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Wie die Kette die Krise überwand


Lila Bäcker hat den Krisenmodus beendet. Erstmals nach der Insolvenz von 2019 will das Unternehmen dieses Jahr wieder schwarze Zahlen schreiben. Kundenzahlen und Umsatz steigen, auch die Corona-Krise scheint überwunden. Alles bestens, zumindest wenn jetzt nichts mehr dazwischenkommt. „Nur wenn es einen neuen Lockdown geben sollte, müssten wir neu rechnen“, sagt Geschäftsführerin Viola Kaluza. Doch das erwartet niemand in der Firmenzentrale von Lila Bäcker, eine Büroetage über einem Einkaufszentrum am Neubrandenburger Markt.

Die einst fünftgrößte Bäckereikette Deutschlands hat kräftig Federn lassen müssen. Von den 400 Filialen vor der Insolvenz blieben 252 übrig, die Zahl der Beschäftigte schrumpfte von knapp 3000 auf 1800. Nicht wenige glaubten damals, das Unternehmen, immerhin eine der erfolgreichsten Neugründungen in MV, werde für immer von der Bildfläche verschwinden.

Doch den Mitarbeitern und Geschäftsführern gelang das lila Wunder. „Sie haben die Firma am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen“, lobt Jörg Dahms von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), der sonst nicht mit Kritik hinter dem Berg hält.

Am ersten Tag wollte sie weglaufen

Viola Kaluza (60) war erst drei Monate an Bord, als Lila Bäcker beim Amtsgericht die Zahlungsunfähigkeit anmeldete. Die ehemalige Finanzmanagerin der Rostocker Flusskreuzfahrt-Reederei Arosa merkte schon am ersten Arbeitstag, dass es nicht mehr lange so weitergeht wie bisher. „Was machst du bloß hier?“, sei ihr damals in einer schlaflosen Nacht durch den Kopf gegangen. Der Reflex, einfach wegzulaufen, sei sehr groß gewesen in diesen Tagen, erzählt sie.

Doch dann dachte sie an ihre Verantwortung für die Mitarbeiter. Und sie beschloss, zu kämpfen. „Irgendwann habe ich gemerkt, dass mir lila Blut durch die Adern fließt“, sagt sie und muss danach lachen.

Die Rettung war kein Selbstläufer. Übernahme-Interessenten gaben sich die Klinke in die Hand. Spätestens nach Besichtigung der Kuchenproduktion in Neubrandenburg waren sie dann wieder weg. Kaluza hat nicht gezählt, wie oft sie den Satz „das ist ein Museum, kein Betrieb“ in diesen Wochen hörte. Die Einzigen, die noch eine Chance sahen, waren zwei Banken: SEB aus Schweden und NIBC aus den Niederlanden. Ihnen gehört die Bäckerei-Kette heute.

Neues Kümmelbrot floppte

Im Herbst des ersten Insolvenzjahres kam Marc Grimminger (38) als neuer Geschäftsführer für den Bereich Produktion. Der Spross einer Mannheimer Bäcker-Dynastie stellte das gesamte Sortiment auf den Prüfstand. „Qualität ist das Wichtigste“, sagt der studierte Diplom-Kaufmann. Das „Museum“ in Neubrandenburg wurde nach und nach modernisiert, der Produktionsstandort Dahlewitz bei Berlin geschlossen.

Heute kommt das gesamte Brot- und Brötchensortiment aus der Großbäckerei in Pasewalk und der Kuchen aus Neubrandenburg. Die Belieferung des Filialnetzes in MV, Brandenburg, Berlin und Schleswig-Holstein erfolgt von Logistik-Standorten in Gägelow bei Wismar und Großbeeren in Brandenburg.

Nicht alles, was sich Back-Experte Grimminger ausdachte, entwickelte sich auf Anhieb zum Erfolg. Mit einem Lachen denkt er an die „Ostseekruste“ zurück – ein Malzbrot mit „ganz leichtem“ Kümmelaroma. In Süddeutschland wäre das ein Erfolg gewesen, bei Lila Bäcker gelang nicht mehr als ein gnadenloser Flop. Dass die Chefs am Neubrandenburger Markt vorher begeistert davon waren, ändert daran nichts. Es komme nur darauf an, was die Kundschaft möchte, betont Viola Kaluza. Und die macht, zumindest in Snackbereich, eine klare Ansage: Dort steht die Bockwurst unangefochten auf Platz eins.

Vertriebschef kam von Starbucks

Diesen April zog mit Bastian Weiland (50) ein dritter Geschäftsführer in die Büroetage ein. Er bringt Vertriebserfahrung von der US-Café-Kette Starbucks und vom deutschen Kaffeeröster Tchibo mit. Sein Auftrag: Ausbau und Modernisierung der Filialen weiter vorantreiben, außerdem Abläufe vereinheitlichen und vereinfachen. „Eigentlich habe ich hier nur resignierte Mitarbeiter erwartet“, sagt Weiland über seinen Amtsantritt. Stattdessen habe er eine Art Aufbruchstimmung vorgefunden, nach dem Motto: „Geht es jetzt los?“

Kommentar zum Thema: Mit Lila Bäcker geht es wieder aufwärts: Spannende Firmengeschichte made in MV

Durch die Corona-Pandemie kam Lila Bäcker mit einem blauen Auge. Als offizielles „Unternehmen in Schwierigkeiten“ bestehe kein Anspruch auf die Überbrückungshilfen, die andere Bäckerei-Ketten für ihre im Lockdown gesperrten Gastronomiebereiche erhielten. Lila Bäcker bekomme grundsätzlich exakt null Euro Fördermittel, erklärt Kaluza. Der wirtschaftlich schwierige Status sei eine Folge des Insolvenzverfahrens, bei dem kein Schuldenschnitt erfolgte und das Eigenkapital sozusagen verdampfte. Einige Jahren werde man wohl noch damit leben müssen, heißt es. Der Status verhindert, Fördermittel für sinnvolle Investitionen zu bekommen, etwa für eine Wärmerückgewinnung in der Bäckerei.

Im Wettbewerb mit Amazon

Und wie geht es weiter? Aktuell sucht Lila Bäcker 150 Beschäftigte. Mitarbeiter zu finden und zu halten, sei aktuell die dringendste Baustelle. Erst kürzlich wechselten fünf Beschäftigte ins neue Neubrandenburger Logistikzentrum von Amazon, das mit 1,50 Euro mehr Stundenlohn lockt. Die Verkäuferinnen in den Filialen bei Lila Bäcker bekommen bis zu 13,50 Euro. Der mit einer neuen Bundesregierung wahrscheinlich werdende Mindestlohn von zwölf Euro sei kein Problem. „Dann steigt ja auch die Kaufkraft“, sagt Bastian Weiland.

Die Gewerkschaft NGG kritisiert das Chef-Trio, weil es Verhandlungen über einen Haustarif ohne Ergebnis beendete. „Lila Bäcker muss höhere Löhne zahlen, wenn es die Mitarbeiter halten will“, ist Gewerkschafter Jörg Dahms überzeugt. Viola Kaluza denkt kurz nach und lächelt dann. Auch wenn es woanders vielleicht einen Euro mehr gebe, biete Lila Bäcker das bessere Betriebsklima. Lila Blut eben.

Von Gerald Kleine Wördemann

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