corona-Krise kommen. Für viele Mittelständler aber ist die Situation prekär: Entweder reicht das Fördergeld nicht aus, oder es lässt überlang auf sich warten.

Firmen leiden unter der Krise

Da ist zum Beispiel das Modegeschäft Mira Michi in der Lister Meile mit Filialen in Burgwedel und Gehrden. „Wir sind ein kerngesundes Unternehmen und seit 49 Jahren am Markt“, sagt Gründer Manfred Rusche. Damit der Betrieb nächstes Jahr seinen 50 Geburtstag feiern kann, schießen er und seine Frau Anna Rusche seit Monaten aus dem Privatvermögen Geld hinzu. „Dabei ist das eigentlich unsere Altersvorsorge“, sagen die beiden.

„Der Click-&-Meet-Verkauf macht gerade mal 10 bis 15 Prozent des sonst üblichen Umsatzes aus“: Anna Rusche, Geschäftsführerin der Boutique Mira Michi in der Lister Meile.
Quelle: Katrin Kutter

Von dem vollmundig angekündigten Fördergeld der Bundesregierung, der sogenannten Überbrückungshilfe III, haben die Rusches noch keinen Cent gesehen. Statt der erhofften Überweisung kam nach knapp einem Monat ein Hinweis, dass der vom Steuerberater gestellte Antrag „im Rahmen des Stichprobenverfahrens oder aufgrund konkreter Anhaltspunkte einer vertieften Überprüfung unterzogen“ werde. Dagegen hat Manfred Rusche nichts. „Aber warum man uns nicht mal Abschlagzahlungen gewähren kann, ist mir unbegreiflich.“

Click & Meet reicht nicht

Die bei den Lieferanten bezahlte Herbst-Winter-Mode war wegen der Krise quasi unverkäuflich, die Frühlings-Sommer-Mode ist jetzt in den Boutiquen angekommen. Zwei von drei Vermietern haben Reduzierungen akzeptiert, für die knapp 20 Mitarbeiter ist Kurzarbeit angemeldet, stundenweise arbeiten sie wieder. „Aber der Click-&-Meet-Verkauf macht gerade mal 10 bis 15 Prozent des sonst üblichen Umsatzes aus“, sagt Rusche.

Hätte das Ehepaar Rusche keine privaten Rücklagen, die es einsetzen kann, um Lieferanten und Strom zu bezahlen, dann müsste der Betrieb nun wohl Insolvenz anmelden. Seit dem Wochenende ist das Insolvenzrecht wieder in Kraft, demzufolge sich Unternehmenschefs strafbar machen, wenn sie im Fall von drohender Überschuldung oder Zahlungsunfähigkeit ihre Insolvenzmeldung verschleppen. Die Bundesregierung hatte die Regelung 13 Monate lang ausgesetzt, um die Folgen der Corona-Krise abzumildern.

Steigende Insolvenzquote erwartet

Ob es kurzfristig eine Pleitewelle geben wird, vermag derzeit niemand seriös zu sagen. Bei Hannovers Wirtschaftsfördergesellschaft Hannoverimpuls rechnet Geschäftsführerin Doris Petersen mit einer „steigenden Insolvenzquote“. Vor allem Einzelhandel, Gastronomie, Veranstaltungsfirmen und Schaustellergewerbe hätten seit fast einem halben Jahr „quasi keine Einnahmen mehr“. Seit Beginn der Pandemie biete Hannoverimpuls Beratungen für Unternehmen und Selbstständige an, die sehr gut nachgefragt werden. In Kürze wollen die Wirtschaftsförderer zusätzliche Angebote zum Thema Resilienz machen, kündigt Petersen an: „Wir müssen dabei helfen, dass die Betriebe besser durch Krisen kommen.“

Bei Insolvenzverwaltern wie dem Hannoveraner Rainer Eckert haben sich in den vergangenen Wochen etliche Unternehmenschefs gemeldet, die wissen wollten, ob sie um die Insolvenzmeldung herumkämen. „Viele wollten am liebsten eine Bestätigung haben, dass es bei ihnen nicht so schlimm ist“, sagt Eckert. „Aber wir mussten oft erklären, dass sie sich strafbar machen, wenn sie sich nicht melden.“

„Ein leises Sterben“

Ein Sprecher der IHK Hannover weist darauf hin, dass sich nicht alles in der Insolvenzstatistik niederschlagen wird. Denn die Insolvenzantragspflicht gilt nur für Kapitalgesellschaften wie etwa GmbHs. „Bei kleineren Unternehmen wird es vielfach ein leises Sterben geben“, sagt Stefan Noort.

„Seit 1. November ein Tätigkeitsverbot, aber niemand kommt für das Defizit auf“: Alexandra Waßmann, Kosmetikerin aus Rodenberg.
Quelle: AWK

Dazu könnten etwa zahlreiche Kosmetikerinnen und Kosmetiker gehören. „Ich rechne damit, dass jeder zweite bis dritte schließen muss“, sagt Alexandra Waßmann aus Rodenberg westlich von Hannover. Die Branche falle komplett durchs Raster aller Förderungen. Der Staat erstatte nur 25 Prozent der Fixkosten wie Miete – und nichts von den Umsatzausfällen. „Wir haben seit 1. November ein Tätigkeitsverbot, aber niemand kommt für das Defizit auf“, sagt Waßmann.

Kosmetiker fallen durchs Raster

Obwohl Kosmetiker vielfach pflegende Dienstleistungen etwa bei Hautallergien, Ekzemen oder in der Krebsnachsorge vollbringen, habe die Branche „quasi ein Berufsverbot“. Im Gegensatz zu den Friseuren. „Die haben einfach eine bessere Lobby“, ärgert sich Wassmann.

Muss gegen seinen Vermieter klagen: Andreas Guntermann, Betreiber des Amadeus-Hotels in Linden.
Quelle: Katrin Kutter (Archiv)

Hotelier Andreas Gutermann, der das Amadeus-Hotel an der Fössestraße betreibt, ist bisher mit einem blauen Auge und massiven Umsatzeinbußen durch die Krise gekommen – sein Betrieb hatte für Geschäftsreisende geöffnet. Nun aber will sein Vermieter auf einmal keinen Nachlass mehr beim Pachtpreis gewähren. „Wenn er darauf besteht, dann kann es im Sommer eng für uns werden“, sagt Gutermann, der jetzt juristisch dagegen vorgehen will. „Vermieter scheinen zu glauben, dass das Fördergeld des Staates die Mietkosten zu 100 Prozent ersetzt“, sagt Gutermann.

„2021 wird mindestens genauso schwer“

Für seine Branche ist die Krise zudem noch lange nicht ausgestanden. 2021 wird es keine große Messe in Hannover geben, und auch bei Geschäftsreisen ist keine Erholung absehbar. „Durch 2020 sind wir irgendwie durchgekommen, aber 2021 wird mindestens genauso schwer“, sagt Gutermann.

Von Conrad von Meding

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