Start day-news Warum Musik uns glücklicher macht und das Gehirn trainiert

Warum Musik uns glücklicher macht und das Gehirn trainiert


Fünf Minuten und 50 Sekunden ist der Song alt, dann kommt der magische Moment. Das Klavier spielt leise B-Dur, es deutet A-Dur nur kurz an – und dann steigt, glasklar und kraftvoll, Mark Knopflers E-Gitarre auf d-Moll ein. Und aus „Telegraph Road“, dieser Hymne der Dire Straits auf das Werden und Vergehen Amerikas, wird ein Song für die Ewigkeit.

Kein Pandemiefrust wird den Zauber dieses Augenblicks jemals zerstören. Keine Krise der Welt ist stark genug, zu verhindern, dass in diesen paar Sekunden innerlich die Sonne aufgeht. Jeder Mensch hat seine eigenen magischen Lieder, bei denen die Erinnerung lebendig und das Herz weit wird. Wie tröstlich das doch ist: Es liegen nicht nur vergiftete Aerosole in der Luft. Da ist auch die Musik.

Musik ist mehr als gefällig sortierte Geräusche

Musik. Das ist mehr als gefällig sortierte Geräusche. Das ist „die Sprache der Leidenschaft“ (Richard Wagner) oder „die Sprache der Engel“ (Thomas Carlyle), das ist „der vollkommenste Typus der Kunst“ (Oscar Wilde), das ist „Poesie in der Luft“ (Jean Paul) und eine „höhere Offenbarung als alle Weisheit und Philosophie“ (Ludwig van Beethoven). Es ist „die Kurzschrift des Gefühls“ (Leo Tolstoi), die „Wurzel aller übrigen Künste“ (Heinrich von Kleist) und „eine Gabe und Geschenk Gottes, die den Teufel vertreibt und die Leute fröhlich macht“ (Martin Luther).

Weltflucht und Wohltat: eine junge Frau beim Musizieren mit der Gitarre. © Quelle: Getty Images

Musik ist ein kraftvoller Glücksquell – und damit auch ein akustisches Heilmittel gegen die Zumutungen der Corona-Krise. Gewiss, Livemusik findet nicht statt, auch Chorproben nicht, das kollektive Glückserleben fällt aus. Aber das heimische Musikmachen erlebt einen Boom – die gute alte Hausmusik. Nicht nur, weil Lockdown und Leerlauf Gelegenheit bieten, endlich wirklich zur Ukulele zu greifen oder die Klappen der alten Oboe zu ölen. Sondern auch, weil Musikmachen wie Musikhören immer auch Weltflucht bedeutet. „Komm, denk nicht nach, leg einfach los, fang endlich an zu singen“, singt Gisbert zu Knyphausen in seinem Lied „Etwas Besseres als den Tod finden wir überall“. „Der Tod kommt früh genug, aber noch sind wir nicht da.“

Der Gitarrenhersteller Fender teilte mit, der Absatz günstigerer Modelle unter 500 Dollar habe sich seit März 2020 verdoppelt. „Wir verkaufen seit dem ersten Lockdown deutlich mehr Keyboards und Gitarren – teils bis zu 20 Prozent“, meldet auch der Musikhändler Thomann. Und auch das Musikhören boomt: 139 Milliarden Musikstreams verzeichnete die Branche 2020 in Deutschland – fast ein Drittel mehr als 2019. Die Gesamteinnahmen aus Tonträgerverkauf und Streaming stiegen im Jahresvergleich um 9 Prozent auf 1,79 Milliarden Euro. Es wird also mehr Musik gehört – auf allen Kanälen.

Die Brücke zwischen Emotion und Verstand

So weit die Zahlen. Aber Musik besteht nicht aus Zahlen. Sie ist vor allem: Gefühl. Sie ist die Brücke zwischen Emotion und Verstand und damit ein einzigartiger, komplexer Mechanismus, der ein regelrechtes Feuerwerk im Gehirn auslöst – genau wie Sex, Essen, Drogen oder Sport. Sie leitet die Aufmerksamkeit vom Schmerz und vom Leid weg hin zu einer Ahnung von der Urkraft des Lebens selbst. Sie ist damit ein Filter gegen Zumutungen, gegen Trauer und Angst, Resignation und Ohnmacht. Denn sie erinnert uns von Zeit zu Zeit daran, zu welchen Wundern Menschen bei all ihren Mängeln doch in der Lage sind.

