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Ein Hochdruckgebiet namens Freiheit nähert sich Deutschland


Hannover. Nie fühlen sich die ersten warmen Tage des Frühlings so gut an, als wenn sie unmittelbar auf eine letzte Phase schneidender Kälte folgen. So gesehen steht uns ein großartiges Wochenende bevor: Gestern noch Graupel, morgen schon Grillwetter. Dazu sinkende Infektionszahlen, steigende Impfquoten, Lockerungen fast überall, und mit Test oder Impfungen auch schon mal wieder ein Bier mit Freunden im Freien.

Ein Hochdruckgebiet namens Freiheit nähert sich Deutschland. Beste Aussichten also. Oder jedenfalls: die besten seit Langem. Sie sind ein großes Glück – und zugleich eine Verpflichtung.

Ein emotionales Sturmtief

Es war ja tatsächlich so, dass uns diese Pandemie und die Warnungen aus der Wissenschaft in den letzten Wochen noch einmal durch ein gewaltiges emotionales Sturmtief geschickt haben. Wieder über 300 Tote täglich, wieder über 5000 Patienten auf den Intensivstationen und dazu die Aussicht, dass es noch weit schlimmer kommen könnte. Nur zur Erinnerung: Noch im März prophezeite das RKI für die Zeit nach Ostern eine Inzidenz von 350, und vor gerade mal drei Wochen war in den Mahnungen mancher Intensivmediziner – „wir haben fünf nach zwölf“ – der Kollaps der Versorgung im Grunde schon Realität. Das einzige Heil schien im härtesten aller Lockdowns zu liegen.

Der April war einer der kältesten seit Langem – auch meteorologisch übrigens.

Viele dieser Modellrechnungen haben sich glücklicherweise nicht bewahrheitet, dem Impffortschritt, Ausgangssperren und dem Ende des Winters sei Dank. Heute prophezeien auch strenge No-Covid-Verfechter baldige Inzidenzwerte von unter 50. Ja, es ist müßig, sich die Irrtümer von einst später vorzuhalten. Und, ja, die Warnungen werden einen Anteil daran gehabt haben, dass sie letztlich nicht eintrafen – indem sie Menschen dazu brachten, sich anders zu verhalten.

Abstand halten – auch zur Hysterie

Auf der anderen Seite jedoch haben sie auch das Gefühl einer Angsterschöpfung gemehrt, die manchen zuletzt regelrecht zermürbte. Es war in den vergangenen Wochen nicht die schlechteste Strategie, innerlich auf Distanz zu gehen zu allen Extremen und Aufgeregtheiten dieser Diskussionen. Maske auf und Abstand halten, auch zur Hysterie: Das galt für jeden Einzelnen. Und es galt auch für die Politik, die viel gescholtene, die am besten beraten war, wenn sie sich auf ihre klassische Rolle verstand: die der Mittlerin zwischen widerstreitenden Ansprüchen, Interessen und Werten. Wenn sie also versuchte, alles im Blick zu behalten: die körperliche Gesundheit ebenso wie die psychische und das Recht der Kinder auf Bildung und ein Mindestmaß an Kontakt. Selten genug ist es gelungen.

Doch wenn dies die Lehre aus den letzten Wochen ist, dieses Lob des Ausgleichs und der Antihysterie, dann heißt das auch etwas für die kommenden Wochen: Dass wir vor lauter Sonnenschein- und Hurrastimmung nicht vergessen dürfen, wie die Situation eben nach wie vor auch ist. Noch immer kämpfen fast 4700 Menschen auf den Intensivstation in Deutschland um ihr Leben, noch immer sterben jeden Tag zwischen 200 und 300 Männer und Frauen an den Folgen von Covid-19. Dieses Virus wird uns weiter begleiten, in welcher mutierten Form auch immer. Und es wird uns auch weiter bedrohen, vielleicht sogar dann am stärksten, wenn wir es vorschnell für besiegt halten.

Die Grenzen der Freiheit

So gilt: Ja, dieser Sommer wird gut werden, es spricht gerade alles dafür. Wir werden reisen, werden Menschen treffen, dank der Impfungen weitgehend befreit von der Sorge, uns oder andere zu infizieren mit diesem Virus, dessen Namen wir dann zumindest für ein paar Wochen nicht mehr hören wollen. Gefährden können wir diese Aussicht eigentlich nur auf eine einzige Art: Wenn wir vergessen, dass die Freiheit bis dahin weiter ihre Grenzen hat.

Von Thorsten Fuchs/RND

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