Start day-news Deichbruch am Borgwallsee verhindert: Hochwasser-Gefahr für Dörfer bleibt

Deichbruch am Borgwallsee verhindert: Hochwasser-Gefahr für Dörfer bleibt


Der Supergau konnte erst mal verhindert werden – ein Deichbruch am Barthe-Wehr im Borgwallsee ist abgewendet. Und damit auch Hochwasser und Überschwemmungen in den umliegenden Dörfern von Obermützkow bis hin nach Starkow und Lendershagen. Doch der Schein trügt, denn der Wasserspiegel kann jederzeit wieder rasant ansteigen.

So wie vor kurzem. Bei einer routinemäßigen Kontrolle der Deiche hatte Roland Hein vom Wasser- und Bodenverband, der sich um die Wehre kümmert, eine brenzlige Situation am Borgwallsee nahe Negast entdeckt. „Wir hatten einen Wasserstand von 13.20 Meter, das sind 50 bis 60 Zentimeter über dem üblichen Pegel. Das Wasser drückte auf den Deich, so dass der sehr nass und brüchig wurde. Ich habe dann als Erstes die Jäger informiert, dass sie da nicht mehr drüber fahren, um den Deich nicht weiter zu gefährden.“

Wasser drückte gegen den Deich

Doch das Wasser drückte weiter und drohte, den Damm aufzuweichen. Also wurde das Wehr geöffnet. „Wir mussten das Wasser ablassen, damit sich die Lage entspannt“, erklärt der Verbandstechniker des Wasser- und Bodenverbands Barthe-Küste auf OZ-Anfrage. Anderenfalls hätte sich das Wasser seinen Weg gesucht, nämlich über die Barthe, die ihren Ursprung im Borgwallsee hat.

Der Fluss hatte in den letzten Jahren schon öfter mit Hochwasser zu kämpfen. Hinzu kommt, dass das Wasser aus der Barthe schlecht abfließt. Die Menschen in Starkow und Lendershagen hatten das zuletzt 2011 zu spüren bekommen. Der Fluss trat über die Ufer und überschwemmte nicht nur Wiesen und Felder, sondern auch die niedrig gelegenen Dörfer samt Häusern.

Borgwallsee
Quelle: privat

Wasser rechtzeitig abgelassen

Ingenieur Roland Hein dazu: „Wir haben rechtzeitig Wasser abgelassen, so bestand zu keiner Zeit Gefahr für Leib und Leben.“ Landwirt Torsten Lass aus Obermützkow macht sich dennoch Sorgen. „Ein Starkregen-Ereignis, und schon steigt das Wasser wieder. Die Frage ist doch, wie lange der Deich das aushält. Wir hatten ja diesmal keinen langanhaltenden Regen, und trotzdem hatten wir den Anstieg, offensichtlich gab es Krummenhäger See zuviel Wasser.“

Dass die Dämme schlecht sind, hat nicht nur mit „Altersschwäche“ zu tun. Nach Auskunft des Wasser- und Bodenverbandes wurden sie im Zuge der Ausgleichsmaßnahme für den Bau der Stralsunder Ortsumgehung damals nur aufgesetzt – ohne Gründung. Deshalb die Forderung nach Ertüchtigung, denn dann würde der Deich höhere Wasserstände besser aushalten. So könnte der See besser seine Pufferfunktion erfüllen, was weniger Gefahr für die umliegenden Dörfer bedeutet.

Borgwallsee ist stellenweise 12 Meter tief

Der Borgwallsee liegt auf dem Gemeindegebiet von Lüssow, das Südufer bildet die Grenze zur Gemeinde Steinhagen, das Westufer zur Gemeinde Pantelitz. Der See hat eine Länge von 3,6 Kilometern, eine Breite von 1,8 Kilometern und eine durchschnittliche Tiefe von 2,4 Metern, hat aber Stellen, die bis 12 Meter tief sind.

Der Name des Borgwallsees lässt auf eine, ehemals an seinen Ufern gelegene, Befestigung schließen. Der See entstand während der Weichseleiszeit und ist wahrscheinlich Produkt flachgründiger Ausschürfungen eines Gletschers. Ursprünglich bestand eine bis zu 17 Meter tiefe Verbindung mit dem Pütter See.

Ab dem Jahr 1242 erfolgte eine Befischung durch das Kloster Neuenkamp. Ab dem Jahr 1256 wurde der Mühlengraben angelegt, um die nahe gelegene Stadt Stralsund mit Trinkwasser zu versorgen und um Wassermühlen anzutreiben.

