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Wie ist das Leben als Zirkusartist?


Joschy Huppertz ist wieder auf Achse und kennt kein anderes Leben. Zirkus liegt dem 32-Jährigen im Blut, seit er gerade so über den Rand der Manege schauen konnte. Buchstäblich – mit seinen Eltern war er bereits im Familienbetrieb unterwegs, heute fahren er und seine Frau mit den beiden Kindern durch Deutschland, wo sie fast jede Woche an einem anderen Ort sind.

„In Greifswald ist bisher wohl Celina der Star“, sagt Huppertz über seine Siebenjährige. Die zeigt „Kautschuk-Akrobatik“, verbiegt sich also, was bei den Zuschauern für Begeisterung sorgt. Er führt mit seiner Familie ein ungewöhnliches Leben zwischen Zeltaufbau, Gastschulen und Auftritten, das für ihn ganz normal ist.

Keine Wildtiere im Circus Huberti

In der Manege erstaunt Joschy Huppertz mit seiner Handstandakrobatik, die er in Höhen bis zu sieben Metern ausführt. Auch tritt er als Feuerschlucker auf und führt mit den Familienhunden Kunststücke auf. Sein dreizehnjähriger Sohn Christiano übernimmt die Luftakrobatik, jongliert und balanciert Teller auf langen Stäben und bringt das Publikum als klassischer Clown zum Lachen, während seine Tochter mit ihren Verbiegungen beeindruckt.

Ein Onkel seiner Frau hilft mit und mit nur fünf Leuten halten sie den Zirkusbetrieb am Laufen. Was sie alle motiviere, sei, dass Publikum in eine Zauberwelt zu führen, in der sich auch Erwachsene in die Kinderzeit zurückversetzt fühlen, sagt Huppertz. „Es ist natürlich der Beifall, der dem Artisten den größten Spaß bringt.“

Aufführungszeiten im Circus Huberti

Der Familienzirkus gastiert noch bis zum Sonntag, 10. Oktober, in der Hansestadt am Museumshafen. Von Montag bis Donnerstag starten die Aufführungen um 16 Uhr, am Freitag und Sonnabend jeweils um 15 und 18 Uhr und am Sonntag um 14 Uhr. Die Vorstellungen finden in einem gewärmten Zelt statt, Eintrittskarten kosten zwischen acht und 16 Euro. Direkten Kontakt gibt es unter 0160 / 6367417.

Bis auf die Hunde verzichtet der Zirkus auf Tiere. Andere Zirkusse dürfen auf städtischen Flächen in Greifswald auch nicht mehr gastieren, seit die Bürgerschaft Auftritte von Wildtierzirkussen Anfang 2020 verbot. Huppertz findet hingegen, dass Tiere auch weiterhin im Zirkus bleiben sollten. Die Kontrollen der Halter seien engmaschig und nicht zu umgehen. „Es gibt hunderte Zirkusunternehmen in Deutschland. Natürlich gibt es zwei, drei schwarze Schafe, wie überall, die etwas an der Tierhaltung verbessern müssten.“ Der Großteil halte seine Tiere aber gut, ist er überzeugt.

Kinder gehen in Gastschulen

Gegründet wurde der Familienzirkus Huberti 1992 von Ralf Huppertz, Joschys Vater, und existierte bis 2004. In den folgenden Jahren verdiente die Familie Geld mit dem Aufbau von Zelten auf Festivals und anderen Festen. Viel Zeit für die Familie blieb dabei aber nicht, erinnert sich Huppertz, weil er ständig auf Reisen war. Heute nicht anders, aber: „Wenn wir mit dem Zirkus reisen, sind wir auch viel unterwegs. Aber wir sind eben ständig mit der Familie unterwegs“, erklärt er seine Beweggründe für die Neueröffnung 2014.

Mit diesem Leben sei er zufrieden, auch wenn er und seine Familie in schlechten Zeiten kaum mehr als den Hartz IV-Satz verdienen würden, so Huppertz. Die besseren Monate glichen das wieder aus. „Unsere Familie lebt gut und das ist die Hauptsache.“ Zuhause sind sie in der Nähe von Crivitz.

Für die Kinder bedeutet ihr Leben als Zirkuskünstler, dass sie alle paar Wochen eine neue Schule besuchen. Freunde zu finden sei da schwer, sagt ihr Vater, der die Erfahrung auch selbst gemacht hat. Die Eltern rufen in den immer neuen Orten Schulen an und fragen, ob die ihre Kinder aufnehmen. Manchmal gebe es Absagen, weil Zirkuskinder in manchen Einrichtungen nicht beschult würden, sagt Huppertz.

Coronakrise schürt Existenzängste

Freundschaften haben eine kurze Dauer, erinnert er sich. „Man baut sich eine gewisse Menschenkenntnis auf. Ich war immer jemand, der offen auf Leute zugegangen ist und habe recht schnell gewusst, wen ich ansprechen kann und wer dann mein Freund sein könnte.“

Den Lernstoff seiner Kinder kontrollieren Lehrer an der Heimatschule, Aufgaben werden zugesendet und müssen bearbeitet werden. Neben den normalen Hürden einer Schaustellerfamilie musste sich der Circus Huberti auch in der Coronakrise behaupten.

Im vergangenen Sommer spielten sie zum ersten Mal in Greifswald, ehe von November 2020 bis Juni 2021 Spielpause wegen Corona war. Mit Arbeitslosengeld II und der Überbrückungshilfe sicherte sich die Familie in dieser Zeit ab. „Natürlich hatten wir da auch Existenzängste, weil wir nie wussten, wie lange das andauert“, sagt Huppertz. Heute sind die Sorgen hinter ihnen, die nächsten Auftritte stehen an. Nach Greifswald bis zum 10. Oktober geht es in Jarmen weiter.

Von Christopher Gottschalk

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