Start day-news die Diktatur, die zum Heulen ist

die Diktatur, die zum Heulen ist


Bremen. Alles fühlt sich noch ganz neu an. Reden können ohne Angst. Einatmen und ausatmen in Freiheit.

Alexej (26) sitzt vor einem frisch servierten Kaffee, schwarz, im Außenbereich eines Restaurants in den Bremer Wallanlagen. Vor wenigen Tagen ist er mit seiner Frau und seinen Zwillingen aus der finstersten Diktatur Europas geflohen: Belarus.

Seine beiden Jungs sind erst vier Jahre alt, zum Glück. Sie haben vom Drama der letzten Monate nicht allzu viel mitbekommen.

Alexej wirkt konzentriert und kontrolliert. Erst als er später über seine Frau spricht und über die Zwillinge, die er nicht mitgebracht hat zu dieser ersten Begegnung mit einem deutschen Journalisten, spürt man, wie sehr er und seine Familie von der Diktatur des Alexander Lukaschenko seelisch durchgeschüttelt wurden.„Marharyta ist traumatisiert, immer noch“, sagt Alexej.

Alexej (26), Elektroingenieur, geriet in die Fänge des Systems Lukaschenko – mitsamt seiner Frau und seinen Kindern. Sein Problem: Er hatte sich für freie Wahlen eingesetzt. © Quelle: Matthias Koch

Er blickt für einen Moment tief in seine Tasse, als gäbe es darin etwas zu entdecken. Dann sagt er auf Russisch einen Satz, der die Übersetzerin stocken lässt. Sie bittet um Verständnis: Sie könne die gerade gesprochenen Wörter jetzt nicht über­setzen. Es tue ihr leid, sie kriege es nicht hin.

Warum nicht? Was ist los? „Ich habe mir fest vorgenommen, nicht zu weinen in diesem Gespräch“, sagt Iryna Shyla (31) vom Bremer Solidaritätskomitee Belarus. „Und das mache ich jetzt auch nicht.“

Shyla ist Juristin. Sie hat einen Abschluss aus Minsk. Derzeit bereitet sie sich auf Prüfungen in Deutschland vor.

Sie hat sich schon wieder gefasst. Die blonde Frau blickt durch die schwarz gerahmten Gläser ihrer großen Brille und sagt mit einem Lächeln, das zum Heulen ist: „Okay, können wir weitermachen?“

Iryna Shyla (31) hat in Minsk Jura studiert, ist nach Deutschland geflohen und engagiert sich jetzt in Solidaritätskomitees für ein freies Belarus. © Quelle: Matthias Koch

Die Diktatur von Belarus hinterlässt psychisch Schwerverletzte. Im Fall von Alexej traf es keinen herausragenden politischen Aktivisten, keinen Vordenker irgendeiner Bewegung oder Strömung. Der junge Mann ist Elektroingenieur, wie seine Frau. Zwei Normalos, die sich im Studium in Minsk kennengelernt hatten, wollten ein normales Leben führen: So geht ihre Geschichte los.

Anfangs lief es sogar ganz gut. Die beiden fanden Jobs in Salihorsk, einer Industriestadt 130 Kilometer südlich von Minsk. Alexej programmierte für eine private Zulieferfirma westliche Maschinen für den Einsatz im Konzern Belaruskali. Das ist einer der vier größten Düngemittelproduzenten weltweit.

Schläge im Folterbus aus Metall

Doch im vorigen Sommer kam es zum Bruch mit dem System. Nicht weil sich Alexej und Marharyta irgendetwas Radikales ausgedacht hätten. Beide fanden nur, bei den Präsidentschaftswahlen müsse es transparent und fair zugehen.

Zusammen mit Freunden und Nachbarn bot sich Alexej den Behörden als Wahlhelfer an. „Dummerweise“, beschied ihm ein Beamter achselzuckend, habe man „gerade heute“ die Liste der Wahlhelfer schon geschlossen.

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Belarus: zahlreiche Festnahmen bei Protesten

Erneut gab es zahlreiche Kundgebungen, in denen der Rücktritt von Präsident Lukaschenko gefordert wurde.  © Reuters

Alexej blickte auf die Namen: lauter Mitglieder der Belarussischen Republikanischen Jugendunion – einer Jubeltruppe Lukaschenkos.

In ganz Belarus wuchs in jenen Tagen das Misstrauen. Oppositionskandidatin Swetlana Tichanowskaja entwickelte eine Notwehrstrategie. Alle Wähler und Wählerinnen, die nicht Lukaschenko gewählt hatten, sollten das Wahllokal mit einer kleinen weißen Schleife am Handgelenk verlassen. Draußen vor der Tür machten dann zivile Zählkomitees eigene Notizen – und eigene Hochrechnungen.

