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Diese Bücher können den Leipziger Buchpreis gewinnen


Zum 16. Mal werden in diesem Jahr die Preise der Leipziger Buchmesse vergeben. Wie seit 2005 in jedem Jahr werden dabei Werke aus den Kategorien Belletristik, Sachbuch und Übersetzung ausgezeichnet. Die Leipziger Buchmesse fällt in diesem Jahr zwar wie bereits 2020 aus. Aber einzelne Veranstaltungen der Reihe „Leipzig liest“ finden seit Donnerstag statt. Auch die traditionelle Mittwochabendveranstaltung mit der Verleihung des Preises für europäische Verständigung fiel nicht aus. Eine Besonderheit des Abends war die Ehrung gleich zweier Preisträger: Johny Pitts (für sein Buch „Afropäisch“, Suhrkamp) als Preisträger 2021 und László F. Földényi (für „Lob der Melancholie“, Matthes & Seitz) als Preisträger 2020.

Der Preis der Leipziger Buchmesse wiederum wird am Freitag vergeben. Beginn ist um 16 Uhr. Sie kann hier im Livestream verfolgt werden. Die siebenköpfige Jury setzt sich aus deutschen Journalisten und Literaturkritikern zusammen.

Die Nominierten in der Kategorie Belletristik

Iris Hanika: „Echos Kammern“. Der Mythos von Echo und Narziss erzählt die Geschichte der schwer verliebten Bergnymphe Echo, die der Sprache beraubt wurde und nur noch die letzten gesprochenen Worte wiederholen kann. So gelingt es ihr auch nicht, dem schönen Jüngling Narziss ihre Liebe zu gestehen. Diesem Mythos begegnen wir im neuen Roman der „Mythen in Tüten“-Dichterin Iris Hanika wieder. Dabei geht es rasant zu, schnell ist man auf einer Party von Beyoncé. Dort trifft eine Schriftstellerin mit dem merkwürdigen Namen Sophonisbe auf den bildschönen Josh.

Doch Iris Hanika befreit sich von ihren literarischen Vorbildern. Der erste Teil dieses hervorragenden New-York-, Berlin- und Liebesromans spielt in Big Apple, der zweite an der Spree. Dort trifft Sophonisbe auf Roxana, noch so eine Frau mit komischem Namen. Aber komische Namen gehören zu diesem Buch dazu. „Bis auf den jungen Prinzen tragen hier alle ungewöhnliche Namen“, heißt es gleich zu Beginn des Romans, „und das ist ebenfalls normal, denn so ein Prinz hat eine Reihe fortzusetzen, während das gemeine Volk sich irgendwas ausdenken und sich mit jedem Kind neu erfinden kann.“ Sich ständig neu erfinden, das ist auch ein entscheidendes Merkmal der Städte New York und Berlin. Iris Hanikas virtuoser Roman ist voller Echos unserer Gegenwart. (Droschl, 238 Seiten, 22 Euro)

Judith Hermann: „Daheim“. Wenn es ein Buch gibt, auf das sich Ende der Neunziger die Berliner Künstler, Studentinnen und Kreativen einigen konnten, war es wohl Judith Hermanns Erzählband „Sommerhaus, später“. Darin wurde das Lebensgefühl einer neuen Generation in kurzen, einprägsamen Sätzen festgehalten. Man sprach damals noch im literaturpatriarchalischen Stil des Feuilletons von „Fräuleinwunder“-Literatur. Hermanns Nachfolgewerke – drei weitere Erzählbände und ein Roman – wurden von der Kritik nicht mehr gefeiert, Judith Hermann schien unter dem Druck ihres Erstlingserfolgs zu leiden und weigerte sich, all die gestellten Erwartungen an sie zu erfüllen.