Der See ist heute Bestandteil des Naturschutzgebietes Borgwallsee und Pütter See und dient der Stadt Stralsund noch immer als Trinkwasserreservoir. Das seit 1894 bestehende Wasserwerk Lüssow befindet sich am Nordostufer. Durch die Nutzung sind das Befahren des Sees und das Baden nicht erlaubt.

Die Lösung des Problems ist eigentlich ganz einfach: Der Deich muss saniert – Techniker sagen ertüchtigt – werden. Da sind sich alle Beteiligten einig. Doch bei den Zuständigkeiten beginnen die Probleme. Für die Wehre ist das Land verantwortlich und übergibt diese Aufgabe dem Staatlichen Amt für Landwirtschaft und Umwelt (Stalu) in Stralsund. Der Borgwallsee samt Deich hingegen gehört der Hansestadt Stralsund. Die ist zwar Eigentümer, hat jedoch kein Staurecht. Das vergibt die Untere Wasserbehörde beim Landkreis. Hat sie aber in dem Fall nicht, an niemanden. Kein Staurecht – keine Verantwortung für die Unterhaltung, das resultiert aus dem Wasserrecht.

Die Barthe entspringt im Borgwallsee.
Quelle: Arno Zill

„Wir sind bereit, die Staurechtsinhaberschaft zu übernehmen. Der Staurechtsinhaber ist zum Unterhalt der Deiche verpflichtet. Gleichzeitig hat er die Möglichkeit, das Absenken der Staumarke zu verlangen, wenn der Anstau nicht (mehr) benötigt wird“, heißt es auf OZ-Anfrage aus dem Stralsunder Rathaus. „Ein aus unserer Sicht gangbarer Weg könnte sein, dass die Untere Naturschutzbehörde des Landkreises Vorpommern-Rügen Staurechtsinhaber wird, da der Naturschutz derzeit der Einzige scheint, der ein originäres Interesse an der hohen Staumarke hat. Auch dieser Lösung würde sich die Stadt nicht verschließen, dann wäre auch die Zuständigkeit für den Unterhalt geklärt, nämlich zu Lasten des Naturschutzes“, betont Pressesprecher Peter Koslik. Ein Vorschlag, der bei anderen Flächen-Eigentümern auf wenig Gegenliebe stößt.

Unterschiedliche Interessen – kein Stauziel

Problem Nummer 2: Es gibt gar kein Stauziel, heißt, man ist sich nicht einig, wie hoch der Wasserstand im Borgwallsee sein soll. Die Naturschützer sind wie bereits angedeutet eher für einen höheren Pegel. Nach OZ-Informationen soll es schon nach der jetzigen Wehr-Öffnung und dem daraus folgenden niedrigeren Wasserstand Ärger gegeben haben. Als ökologische Katastrophe soll das bezeichnet worden sein, weil Gebiete trocken lagen, die Kleinsttieren als Biotop dienen.

Immerhin gab es bereits ein Treffen, bei dem sich alle Beteiligten direkt am Deich umsahen und die Probleme diskutierten. „Das war eine gute, konstruktive Veranstaltung“, sagt Roland Hein vom Wasser- und Bodenverband aus Stralsund und hofft, dass nun endlich Bewegung in die Sache kommt.

Von Ines Sommer

Must Read

Champions League kompakt: Chelsea patzt trotz Werner-Doppelpack und ist möglicher Achtelfinal-Gegner des FC Bayern

Titelverteidiger FC Chelsea hat sich zum Vorrundenabschluss der Champions League einen Patzer geleistet und ist...

OZelot-Albumkritik: Bullet For My Valentine

Zu massenkompatibel, zu soft – diese Vorwürfe mussten sich Bullet For My Valentine zuletzt stetig anhören. Mit dem siebten, selbst betitelten Album halten die...

Mutter und Bruder erschossen: Mordanklage gegen 59-Jährigen

Der 59-Jährige soll seine Mutter und seinen Bruder getötet haben (Symbolbild). Quelle: imago images/Ralph Peters 08.12.2021 20:29 Detmold/Bad Salzuflen. Gut drei Monate nach dem...

Wer klopfet an? (nd aktuell)

Lang leben die Leute, die aus den Krankenwagen steigen, besonders in der Adventszeit! Foto: dpa Als es vergangene Woche an meiner Tür klingelte, war ich...

Corona-Regeln im Supermarkt: 2G im Dezember bei Aldi, Lidl und Edeka?

Bundesweit kommen strengere Covid-19-Maßnahmen – kommt auch 2G für Aldi, Lidl und Edeka? Das ändert sich mit 2G bei den Corona-Regeln im Supermarkt.Berlin...