Musik ist älter als die Landwirtschaft. Forscher fanden Knochenflöten von vor 30.000 Jahren. Die zwölf Halbtöne, auf denen die gesamte Musikkultur der westlichen Welt basiert, lassen uns als Baby wieder einschlummern, wenn die Mutter ein Schlaflied summt. Sie spuken uns als Sommerhit-Ohrwurm im Kopf herum. Sie wecken Erinnerungen an Triumphe oder traumatische Niederlagen. Denn für den einen ist „Nothing Else Matters“ die Hymne einer Lebensliebe, für den anderen der Schmerzenssoundtrack einer Trennung.

Es muss passen – man kann Liebeskummer nicht mit „Dance Monkey“ bekämpfen.

Bis wir Musik als solche erkennen, leistet das Gehirn Schwerstarbeit: Es ordnet, filtert, ergänzt, gleicht ab und aktiviert abgespeicherte, individuelle Gefühle und Assoziationen. Nur so werden aus einem Strom von Geräuschen musikalische Motive. Je einfacher der Ursprung der Musik und je geringer der Frequenzumfang – eine gestrichene Saite, ein Trommelschlag –, desto klarer und hörbarer hebt sich Musik von der Geräuschkakophonie der Umgebung ab.

Am stärksten wirkt Musik, wenn sie zur Stimmung des Moments passt: junge Frau beim Musikhören. © Quelle: Getty Images

Was passiert genau, wenn wir Musik hören? Unser Innenohr leitet den Schall über den Gehörnerv ans Stammhirn. Das limbische System kommt ins Spiel, jener uralte Teil des Gehirns, der unsere Gefühlswelt steuert. Körpereigene Glückshormone werden ausgeschüttet, das Stresshormon Cortisol verringert sich, und der Botenstoff Dopamin, der biologische Superstar im Belohnungssystem des Gehirns, tut sein gutes Werk. Die von der Musik aktivierte Hirnchemie baut Stress ab, blockiert Schmerzen, weckt positive Gefühle. Gleichzeitig fluten Abwehrstoffe unser Blut – Musik regt das Immunsystem an. Auch deshalb ist es nützlich, im Krankenhaus viel Lieblingsmusik zu hören. Am stärksten sind all diese Effekte, wenn wir Musik hören, die zur Stimmung des Moments passt. Es bringt also wenig, Liebeskummer mit „Dance Monkey“ zu bekämpfen.

Wer früher zu musizieren beginnt, hört im Alter besser

Und was passiert, wenn wir Musik machen? Der Kollateralnutzen des Musizierens ist vielfältig: Musizierende Kinder lernen Fremdsprachen besser, Musiker brauchen im Alter seltener ein Hörgerät (es sei denn, sie waren Schlagzeuger bei Metallica). Und wer als Kind Musikunterricht hatte, profitiert davon noch nach Jahrzehnten, wenn die Klarinette längst im Schrank verstaubt. Denn Musik greift tief ins neuronale System ein; diverse Hirnareale und kognitive Mechanismen arbeiten zusammen. Die Hirnareale vernetzen sich neu. Man spricht von Neuroplastizität – es ist die Fähigkeit des Gehirns, sich zu verändern. Kurz: Musiker lernen Lernen.

Hirnareale wachsen, andere schrumpfen. Musikergehirne verfügen über mehr „graue Substanz“ in den Bereichen, die für das Hören, das räumliche Sehen und die Motorik zuständig sind. Und: Musiker sind empathischer – weil sie es gewohnt sind, auf andere zu hören, sie einzubeziehen. Sie trainieren ständig, sich zu verbessern, Impulse zu kontrollieren und Rücksicht zu nehmen. Dabei hilft Heavy Metal genauso wie Operette. „Musiker hören ihr ganzes Leben lang und auch im Alter in lauten Umgebungen besser“, sagte die Neurowissenschaftlerin Nina Kraus von der Northwestern University in Chicago dem Magazin „National Geographic“. Schwierigkeiten beim Verstehen von Worten in einer lauten Umgebung seien „eine häufige Beschwerde von älteren Menschen“.

