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Warum Claus Ruhe Madsen keine Stimme abgeben darf


Bunte Girlanden und Luftballons überall – das Rostocker Volkstheater ist am Sonntagabend geschmückt wie für einen Festakt. Und das aus gutem Grund: „Der Wahltag ist schließlich der Festtag der Demokratie“, sagt Ralph Reichel, Intendant des Rostocker Schauspiel- und Musikhauses.

Was bei Fußballspielen schon seit Jahren funktioniert, klappt an diesem Abend auch mit Politik: Die Theater-Macher haben zum Public Viewing geladen – und etliche Gäste sind gekommen. Studenten der Hochschule für Musik und Theater, Zuschauer und Theaterfreunde, Kulturschaffende. Mit dabei auch Eric Engler (24) und Johanna Broecker (21). „Diese Wahl fühlt sich bedeutender an für mich als die Abstimmungen zuvor“, sagt der Student.

Genau das ist schon den ganzen Tag über in Rostock zu spüren – auch am Morgen. Kurz vor acht Uhr bildet sich am Innerstädtischen Gymnasium bereits eine kleine Schlange. „Wir wollten mal sehen, was passiert, wenn man der Erste ist“, sagt ein Mann grinsend, der mit seiner Partnerin ganz vorne steht. Sollte er Blumen oder Präsente fürs frühe Aufstehen erwartet haben, wird er enttäuscht: Kaum ist die Tür auf, gibt es nicht mehr als freie Bahn zur Erfüllung der Bürgerpflicht. Maske tragen an diesem Morgen alle, manche haben sogar an einen eigenen Stift gedacht. Doch selbst, wenn nicht: Kreuze machen darf jeder Wahlberechtigte, die vorhandenen Kugelschreiber werden nach Benutzung einfach desinfiziert.

„Schlangen beim Wählen – ein gutes Zeichen“

Gegen Mittag wird es dann auch am Neuen Markt – hier wird im Ortsamt Stadtmitte gewählt – und im Gymnasium Reutershagen voll. Ruhig und gesittet stehen die Menschen Schlange, um ihre Stimme abgeben zu dürfen. Im Gymnasium „mogelt“ sich eine ältere Dame an der Schlange vorbei – aber nur, um auf einem Stuhl zu warten, bis sie an der Reihe ist, ihre Stimme abzugeben. „Schlangen beim Wählen – das ist ein gutes Zeichen für unser Land“, sagt ein Senior.

Eric Engler und Johanna Broecker verfolgen den Wahlabend im Volkstheater.
Quelle: Ove Arscholl

Zur gleichen Zeit machen Kristina Klein und Yasmin Palluch (beide 18) gerade Pause. Für die beiden Rostockerinnen ist es die erste Bundes- und Landtagswahl, bei der sie ihre Stimme abgeben dürfen. „Wir haben uns vorher gut informiert über die Parteien und ihre Programme“, sagt Kristina. Beide haben Briefwahl gemacht. Und dennoch hat es sich besonders angefühlt.

Die beiden sind aber nicht nur Erstwähler, sondern auch Ersthelfer – im Ortsamt Stadtmitte. Zur Mittagszeit haben dort bereits 300 von 1400 Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben. Die Hälfte hatte eh Briefwahl beantragt. Schlangen gibt es auch hier. Kristina und Yasmin wissen schon kurz vor 13 Uhr: Diese Nacht wird kurz.

Bürger sorgen sich um Kinder und die Renten

Die Rostockerin Isabell Radau (24) denkt bei ihrer Stimmabgabe vor allem an kommende Generationen – ganz besonders an das Baby, das sie unter dem Herzen trägt. „Mir ist wichtig, dass Angebote wie die kostenlose Kita erhalten bleiben, aber auch, dass der Sozialbereich ausgebaut wird – beispielsweise durch kostenfreies Mittagessen“, sagt die Hansestädterin, der es darum geht, dass alle Kinder gleichermaßen Teilhabe erleben können. Egal, welche Bedingungen zu Hause herrschen.

Annelies Kalka denkt eher an die älteren Bürger, die ihr Leben lang hart gearbeitet haben und mit der vorhandenen Rente kaum klar kommen. „Es ist wichtig, dass die Rente ein Mindestmaß an Lebensstandard sichert“, sagt die 74-Jährige. Deshalb hoffe sie, dass die Parteien ihre Wahlversprechen auch einhalten.

Madsen darf als Däne nicht wählen

Stadtweit waren am Sonntag knapp 1900 Rostocker ehrenamtlich als Wahlhelfer im Einsatz. 168 000 Bürger durften wählen – darunter 8560 Erstwähler. Jeder Dritte hatte dieses Mal Briefwahl beantragt. Eine so hohe Quote gab es bisher noch nie.

Keine Entscheidung treffen durfte hingegen Rostocks Nummer eins: Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen ist als Däne bei Landtags- und Bundestagswahlen nicht wahlberechtigt.

Bis auf Kleinigkeiten sei bei der Doppel-Wahl in Rostock alles glatt gelaufen, erklärte Antje Schirrmacher von der Gemeindewahlleitung am Abend.

Von Claudia Labude-Gericke und Andreas Meyer

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