Autorin einer ganzen Berliner Generation: Judith Hermann. © Quelle: Susannah V. Vergau/dpa

Nun aber beweist sie mit ihrem zweiten Roman „Daheim“, was für eine großartige Erzählerin sie ist. Eine Frau lässt ihr altes Leben hinter sich, verlässt ihren Mann und zieht zu ihrem Bruder ans Meer. Dort schreibt sie Briefe an ihren Ex-Mann und wird zu einem anderen Menschen. Hermann ist mit diesem Roman wieder bei ihren Protagonistinnen aus „Sommerhaus, später“ gelandet. Aus den Unverbindlichkeiten und Träumereien sind bürgerliche Existenzen geworden – mit denen die Hauptperson in „Daheim“ bricht. (S. Fischer, 189 Seiten, 21 Euro)

Christian Kracht: „Eurotrash“. Christian Kracht spielt sein Lieblingsspiel, die Inszenierung des Autors, in „Eurotrash“ weiter. Ob wir bei dem Autor Christian Kracht auf dieselbe Person treffen wie beim in diesem Buch viel zitierten Erstling „Faserland“? Ob der Autor Christian Kracht aus dem Roman viel mit dem realen Autor Christian Kracht zu tun hat? Wie immer wissen wir es nicht, Christian Kracht lässt uns über Christian Kracht im Vagen.

Dieser oder jener Christian Kracht reist nun also in dem Roman mit seiner alkohol- und tablettensüchtigen, psychisch kranken Mutter durch die Schweiz, wohin die Hauptperson des Romans auf Bitten der Mutter gefahren ist. „Sie hatte angerufen, ich solle doch bitte man rasch kommen, es war ganz unheimlich gewesen am Telefon. (…) Dazu muss ich außerdem sagen, dass ich vor einem Vierteljahrhundert eine Geschichte geschrieben hatte, die ich aus irgendeinem Grund, der mir nun leider nicht mehr einfällt, Faserland genannte hatte. Es endet in Zürich, sozusagen mitten auf dem Zürichsee, relativ traumatisch.“ Und hier knüpft Christian Kracht in seinem neuen großen Werk wieder an. (Kiepenheuer & Witsch, 224 Seiten, 22 Euro)

Friederike Mayröcker: „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“. 96 Jahre alt ist Friederike Mayröcker. Na und? Wer so viel Frisches, Modernes, Leichtes in sich trägt und zu Papier bringt, in nahezu unverschämter Syntax mit einer nie versiegenden Lust an der Sprache und am wachen Beobachten, kann gar nicht alt sein. „meine sneakers wie ich euch liebe“, heißt es an einer Stelle und: „ach wie Kirschen aus deiner Kehle ach Schwarm v. Kirschen, ich denke immerzu an dich und lese deine Gedanken in endloser Andacht, abgenagtes Knöchelchen, basta!, Plastron v. Instagram usw.“

Wahnsinnig jung im Kopf: Friederike Mayröcker. © Quelle: picture alliance / HERBERT NEUBAUER / APA / picturedesk.com

In dem Buch hat Mayröcker ihre Beobachtungen zwischen September 2017 und November 2019 festgehalten. Alltägliches, Nachdenkliches, Vorbeigehendes ist zu lesen, und es tauchen Kindheitsszenen genauso auf wie Todesahnungen. Ob man einen roten Faden suchen muss? „verehrte Lauscher und Lauscherinnen versuchen Sie nicht das Geheimnis dieses Textes zu lüften. DIE AUSSTELLUNG IST ERÖFFNET“. Es lohnt sich, sie zu besuchen. Und am Ende steht ein Komma. Es wird weitergehen. (Suhrkamp, 201 Seiten, 24 Euro)

Helga Schubert: „Vom Aufstehen: Ein Leben in Geschichten“. Im vergangenen Jahr gewann die 80-jährige Helga Schubert den Bachmann-Preis. In ihrem neuen Buch „Vom Aufstehen“ führt sie die Leser und Leserinnen durch ihre Erinnerungen. Dort findet sie auch ihr persönliches Paradies: „Mein idealer Ort ist eine Erinnerung: An das Aufwachen nach dem Mittagsschlaf in der Hängematte im Garten meiner Großmutter und ihres Freundes (mein alter Freund, sagte sie) in der Greifswalder Obstbausiedlung am ersten Tag der Sommerferien. Immer am ersten Tag der langen wunderbaren Sommerferien.“

Wir lesen vom Zweiten Weltkrieg, von Flucht und Vertreibung, von der deutschen Teilung und dem DDR-Alltag. Das sind die Stationen der Erinnerung von Helga Schubert. Dazu kommen Gefühltes und Erlebtes. So mischt sich persönliche Geschichte mit deutscher Geschichte. Das Verhältnis zu ihrer Mutter, das bereits beim Ingeborg-Bachmann-Preis eine entscheidende Rolle spielte, finden wir auch hier wieder. (dtv, 222 Seiten, 22 Euro)

Die Nominierten in der Kategorie Sachbuch/Essayistik

Heike Behrend: „Menschwerdung eines Affen. Eine Autobiografie der ethnografischen Forschung“. Als die Ethnologin Heike Behrend 1978 in den Nordwesten Kenias kommt, nennen sie die Bewohner „Affe“. Später kommen in anderen Regionen Zuschreibungen wie „Närrin“, „Hexe“ oder „Spionin“ hinzu. Behrend muss sich den Respekt der Dorfbewohner erst erarbeiten, sie muss vom titelgebenden Affen zum Menschen werden.

