Start day-news Was war. Was wird. Von Meerjungfrauen und einer geglückten Digitaloffensive

Was war. Was wird. Von Meerjungfrauen und einer geglückten Digitaloffensive


Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

*** Die Woche der Nobelpreise liegt hinter uns, nur der Wirtschaftspreis für Satoshi Nakamoto für die kreative Vernichtung von Geldwerten steht noch aus. Mit Maria Ressa, Dmitri Muratov und Abdulrazak Gurnah hat die schwedische Akademie gezeigt, welche gesellschaftlichen Themen ihr wichtig sind, mit Klaus Hasselmann und Syukoro Manabe sind auch die Rechenmodelle zum Klimawandel ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt worden. Das ist ein schöner Zug der Akademie, die sich noch vor ein paar Jahrhunderten mit der Frage beschäftigte, wo Meerjungfrauen leben könnten und wie sie zu klassifizieren sind.

Selbst der große Klassifikator Carl von Linné schrieb 1749 einen Brief an die Akademie, in der er die Suche und den Fang dieser Wesen befürwortete, die man dann in Formaldehyd konservieren könnte. Erst mit der Aufklärung verschwanden der Frauen-Fisch Pesce Donna und das afrikanische Dabach aus der Enzyklopädie, zurück blieb nur der Kentaur der alten Griechen, als die Welt entzaubert wurde. Übrig blieb allerdings das koloniale Denken mit der eigentümlichen Verkürzung, aus der Inselgruppe Sansibar die Insel Sansibar zu machen und diese auch noch vor der Küste von Kenia zu verorten. Da ist es schon ein Fortschritt, wenn ein Literaturkritiker schreibt, dass einem kein Zacken aus der Krone fällt, wenn man Abdulrazak Gurnah nicht gelesen hat. „Man braucht nur zu googeln und herumzutelefonieren, sich über soziale Medien Hinweise zuspielen zu lassen, wo Aufschlussreiches über diesen Autor steht, und erkennt, dass es hier einen interessanten Autor zu entdecken gibt – zumal im Bereich des Postkolonialen, der in Deutschland derzeit breit diskutiert wird.“ Nur sollte man eben nicht googeln, sondern Metager benutzen, so der weise padeluun im selben Blatt mit seiner Klage über den „Info-Alete-Brei, in dem wir gerade herumpaddeln“. Deswegen möchte er die Macht von Facebook beschneiden und ein verbrecherisches System wie Instagram am liebsten abschaffen.

*** Immerhin gibt sich der von der tageszeitung ausgewiesene „Digitalexperte“ padeluun keinen Illusionen hin, was in den Wochen der Sondierungsgespräche mit der Ampel im Digitalen passiert, etwa im Vergleich zur Jamaika-Koalition: „Ich befürchte, es würde gar keinen großen Unterschied machen. Digitalisierung wird auch von Digitalpolitiker:innen nicht so ernst genommen, wie es eigentlich notwendig wäre. Das hat auch damit zu tun, dass ihre Parteien nicht entsprechend hinter ihnen stehen.“ Genauso sieht die deutsche Digitalpolitik aus, da mögen mächtige Organisationen wie der Chaos Computer Club Formulierungshilfen für ein Regierungsprogramm zur Abschaffung des digitalen Analphabetentums vorschlagen und zehn wichtige Punkte aufzählen, vom der Abschaffung des Hacker-Paragraphen über das Verbot der Vorratsdatenspeicherung bis hin zum „Aufbau einer effektiven digitalen Verwaltung ohne Buzzword-Technologien“, es wird wenig fruchten. Überdies gibt es Schichten, die bewusst am Parlament und der Regierung vorbei operieren, wie es die neuesten Nachrichten über den Bundesnachrichtendienst zeigen. „Dem Parlamentarischen Kontrollgremium, das unter anderem für die Kontrolle des Bundesnachrichtendienstes (BND) zuständig ist, verschwieg die Bundesregierung indes offenbar, dass auch der deutsche Auslandsgeheimdienst BND die umstrittene Software wohl längst einsetzt.“