„Unsere Herzen brauchen Veränderungen“

Nach Schließung der Wahllokale am Abend des 9. August lag eine extreme Spannung in der Luft. In Salihorsk strömten Oppositionelle in einem Park zusammen, hupend grüßten Autofahrer und Autofahrerinnen im Vorbeifahren. „Das waren tolle Momente im vorigen Sommer“, sagt Alexej. „Wir dachten, hey, wir sind echt viele.“

Der Song der Saison hing über dem Park, „Peremen“ von Viktor Zoi. In dem Lied heißt es: „Unsere Herzen brauchen Veränderungen, unsere Augen brauchen Veränderungen, unser Lachen und unsere Tränen und unser Puls.“

Plötzlich starrten alle stumm auf ihre Telefone und stellten eine Veränderung ganz anderer Art fest: Die mobilen Daten waren soeben ausgefallen, bei allen Netzanbietern gleichzeitig.

Schon folgte der zweite Schreck. In den Park rollten plötzlich Busse der gefürchteten Sondereinheit Omon, einer Polizei­truppe, die direkt aus Minsk gesteuert wird. Da ahnte Alexej, dass an diesem Abend wohl nicht der Sieg der Opposition verkündet werden sollte. Maskierte Männer ohne Namensschilder an der Uniform stiegen aus den Bussen.

„Wir dachten, hey, wir sind echt viele“: Verhaftung eines Demonstranten in Belarus. © Quelle: picture alliance/dpa

„Wir dachten, wenn wir jetzt einfach ganz ruhig bleiben, tun sie uns nichts“, sagt Alexej.

Das war ein großer Irrtum. Beamte drehten Alexej den Arm auf den Rücken und schubsten ihn zum Bus. Auf dem Weg dorthin bekam er Hiebe mit Schlagstöcken auf den Kopf, von links und rechts. Im ganzen Land, berichteten Menschen­rechts­gruppen später, gab es diese „Spaliere der Schmerzen“.

Benommen blickte Alexej erstmals in das Innere eines Omon-Busses: „Der ist komplett aus Metall.“

Eine rollende Folterkammer

Das Fahrzeug wird als rollende Folterkammer genutzt, es ist eingerichtet für mehrere Verhöre gleichzeitig. Jedem Fest­genommenen sitzt auf einer kurzen stählernen Bank ein vermummter Beamter gegenüber. Die Abwesenheit von Textil­bezügen erleichtert das spätere Wegspülen von Blut.

Bei Amnesty International trafen in den Tagen nach dem 9. August „entsetzliche Aussagen“ von Augenzeugen und Augenzeuginnen aus dem ganzen Land ein. Manche Gefangene hatten nackt auf allen vieren verharren müssen, bevor sie geschlagen wurden. Aus Verhörtrakten ließen Folterer und Folterinnen zu Zwecken der Abschreckung das Geschrei der Opfer nach draußen dringen. Einem 30-jährigen IT-Techniker, der anfangs partout nicht das Passwort für sein Handy nennen wollte, trieben Beamte einen Polizeiknüppel in den Enddarm.

Anruf im Leichenschauhaus

Im Fall von Alexej hielten sich die Misshandlungen noch in Grenzen. Die Zelle war in unwürdiger Weise überbelegt, der Horror aber, den seine zu Hause gebliebene Frau erlebte, war schlimmer als seine eigenen Erlebnisse in der Haft.

Vier Tage lang sagten die Behörden Marharyta nicht, dass sie Alexej verhaftet hatten. Man wisse leider gar nichts über ihren Mann, hieß es.

Es waren Tage, in denen hier und da auch über getötete Regimegegner berichtet wurde. Verzweifelt telefonierte Marharyta zunächst die Krankenhäuser ab. Nach zwei Tagen rief sie auch in Leichenschauhäusern an.

Härter als jeder Schlag auf den Kopf

Verschwinden lassen: Menschenrechtler rund um den Globus sind sattsam vertraut mit dieser Methode. Menschen, die einander lieben, trifft das Verschwindenlassen härter als jeder Schlag auf den Kopf.

Lukaschenko ist jedes Mittel recht. Hauptsache, es trägt nur ja zur Unterdrückung bei. Mal geht es in Minsk zu wie unter Stalin zur Zeit des „Großen Terrors“, dann müssen Gefangene ihre Peiniger und Peinigerinnen loben. Im nächsten Moment aber faszinieren den Diktator dann wieder mehr die chinesischen Varianten des modernen Überwachungsstaats: 360.000 Überwachungskameras will er jetzt installieren lassen, in einem Staat mit 9,4 Millionen Einwohnern.