Behrend hat ein offenes und ehrliches Buch über Ethnologie geschrieben. Das unterscheidet sie von Vorgängern wie Laura Bohannan, Claude Lévi-Strauss und Paul Rabinow. Und sie macht dies auch gleich zu ihrem Programm. Denn während bei ihren Vorgängerinnen und Vorgängern „der Ethnograf im Feld meist als heroischer Wissenschaftler und Meister der Forschung in Erscheinung tritt, behandle ich in diesem Buch vor allem die Geschichte der eher unheroischen Verstrickungen und kulturellen Missverständnisse, der Konflikte und Fehlleistungen, die sich während meiner Feldforschungen in Ostafrika ereigneten“, schreibt Behrend. „Es geht um die Irritationen, Zufälle, unglücklichen Erfahrungen und blinden Flecken, soweit sie mir überhaupt bewusst geworden sind, die in den publizierten Monografien fast immer ausgeschlossen werden. Zur ethnografischen Praxis gehören jedoch wesentlich Situationen des Scheiterns.“ Mit diesem Ansatz ist sie alles andere als gescheitert. (Matthes & Seitz, 278 Seiten, 25 Euro)

Dan Diner: „Ein anderer Krieg. Das jüdische Palästina und der Zweite Weltkrieg 1935–1942“. Es ist alles gesagt über den Zweiten Weltkrieg? Bei der Fülle der Forschung mag man manchmal zu der Meinung gelangen können. Aber dieses Buch schlägt ein vollkommen neues Kapitel auf. Der Historiker Dan Diner legt den Fokus auf die Geschehnisse im jüdischen Palästina. „Als Schnitt- und Angelpunkt europäisch-kontinentaler und außereuropäisch-kolonialer Geschichte wächst ihm die Bedeutung eines Pivots historischer Wahrnehmung zu“, schreibt Diner.

Diner erweitert mit seinem Buch die herkömmliche Geschichtsschreibung, die sich auf Hitler, die USA, die Sowjetunion und Europa konzentriert. „Topographisch am äußersten nord-westlichen Zipfel des britischen Herrschaftsbereichs in Asien gelegen, ist Palästina Teil einer weiträumigen, den indischen Subkontinent umfassenden Imperial Defence. So wird Indien beständig als Referenz der Gesamterzählung aufgerufen“, heißt es in der Einleitung. „Dem Indischen Ozean, einer Art britischem Binnenmeer, kommt damit, aufgrund seiner herausragenden Stellung für die global ausgelegte alliierte Logistik, eine die Erzählung strukturierende Bedeutung zu. Von jener maritimen Drehscheibe aus gerät der Weltkrieg als Ganzes in den Blick.“ Zudem rücken bei Diner das britische Empire und das italienische Kolonialreich ins Zentrum. Dan Diner hat ein Buch geschrieben, das den Zweiten Weltkrieg aus einer wichtigen Perspektive heraus erweitert. (Deutsche Verlags-Anstalt DVA, 352 Seiten, 34 Euro)

Michael Hagner: „Foucaults Pendel und wir. Anlässlich einer Installation von Gerhard Richter“. Vor genau 170 Jahren, 1851, zeigte der Feinmechaniker Leon Foucault anhand eines Pendels, dass sich die Erde um die eigene Achse dreht. Leser kennen die Geschichte aus dem Roman von Umberto Eco von 1988. Michael Hagner hat nun eine elegante Wissenschaftsgeschichte über die Geschichte und Präsentation des foucaultschen Pendels geschrieben.