98 Prozent aller Menschen sind im Kern musikalisch

Aber muss man nicht mindestens rudimentär musikalisch sein, damit das Abenteuer Musikmachen nicht in tiefem Frust und Streit mit der Nachbarschaft endet? Tatsächlich ist praktisch jeder Mensch in der Lage, Melodien zu erkennen und zu produzieren. Nur für 2 Prozent der Menschen klingt Musik – bedingt durch eine genetische Störung – tatsächlich wie unhübsche Geräusche ohne jede Tonhöhenveränderung. Als hänge eine Vinylplatte. Alle anderen bringen das Rüstzeug mit, es zumindest zu versuchen. Es gibt keine Ausreden.

Es gibt keine Ausreden – 98 Prozent aller Menschen sind zumindest ein wenig musikalisch: Auswahl von Musikinstrumenten. © Quelle: Getty Images/iStockphoto

Die amerikanische Psychologin Frances Rauscher versuchte gar nachzuweisen, dass der sogenannte Mozart-Effekt die Intelligenz steigere. Das gilt heute als überholt. Sicher ist aber, dass Wohlbefinden und Konzentration zunehmen. Glücklichsein kann man lernen, und Musik ist ein machtvolles Werkzeug auf diesem Weg. Gemeinsames Mucken stimuliert die Produktion des Bindungshormons Oxytocin. Bandmusiker kennen den Effekt: Plötzlich ist die Musik, die im Raum steht, größer als die Summe ihrer Teile. Ein Zusammengehörigkeitsgefühl entsteht. „Let’s start a band!“, singt Amy Macdonald. „Wenn Besuch da ist“ nennen die Bandmitglieder von Rammstein diesen Moment im Probenraum. „Wir wissen es immer sofort, wenn uns ein solcher Gänsehautmoment gelingt, dann darf nichts mehr geändert werden“, sagte Schlagzeuger Christoph Schneider der „Zeit“.

Gemeinsames Musikmachen ist akustisches Kuscheln

Musik, meint der britische Psychologe Robin Dunbar, schließe die evolutionsbiologische Lücke zwischen dem endorphingeschwängerten Gruppenglück sich lausender Affen und der verstandesbasierten Interaktion aufgeklärt-abgeklärter Menschen. Sie führt uns also auf unsere Ursprünge zurück, weil sie soziale Strukturen stärkt. Gemeinsames Musikmachen ist akustisches Kuscheln. Auch wenn es bei Rammstein nicht so aussieht.

Warum also schießen uns bei bestimmten Liedern sofort die Tränen in die Augen? Weil sie unsere emotionalen Schutzmauern aus Zynismus und Trotz niederreißen. Weil sie direkt in unsere Seelen fliegen und an jene tiefe Saite rühren, die im Innern der Psyche schwingt. Es ist das Instrument unseres Herzens, das es nur ein einziges Mal auf der Welt gibt. Und das zum Klingen zu bringen in diesen Zeiten besonders tröstlich ist.

Must Read

Der Generalmajor, der den Corona-Krisenstab leiten soll

Berlin. Die Entscheidung kam am Sonntagabend überraschend. Da meldete sich der FDP-Vorsitzende und Major der Reserve, Christian Lindner, in...

Ampelkoalition tritt auf die Bremse

Berlin. Die rund 21 Millionen Rentnerinnen und Rentner in Deutschland müssen damit rechnen, dass die Rentenerhöhung nächstes Jahr doch...

drei originelle Dekotipps für die Weihnachtszeit

Nur noch kurze Zeit bis zum ersten Advent: Wer keine Lust auf einen klassischen runden Kranz aus Tannenzweigen hat, kann...

Thioune & Co.: Diese Trainer könnten bei 96 auf Zimmermann flogen

Als 96 Jan Zimmermann verpflichtete, konnte der Havelse-Trainer eine Voraussetzung nicht erfüllen – er hat...