Das System wird immer orwellianischer. Mit einer ins Groteske gesteigerten Gereiztheit reagiert das Regime auf Weiß-Rot, die Farben der Opposition. Im vorigen Jahr riskierte Haft, wer die weiß-rot-weiße Flagge schwenkte, die von 1991 an bis zu Lukaschenkos Machtübernahme 1994 offiziell für die unabhängige Republik Belarus stand. Inzwischen genügt es, wenn jemand weiße und rote T-Shirts auf dem Balkon zum Trocknen aufhängt. Polizeikommandos sollen in solchen Fällen schon Türen aufgebrochen und die Bewohner und Bewohnerinnen verhaftet haben.

Scheinbare Milde

Noch im vorigen Sommer wunderte sich Alexej über die scheinbare Milde des Regimes. Da durften in Salihorsk zu einer Veranstaltung der Opposition sage und schreibe 1500 Leute in einer Halle zusammenströmen – völlig unbehelligt. Am Eingang hing allerdings eine vom Regime betriebene Kamera. Noch Monate später wurden Besucher und Besucherinnen der Veranstaltung verhaftet, einer nach dem anderen.

Will man, kann man in einem solchen alle und alles erstickenden Staat noch leben? In bangen Nächten beriet Alexej mit seiner Frau darüber. Anfangs gab es Einigkeit: Sie wollten weiterkämpfen, nicht trotz, sondern gerade wegen der Zwillinge: um ihnen zu einer besseren Zukunft in Belarus zu verhelfen. Mutter und Vater verabredeten aber, nur abwechselnd zu Demonstrationen zu gehen. Einer von beiden sollte immer für die Kinder da sein.

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USA bereiten Sanktionen gegen Belarus vor

Litauen will die Identitäten von drei Personen des Ryanair-Flugs überprüfen, die neben den beiden Festgenommenen in Minsk von Bord gegangen waren.  © Reuters

Alexej verlor seinen Job

Alexej engagierte sich in einem unabhängigen Betriebsrat. Damit überschritt er aus Sicht des Regimes eine rote Linie. Belaruskali setzte seine Firma unter Druck: Wenn Alexej nicht rausfliege, suche man sich einen anderen Zulieferer. Ergebnis: Alexej verlor seinen Job.

Erst schien es, als könne Marharyta die Familie finanziell über die Runden bringen. Sie kehrte in ihren Job zurück, als die Zwillinge in den Kindergarten kamen. Doch nun kamen von ihrem Arbeitgeber düstere Drohungen: Wenn ihr Mann „weitere Dummheiten“ unternehme, sehe man sich außerstande, Marharytas befristeten Arbeitsvertrag zu verlängern. Lukaschenko lässt fast alle Arbeitsverträge in Belarus befristen: Der Diktator steigert auf diese Art seine Macht über jeden einzelnen seiner Untertanen.

Ein Brief vom Kindergarten

Der doppelte ökonomische Druck auf Alexej und Marharyta genügte dem Regime noch nicht. Es zog ein weiteres Register.

Vor wenigen Wochen kam ein Brief vom Kindergarten. Man sei nicht sicher, hieß es da, ob Alexej und Marharyta den Zwillingen die nötige Aufmerksamkeit schenkten. Daher müsse man eine Übertragung des Sorgerechts auf den Staat erwägen und die Kinder gegebenenfalls in einem Heim unterbringen. Das Prüfverfahren beginne jetzt.

Der Punkt, an dem Alexej und Marharyta die Kraft verließ

Im Kindergarten nannten einige Erzieherinnen das Schreiben völlig absurd: Alexej und Marharyta seien gute Eltern. Andere aber, auch aus der Leitung des Kindergartens, wogen bedächtig die Köpfe und gingen spürbar auf Distanz zu den Eltern.

Nun war ein Punkt erreicht, an dem Alexej und Marharyta schlicht und einfach die Kraft verließ. Wenn es um die Kinder geht, endete schon immer für viele Väter und Mütter der politische Heldenmut. Lukaschenko weiß das und nutzt es.

Oft feierten westliche Medien „die tapferen Frauen von Minsk“. Doch deren Tapferkeit lässt nach, seit das Regime mit leiser Effizienz nicht nur gegen einzelne Oppositionelle vorgeht, sondern ganzen Familien das Leben zur Hölle macht.

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