Besucher des Magdeburger Doms betrachten 2002 das zum 400. Geburtstag von Otto von Guericke errichtete foucaultsche Pendel. Der Erfinder Jean Foucault (1819–1868) wies im Jahre 1851 im Pantheon in Paris mit diesem physikalischen Experiment die Drehbewegung der Erde nach. © Quelle: Andreas_Lander/dpa

Dem experimentellen Beweis für die Erdrotation wurde damals schon eine lange Zeit nachgegangen. Dies wäre im 17. Jahrhundert ein Triumph für den Kopernikanismus gewesen, „ein letzter Mosaikstein, der das neue Weltbild vollendet hätte“, wie Hagner schreibt. „Doch trotz vieler Bemühungen wollte dieser Beweis nicht gelingen. Galileo riskierte sogar den doktrinären Satz, einen solchen Beweis könne es auf Erden gar nicht geben – womit er für gerade einmal 200 Jahre recht behalten sollte, bevor er widerlegt wurde.“ Das Buch erzählt aber nicht nur die wissenschaftliche Geschichte dieses Versuchs, sondern auch die kommerzielle. Wissenschaft braucht immer eine Bühne, das ist auch in diesem Buch zu beobachten. (Verlag Walther König. 396 Seiten, 38 Euro)

Christoph Möllers: „Freiheitsgrade. Elemente einer liberalen politischen Mechanik“. Der Berliner Verfassungsrechtler Christoph Möllers gehört zu den wichtigsten politischen Denkern der Republik. In diesem Buch räsoniert er über Traditionen und Vorstellungen des Liberalismus. Dabei war ihm von vornherein eines wichtig: „Das Nachdenken über dieses Buch begann aus dem diffusen Bedürfnis, die gegenwärtige politische Situation zu betrachten, ohne noch einen Text über Orbán,Trump oder das Ende der Demokratie zu verfassen.“

Möllers hat sein gar nicht dickes Buch in 349 kurze Kapitel eingeteilt. Dabei wirkt es aber keinesfalls kurzatmig. Ein Vorteil ist, dass das Buch dadurch nicht von vorne nach hinten gelesen werden muss. „Die Querverweise sollen es erleichtern, an verschiedensten Stellen die Lektüre zu beginnen und fortzusetzen“, schreibt der Autor. Und so kann die Leserin und der Leser bestens (ein)üben, was im Moment so wichtig ist: politisch zu denken. (Suhrkamp, 343 Seiten, 18 Euro)

Uta Ruge: „Bauern, Land: Die Geschichte meines Dorfes im Weltzusammenhang“. Ein Dorf in den 50er-Jahren: Uta Ruge und ihr Bruder Waldemar wachsen dort auf. Uta Ruge verlässt es, während der Bruder als Sohn den Hof erbt. Nun blickt die Autorin auf den Wandel des Dorfes zurück, auf Weltgeschichte und Dorfgeschichte, auf Veränderungen in der Landschaft und in der Landwirtschaft.

Das Landleben wird ja nicht zuletzt momentan für viele wieder interessant, weil es sie von der Stadt nach draußen zieht. Aber auch das Bild der Bauern, die sich in unserer Gegenwart häufig missverstanden und schlecht dargestellt fühlen, ohne die aber kein Ei auf dem Teller landet, will Uta Ruge hier geraderücken. So ist ein persönlich gefärbtes und doch reflektierendes Buch über eine Welt entstanden, die vielen von uns fremd erscheint, obwohl sie doch ein Teil von uns ist. (Kunstmann, 480 Seiten, 28 Euro)

Die Nominierten in der Kategorie Übersetzung

Ann Cotten übersetzte aus dem Englischen „Pippins Tochters Taschentuch“ von Rosmarie Waldrop (Suhrkamp, 275 Seiten, 24 Euro)

Sonja Finck und Frank Heibert übersetzten aus dem Französischen (Québec) „Der große Absturz. Stories aus Kitchike“ von Louis-Karl Picard-Sioui (Secession-Verlag für Literatur, 184 Seiten, 20 Euro)

Hinrich Schmidt-Henkel übersetzte aus dem Norwegischen „Die Vögel“ von Tarjei Vesaas (Guggolz-Verlag, 276 Seiten, 23 Euro)

Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren übersetzten aus dem Englischen „USA-Trilogie. Der 42. Breitengrad / 1919 / Das große Geld“ von John Dos Passos (Rowohlt, 1648 Seiten, 50 Euro)

Timea Tankó übersetzte aus dem Ungarischen „Apropos Casanova. Das Brevier des Heiligen Orpheus“ von Miklós Szentkuthy (Die Andere Bibliothek, 300 Seiten, 44 Euro)

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