*** Wenden wir uns lieber einem erfolgreichen Digitalisierungsprojekt zu. So sieht es jedenfalls der Österreicher Robert Misik, der die Digitalisierungsoffensive seines Landes beurteilt, die auf den Zusammenbruch des Systems Kurz hinausläuft. „Der nun hoch wahrscheinliche völlige Zusammenbruch des Systems Kurz ist einer skurrilen Form der ‚Digitalisierungsoffensive‘ geschuldet: Die Beteiligten haben sich in aufreizender Vertrotteltheit und euphorischer Aufgeblasenheit so detailliert via Whatsapp und SMS abgesprochen, dass sie sich selbst ans Messer geliefert haben. Die Gigantomanie mag dazu sicher noch beigetragen haben, denn die geht gerne mit der Illusion der Unverwundbarkeit und damit auch mit mangelnder Vorsicht einher“, schreibt er im Roten Faden. Die umfassenden Mauscheleien, die mit den Chat-Protokollen des Kurz-Vertrauten Thomas Schmid ans Tageslicht gekommen sind, zeigen eine Art Alpen-Mafia bei der Arbeit, unterstützt von einem „Journalismus“ für den es wahrlich keinen Nobelpreis geben wird. Angesichts der Tatsache, dass mit dem Abgang von Armin Laschet die bundesdeutschen Konservativen nach rechts abdriften werden, sei dieser Tipp aus Österreich zitiert: „Sollte in der CDU noch jemand ernsthaft daran denken, dieses ‚Erfolgsmodell‘ zu kopieren – lascht et. Konservative Parteien, die politisch nach ultrarechts marschieren, landen sehr schnell bei der Camorra-Moral, dass alles geht, dass keine Regeln gelten, kein Gesetz mehr und auch kein Anstand. Es gibt keinen sauberen, es gibt keinen rechtsstaatlichen, es gibt keinen demokratischen Rechtspopulismus. Man kriegt immer das gesamte, stinkende Paket.“

*** Nach den Panama Papers und den Paradise Papers liegen nun die Pandora Papers auf dem Tisch bzw. in den RAID-Speichern der Journalisten, die sie analysieren. Bis jetzt sind 35 aktuelle oder frühere Staats- und Regierungschefs ermittelt worden, die über ein System von Tarnfirmen Luxusimmobilien erworben und sich mindestens der Steuerpflicht in ihren eigenen Ländern entzogen haben. Erinnert sich noch jemand an den CDU-Finanzminister Wolfgang Schäuble, der 2013 zu den Offshore-Leaks verkündete: „Wir werden nicht warten, bis die letzte Karibikinsel ihr Verhalten ändert.“ Passiert ist wenig, jedenfalls hat keine einzige Karibik-Insel ihr „Verhalten“ geändert und das System der Briefkastenfirmen abgeschafft. Auch liegen alle Inseln noch dort, wo sie 2012 so herumlagen, genau wie Sansibar vor der Küste Tansanias. Vielleicht hat Schäubles Untatkraft mit den anonymen 100.000 D-Mark in einem Köfferchen zu tun, die er von einem Waffenhändler ganz ahnungslos als Parteispende akzeptierte. Wie war das noch, als Schäuble die Financial Intelligence Unit vom BKA weg in den Geschäftsbereich des Bundesministers der Finanzen umsiedelte, was in einer Jamaika-Koalition wieder umgedreht worden wäre, nach dieser Anti-Olaf-Scholz-Razzia? Nur gut, das über die Pandora in diesem unseren Deutschland berichtet wird und nicht aus der Schweiz. Dort hat man bekanntlich nach den Swiss-Laeks ein ungemein praktisches Gesetz verabschiedet, das es Journalisten verbietet, Details zu internen Bankdaten zu veröffentlichen.

In einem Interview hat sich der Telekom-Chef Timotheus Höttges einen handfesten Skandal gewünscht. Nein, nicht über die Telekom, sondern über ein bisschen Musike, damit die Sponsoren-Rolle der Deutschen Telekom beim Einsatz einer künstlichen Intelligenz zur Vervollständigung der 10. Sinfonie von Beethoven ordentlich ausgewalzt wird. „Nichts wäre schöner als ein Skandal, dann hätte es Menschen zumindest bewegt. Auch Beethoven wurde manches Mal verrissen. Es wird sicher kritische Stimmen geben, die sagen: Beethoven war besser!“ Nun gibt es kritische Stimmen zum KI-komponierten Werk, das leider erst nach dem Redaktionsschluss dieser kleinen Wochenschau in diesem Stream live „uraufgeführt“ wird. Ein Musikkritiker hat auf der Kritikern zur Verfügung gestellten Vorab-CD lehrreichen Murks und spacige Weltraumromantik gefunden, aber das Scheitern der KI konstatiert, der andere nennt das Ergebnis ein Waterloo für die Telekom. Die KI habe fantasielosen Datentransfer aus anderen Stücken von Beethoven betrieben. Scharfsinniger Schluss: „Die KI erfindet nichts, was in die Zukunft weist, sondern bildet Mittelwerte.“ Statt „Freude schöner Götterfunken“ nun eher Bring me Edelweiss. Ist schließlich vom gleichen Komponisten, der vor der Telekom bekanntlich sein Geld mit dem Intel-Bong machte. Dinge-dong, the Computer Inside, das ist schon mal ein guter Anfang für die 11. Sinfonie. Roll over, Beethoven.


(jk)

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