Start day-news TV-Experte Steffen Freund: "Der DFB ist fast am Zusammenbrechen"

TV-Experte Steffen Freund: „Der DFB ist fast am Zusammenbrechen“



Bald wird Steffen Freund wieder vor einem Millionen-Publikum kommentieren. Der 51-Jährige ist unter anderem für den Fernsehsender RTL als Experte und Co-Kommentator bei den Spielen der deutschen Nationalmannschaft (8. Oktober gegen Rumänien, 11. Oktober in Nordmazedonien) sowie in der Europa- und Conference-League tätig. Im Interview mit dem SPORTBUZZER, dem Sportportal des RedaktionsNetzwerks Deutschland, spricht der Fußball-Europameister von 1996 und gebürtiger Brandenburger über das kollektive „Wir“, den Abgang von Joachim Löw und sein Trainerdasein.

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SPORTBUZZER: Europapokal mit Union Berlin in Prag und Bayer Leverkusen in Glasgow oder WM-Qualifikation mit Deutschland gegen Rumänien und in Nordmazedonien – was gefällt Ihnen besser?

Steffen Freund (51): Das sind unterschiedliche Wettbewerbe, die alle ihren Reiz haben. Ich arbeite ja auch als Kommentator für die DFL (Deutsche Fußball Liga, Anm. d. Red.), war da beim Spitzenspiel Leipzig gegen Bayern live für das internationale Signal auf Englisch dabei. Aber ich muss sagen, Co-Kommentator und Experte für die deutsche Nationalmannschaft zu sein, ist für mich etwas ganz Besonderes.


Wie muss man sich die Arbeit als Fernsehexperte vorstellen?

Ich bekomme im Vorfeld Themenpapiere zu den Mannschaften, zur Lage, zu Nebengeschichten, außerdem noch um die 100 Seiten detaillierte Fakten und Statistiken. Selber versuche ich über mehrere Kanäle so viel wie möglich Informationen aufzusaugen, ich schaue zur Vorbereitung viele Spiele. Meine Aufgabe ist es, all das einzuordnen. Und da sehe ich den Mehrwert, den ich als Fußballlehrer für die Zuschauer biete. Ich kann taktische Feinheiten einschätzen, die Knackpunkte, Stärken, Schwächen. Das versuche ich, meinungsstark zu formulieren, ohne dabei den Humor zu verlieren.

Als Experte ist es auch Ihre Aufgabe zu kritisieren. Aber ebenso sind die Kommentatoren der Zuschauerkritik ausgesetzt. Bei Ihnen wird oft mit dem „kollektiven Wir“ gehadert, als wären Sie selbst noch Spieler des Teams. Wie gehen Sie mit Kritik um?

Ich respektiere Kritik, gar kein Problem, aber nehme das nicht zu ernst. Ich nutze in dem Fall das „Wir”, weil ich Deutscher bin. Wenn andere nach ihrer Auslegung das oder andere Dinge, die ich sage, falsch finden, kann ich damit leben. Ich sage gerne meine Meinung und begründe die auch aus meiner langen Erfahrung als Spieler, Trainer und Experte heraus.


Wie steht es Ihrer Meinung nach denn um das Nationalteam?

Die Mannschaft hat Zeit verloren. Nach der missratenen WM 2018 in Russland hatte ich bereits gesagt, dass Joachim Löw als Bundestrainer entlassen werden muss, weil die Zukunft von Fußball-Deutschland in Gefahr ist. Es war klar, dass er die Kurve nicht mehr kriegen kann. Es fehlte da aber ein starker Präsident beim DFB (Deutscher Fußball-Bund, Anm. d. Red.), der eine Entlassung durchsetzt.

Was war denn das Problem zuletzt unter Löw?

