Start day-news Welchen Fisch kann man noch bedenkenlos konsumieren?

Welchen Fisch kann man noch bedenkenlos konsumieren?


Hamburg/Friedrichshafen/Genua. Überfischung, Plastik im Meer, Artensterben durch den Klimawandel – ist es in dieser Situation überhaupt noch vertretbar, Fisch und andere Meerestiere zu essen? Diese Frage stellen sich viele Verbraucherinnen und Verbraucher in Deutschland. Laut einer Befragung der Non-Profit-Organisationen ASC (Aquaculture Stewardship Council) und MSC (Marine Stewardship Council) sorgen sich vier von fünf Konsumentinnen und Konsumenten um den Zustand der Meere. Knapp ein Drittel der 100 Befragten zweifelt daran, dass Fischerei und Aquakultur überhaupt nachhaltig sein können.

34 Prozent der Bestände sind überfischt

Um diese Zweifel abzuschwächen, haben die Organisationen, die Siegel für nachhaltige Fischerei und Aquakultur vergeben, die Kampagne „Check deinen Fisch“ gestartet. Verbraucherinnen und Verbraucher sollen dadurch ermutigt werden, beim Kauf von Fisch und Meeresfrüchten auf die Zertifizierung zu achten. Im Rahmen der Kampagne wurden auch 28 Forschende zum Thema befragt. Demnach halten drei Viertel von ihnen einen kompletten Verzicht auf Fisch nicht für notwendig, um die Meere zu schützen.

Fischerei und Aquakultur können also nachhaltig sein – oft sind sie es jedoch nicht. 34 Prozent der weltweiten Fischbestände sind laut UN-Ernährungsorganisation (FAO) derzeit überfischt. Weitere 60 Prozent werden maximal befischt, also genau bis zu der Grenze, die noch als nachhaltig gilt – zusammengenommen sind das mehr als 90 Prozent der Gesamtbestände. Besonders schlecht ist die Lage im Mittelmeer, wo laut WWF bis zu 80 Prozent der Bestände als überfischt gelten. Auch deshalb ist die EU weltweit größter Importeur von Fisch. In Deutschland, aber auch in den Mittelmeerländern der EU, werden rund 85 Prozent der verkauften Fischprodukte importiert.

Etwa 96 Millionen Tonnen Fisch werden pro Jahr weltweit gefangen. „Eine Steigerung ist nicht wirklich möglich“, erklärt Catherine Zucco von WWF, „aber mit nachhaltiger Fischerei ließe sich diese Menge in etwa halten, während die Fischbestände gesund bleiben.“ Die Umweltorganisation hat einen Fischratgeber herausgegeben, um Orientierung für Konsumentinnen und Konsumenten zu geben.

Gesunde Bestände, Beifang vermeiden, Meeresboden schonen

„Fischerei kann, wenn sie richtig gemacht wird, sogar dafür sorgen, dass Fischbestände gesünder werden“, sagt Julius Palm von der Firma Followfish aus Friedrichshafen. Ein kluges Fischmanagement könne die Ökosysteme unterstützen. Unternehmensziel der Marke ist es, den Fischkonsum transparent und nachhaltig zu machen. Neben der MSC- und Bio-Zertifizierung hat sich Followfish zusätzliche Richtlinien in Bezug auf die Fischarten im Angebot, den Schutz vor Überfischung oder die Beifangmengen gesetzt.

Wie sieht nachhaltige Fischerei aus? „Das ist ein Fischfang, der so wenig Einfluss auf das Ökosystem nimmt wie möglich, die Fischbestände gesund hält, Beifang kontrolliert und vermeidet, keine Jungtiere entnimmt und Interaktion mit dem Meeresboden vermeidet“, sagt Palm. Für Verbraucherinnen und Verbraucher seien diese Kriterien allerdings schwierig zu erkennen. Einerseits gebe es wenig Transparenz, andererseits sei das Thema sehr komplex. „Selbst wenn man als Konsument mehr Informationen hätte, wäre es herausfordernd, etwas damit anfangen zu können“, sagt Palm. Es handele sich um wissenschaftliche Informationen, deren Deutung man nicht allein auf die Verbraucherinnen und Verbraucher abwälzen könne.