Ich weiß, wie er arbeitet, war selber sechs Jahre lang beim DFB als U-Nationaltrainer tätig. Es gab keinen Kontakt zu den U-Nationaltrainern, auch nicht zu dem damaligen Nachwuchs-Sportdirektor Matthias Sammer. Wenn es da keine Zusammenarbeit gibt, ist es doch klar, dass es irgendwann schwierig wird. Am Ende stand der Bundestrainer alleine da, ohne Rückhalt im DFB und bei den Fans. Sportlich hat er es nicht mehr geschafft, die Mannschaft mitzunehmen.

Warum glauben Sie, dass es mit Hansi Flick als Bundestrainer besser wird?

Ich bin optimistisch und traue es Flick zu, Deutschland wieder zu einem Titel zu führen. Er kann neues Feuer entfachen und ist – das ist ganz wichtig – eine starke Person. Davon gibt es kaum welche beim DFB, der in seiner Führungskrise doch fast am Zusammenbrechen ist. Der Verband muss sich wieder bessere Strukturen verschaffen, damit eine klare Linie reinkommt.

Steffen Freund (l.) mit Kommentator Marco Hagemann bei einem Spiel in Leipzig.


Steffen Freund (l.) mit Kommentator Marco Hagemann bei einem Spiel in Leipzig.

© RTL


Eine klare Linie herrscht beim 1. FC Union Berlin. Wie bewerten Sie die Entwicklung der Eisernen?

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Sie ist atemberaubend. Das hängt natürlich auch mit der Begeisterung der Fans zusammen. Aber bei Union wird kontinuierlich gut gearbeitet, sie haben auch – da wird nicht so viel drüber geredet – eine gute finanzielle Power, wie einige Verpflichtungen zeigen. Und vor allem haben sie mit Urs Fischer einen tollen Trainer gewählt, der die innere Ruhe wahrt, aber auch einen entschlossenen Fokus hat. Er nimmt alle mit, bekommt es hin, dass der Teamgeist nicht verloren geht. Das ist eine Kunst. Mit der Teilnahme an der European Conference League ist jetzt natürlich etwas Besonderes erreicht.

Aber brauchte es diesen dritten Europapokal überhaupt?

Durch immer mehr Spiele entwickelt sich der Fußball in eine gefährliche Richtung, Thema Übersättigung bei den Menschen. Als jemand, der auch für die Uefa (Europäischer Fußballverband, Anm. d. Red.) als Beobachter arbeitet, glaube ich, dass sich die Europa Conference League nur sehr schwer durchsetzen wird. Aber für Union ist es eine tolle Chance, Verein und Fans nehmen diese internationale Möglichkeit an und genießen es, dabei zu sein.

Was ist denn möglich für Union im Europacup?

Wenn sie die Gruppenphase überstehen, was ich glaube, haben sie richtig gute Chancen, weit zu kommen. Und da bin ich auch wieder beim „Wir“ – und das muss ich eben sagen dürfen: Ich freue mich, wenn eine deutsche Mannschaft im Europapokal Erfolg hat.

Warum hängt Union inzwischen Hertha BSC in Berlin ab?

Bei Hertha gab es eine große personelle Umstellung in der Führungsachse, dazu der Einfluss durch den Investor Lars Windhorst. Es herrscht – auch mit der Diskussion um Trainer Pal Dardai, den Volkshelden der Hertha – Unruhe. Pal hat das Team schon einmal im Tabellenmittelfeld stabilisiert und ich finde, dass er das auch jetzt wieder schaffen kann, was das erste Ziel sein muss. Es braucht Stabilität auf allen Ebenen, dann kann auch der Erfolg richtig einsetzen.


Mit Borussia Dortmund haben Sie große Erfolge erreicht. Wie bewerten Sie die aktuelle Lage?

Ich bin positiv gestimmt. Man hat Edin Terzic vom Trainer, der mit Ligaplatz drei und dem Pokalsieg ja gute Arbeit geleistet hatte, zum technischen Direktor gemacht und stattdessen mit Marco Rose einen neuen Trainer aus Mönchengladbach geholt. Das lief ja alles nicht ganz sauber, was auch Wunden hinterlässt. Dennoch scheint Dortmund eine gute Ordnung gefunden zu haben. Marco Rose ist einer der besten Trainer in der Bundesliga und wird mit dem Team oben mitspielen. Für den Meistertitel wird es diese Saison aber nicht reichen, dafür sind die Bayern insgesamt zu stark.

_Auch beim FC Schalke 04 haben Sie gespielt. Da kann man derzeit höchstens vom Titel in der zweiten Liga träumen. _

Mich hat der Abstieg traurig gemacht. Aber für Schalke wie auch für den Hamburger SV und Werder Bremen wird es schwer, wieder hoch zu kommen. Sie müssen sich jetzt anpassen, auch unter finanziellen Zwängen. Da müssen die Dinge greifen und man muss Geduld haben, damit es klappt. Ich wünsche mir jedenfalls, dass Schalke wieder in die erste Liga zurückkehrt, denn das Revierderby fehlt.

Auch als Spieler war Steffen Freund (l.) resolut: Hier im Trikot von Borussia Dortmund beim Duell mit Münchens Jürgen Klinsmann.


Auch als Spieler war Steffen Freund (l.) resolut: Hier im Trikot von Borussia Dortmund beim Duell mit Münchens Jürgen Klinsmann.

© imago sportfotodienst


Vom Westen in den Osten: Was verbinden Sie mit Brandenburg?

Das ist Heimat, das ist Familie. Ich habe in Brandenburg an der Havel bei Motor Süd und Stahl mit dem Fußball angefangen, ich habe viele Jahre in Neu-Fahrland (Ortsteil von Potsdam, Anm. d. Red.) gelebt, jetzt wohne ich im Havelland, in Seeburg. Ich mag es hier, genieße aber auch die Nähe zur traumhaften Weltstadt Berlin.

Ihre Trainerkarriere haben Sie auch im Havelland begonnen, beim ESV Lok Elstal. Was war das damals für eine Zeit?

Ich war da von 2004 bis 2010, auch gekoppelt an meinen Sohn, tätig. Es war toll, unten an der Basis anzufangen. Ich verstehe daher den Unmut, die Unzufriedenheit, die dort inzwischen herrschen. Daran schuld ist der DFB, der mit seinen Fehlentscheidungen und Skandalen an der Spitze das gesamte Image des Fußballs in Deutschland beschädigt. Es braucht jetzt einen starken, vertrauenswürdigen DFB-Präsidenten.

Haben Sie mit Ihrer Trainerlaufbahn abgeschlossen?

Ja. Weil mir die Entwicklung im Fußball zu geschäftlich geworden ist, weil es nur noch ums Geld geht und weil der Trainer in der sportlichen Achse das schwächste Glied ist. Am Ende wird der Trainer von Leuten entlassen, die rein sportlich weniger Ahnung haben. Das stört mich.


ZUR PERSON: Steffen Freund (51) ist in Brandenburg/Havel geboren, wuchs dort auf und lernte das Fußball-Abc. Von Stahl Brandenburg wechselte er 1991 zum FC Schalke 04. Von 1993 bis 1998 spielte der defensive Mittelfeldakteur bei Borussia Dortmund, wurde mit dem Club zweimal Meister und gewann 1997 die Champions League und den Weltpokal. 1996 wurde er Europameister. Nach seiner aktiven Karriere trainierte er mehrere deutsche Nachwuchsnationalmannschaften, wurde 2011 mit der U17 Vize-Europameister und WM-Dritter. 2008 war er kurzzeitig Co-Trainer von Berti Vogts bei Nigerias Nationalteam. Von 2012 bis 2014 fungierte Freund ebenfalls als Assistenzcoach bei Tottenham Hotspur, wo er selbst mehrere Jahre gespielt hatte. Seit vielen Jahren arbeitet Freund nun im Fernsehen als Experte und Co-Kommentator – unter anderem bei RTL.



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