Nachhaltig Fisch essen: Diese drei Faktoren geben Orientierung

Trotzdem gilt: Wer Fisch nachhaltig konsumieren will, muss sich etwas eingehender mit dem Thema beschäftigen. „Einkaufen ist eine politische Handlung“, sagt Paula Barbeito von der Kampagne „Slow Fish“, einer Initiative für nachhaltigen Fischfang des Vereins Slowfood. Drei Kriterien, die auf der Packung verpflichtend angegeben werden müssen, können dabei als nützliche Orientierungshilfe dienen: „Bei Fisch aus Wildfang ist es wichtig darauf zu achten, woher er kommt, dass die Art nicht überfischt wird und mit welcher Methode er gefangen wurde“, erklärt Jana Fischer von der Verbraucherzentrale Hamburg, die wie der WWF einen Fischratgeber veröffentlicht hat.

Das größte Problem unter den Fangmethoden stelle die Fischerei mit riesigen Bodenschleppnetzen dar, wobei der Meeresgrund und damit zahlreiche Pflanzen- und Tierarten zerstört werden, erklärt Barbeito. „Die Methode ist vergleichbar mit der Vorstellung, einen kompletten Wald zu fällen, weil man Rehe jagen will“, erklärt Barbeito. Etwa 20 Prozent der weltweiten Fischerboote verursachten die größten Schäden im Meer. „80 Prozent, also der größte Teil der Fischerboote, fischen in Küstennähe – mit viel geringeren Auswirkungen auf das Ökosystem“, so die Fischerei-Expertin.

Thunfisch: nur von Hand geangelt

„Der Fang mit der Handangel ist ein erster guter Hinweis für nachhaltige Fischerei“, sagt Julius Palm von Followfish. Es gebe aber auch Schleppnetze, die den Meeresboden nicht berühren und hochselektiv seien, also etwa aufgrund der Größe der Maschen gezielt bestimmte Fischarten herausfiltern. Auch das Fischen mit Langleinen oder Ringwadennetzen kann nachhaltig sein. Hierbei kommt es auf die jeweilige Fischart an. Für Thunfisch gilt: Ausschließlich das Fischen mit Handangel und Handleine kann nachhaltig sein.

Auch wenn es um die Auswahl der richtigen Fischsorte geht, ist der Thunfisch ein gutes Beispiel: Laut der Fischratgeber von Verbraucherzentrale und WWF ist der Blauflossenthun auf dem Teller weiterhin tabu, auch wenn sich die Bestände zuletzt erholt haben. Echter Bonito, Gelbflossenthun oder Weißer Thun sind dagegen in einigen Fanggebieten nachhaltig.

Tabu: Blauflossenthun, Aal und Haie

Auf der Roten Liste der nicht mehr nachhaltig erhältlichen Fischarten stehen neben dem Blauflossenthun insbesondere Aal, Wittling sowie alle Hai- und Rochenarten. Aber auch der Atlantische Lachs, einer der Lieblingsfische der Deutschen, ist kaum noch nachhaltig erhältlich. Der WWF stuft in seinem Fischratgeber nur den Verzehr von drei Arten als gänzlich unbedenklich ein: Austern, Karpfen und afrikanischer Wels. Als sogenannte Friedfische ernähren sich Karpfen nicht von anderen Fischen, sondern von Pflanzen. Dadurch können sie umweltschonend gezüchtet werden. „Hier ist auch der Handel in der Pflicht, denn in kaum einem Supermarkt wird beispielsweise Karpfen angeboten“, betont Jana Fischer von der Verbraucherzentrale.

Bei den meisten Fischarten ist die Lage aber uneindeutig, da einige Bestände überfischt sind, andere nicht. Hier kommt es also auf die Herkunft an. Beispielsweise gilt Makrele als nachhaltig, wenn sie mit Handleinen im Nordatlantik gefischt wurde. Stammt sie aus dem Mittelmeer und wurde mit dem Netz gefangen, sollte man unbedingt auf den Kauf verzichten, rät der WWF. Das Herkunftsgebiet ist auf der Packung mit einem Zahlencode der FAO angegeben. WWF-Fischexpertin Zucco rät Verbraucherinnen und Verbrauchern, sich die entsprechenden Daten für die eigenen Lieblingsfische zu merken und beim Kauf darauf zu achten.

Ebenso große Unterschiede wie beim Fisch aus Wildfang gibt es bei Produkten, die aus Aquakulturen stammen. Während die gefangenen Fischmengen seit Jahren stagnieren, ist die Aquakultur der am stärksten wachsende Zweig der Ernährungswirtschaft. Rund 81 Millionen Tonnen Fischprodukte aus Aquakulturen wurden 2018 produziert – 1986 waren es noch nur 15 Millionen Tonnen. China ist der größte Produzent von Fisch aus Aquakulturen und erzeugt allein mehr davon als der Rest der Welt zusammen.

Fisch aus Aquakultur besser mit Biosiegel

Aquakulturen können die Umwelt stark belasten, da sie die Gewässer einerseits durch Kot, Chemikalien oder Antibiotika belasten können, erklärt Zucco. „Zudem ernähren sich auch die meisten Fische in Aquakulturen, wie beispielsweise Lachse, von anderen Fischen.“ Die Tiere, die als Futter für die Aquakulturen aus dem Meer entnommen würden, fehlten anschließend in den natürlichen Ökosystemen.

Nachhaltigere Fischzuchten versuchen die Belastung durch das Verfüttern von Resten wie Fischflossen zu reduzieren, erklärt Verbraucherschützerin Jana Fischer. Es gebe auch erste Projekte, in denen Insekten verfüttert würden, die nachhaltiger produziert werden können. Dieser Unterschied wird auf der Packung jedoch nicht angegeben. „Wir raten dazu, Fisch mit Biosiegel zu kaufen, weil dort die Standards bezüglich der Umwelt einfach besser sind“, sagt Fischer. Die strengsten Richtlinien finde man zum Beispiel bei den Siegeln von Naturland und Bioland.

Die ASC- und MSC-Siegel sehen die Expertinnen und Experten eher als Mindeststandard denn als Richtschnur für nachhaltige Fischerei. Durch Dokumentationen wie den Netflix-Film „Seaspiracy“ standen die Label zuletzt mehrfach in der Kritik. Die Kriterien seien zu schwach oder würden zu wenig überprüft, lauten einige Vorwürfe. Dadurch würden teils Fischprodukte aus überfischten Beständen oder Fischereien, die mit zerstörerischen Methoden wie Bodenschleppnetzen arbeiteten, zertifiziert. „Der Standard ist auf dem Papier sehr gut, aber in der Umsetzung oft nicht so strikt“, sagt WWF-Expertin Zucco.

MSC-Siegel: Trotz Kritik wichtige Standards

„Trotzdem ist das MSC-Siegel enorm wichtig, weil es als erster Akteur überhaupt gewisse Mindeststandards für Fischerei definiert und auch umsetzt“, betont Julius Palm von Followfish. Der weltweite Anteil an MSC-zertifiziertem Fisch betrage derzeit etwa 15 Prozent. Ziel von MSC sei es, die Standards möglichst schnell und breitflächig zu etablieren. „Dafür müssen sie Kompromisse machen“, so Palm. Es dürfe aber bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern nicht der Eindruck entstehen, dass es egal sei, ob sie zertifizierten Fisch kaufen oder nicht. „Das ist überhaupt nicht der Fall, denn das größte Problem ist nach wie vor die völlig unregulierte Fischerei“, sagt Palm.

Was kann man beim Fischkauf noch berücksichtigen? Fisch sollte als Delikatesse verstanden werden, rät die Organisation MSC. „Auch wer gerne Fisch isst, sollte auf einen maßvollen Konsum achten, damit es auch in Zukunft noch welchen gibt“, sagt Fischer von der Verbraucherzentrale Hamburg. Nachhaltig Fisch essen könne daher auch bedeuten, weniger Fisch zu essen. „Neugierig sein und Fragen stellen“, rät Paula Barbeito von „Slow Fish“. Wer kleinere Fischereien unterstützen möchte, solle zudem lieber im Fachgeschäft einkaufen als im Supermarkt. „Es lohnt sich auch, zu fragen, was gerade frisch gefangen wurde“, sagt Barbeito. So könne man unterschiedliche Fischarten probieren, was den Druck auf die wenigen, extrem beliebten Fischarten reduziere.

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