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Toilettenmangel in Belgien: Das Problem mit dem Drang


Stand: 22.04.2021 19:29 Uhr

Urinieren in der Öffentlichkeit ist vielerorts ein hartnäckiges Problem – durch Lockdown-Maßnahmen verschärft es sich. Belgische Städte lassen sich im Kampf gegen Wildpinkler einiges einfallen.

Von Gudrun Engel,
ARD-Studio Brüssel 

Manneken Pis steht stolz auf einer Säule in der Brüsseler Stadtmitte und macht seinem Namen alle Ehre: Die Bronze-Statue pinkelt. Das Problem: Das berühmte Wahrzeichen ist nicht mehr alleine. Weil durch die Corona-Pandemie viele Toiletten etwa in Restaurants, Hotels, Kaufhäusern und Bibliotheken geschlossen sind, erleichtern sich viele Belgier und Belgierinnen in Hauseingängen und Einfahrten. Eine unangenehme Duftwolke wabert durch viele Städte. Die Kommunen versuchen es mit verschiedenen Gegenmaßnahmen.  

Gudrun Engel

In Brüssel gibt es in der Innenstadt nur 14 Toiletten und immerhin 29 Pissoirs, verteilt mit großem Abstand. Die europäische Hauptstadt ist damit im internationalen Vergleich schlecht ausgestattet – und dadurch alles andere als gleichberechtigt.

Ein Mann uriniert in ein Pissoir: Hier hat das „Nudging“ offenbar funkioniert.

Bild: WDR

Der Ärger ist groß

Es ist zwar kein Thema, über das man freimütig und offen spricht: Das Bedürfnis der Erleichterung. Doch in der Innenstadt von Brüssel muss man nicht lange fragen: „Es gibt quasi keine öffentlichen Toiletten für Frauen. Jetzt können wir nicht mal mehr in ein Café gehen. Ich vermeide es schon, zu trinken!“, ärgert sich die Brüsselerin Bahriye Hanci und weist daraufhin, dass es in vielen Staaten, die sie bereist hat, selbst in den kleinsten Vierteln Toiletten gebe – „aber hier im Zentrum Europas gibt es keine“.

Auch Studentin Laura de Ridder fordert mehr gratis Toiletten: „Wildpinkeln ist hier echt ein Problem. Es gibt viele Toiletten für Männer, aber nicht für Frauen. Da können wir nichts anderes tun, als irgendwohin zu pinkeln, im Park zum Beispiel“, gibt sie zu.  

Restaurants öffnen ihre Toiletten

Zoubida Jellab, Stadtverordnete für öffentliche Sauberkeit und Grünflächen, hat das Problem ganz oben auf die Tagesordnung gesetzt und im Brüsseler Haushalt Geld für neue Toilettenanlagen locker gemacht: „Wir brauchen vor allem Toiletten für Frauen oder Menschen mit eingeschränkter Mobilität“, stellt sie fest. Die Stadt will jetzt immerhin einige Pissoirs zu Toiletten umrüsten. Außerdem werden verstärkt mobile Toiletten an gut besuchten Plätzen aufgestellt. Und die Stadt hat eine besondere Initiative ins Leben gerufen: Gastronomen sollen ihre Toiletten öffnen – gegen eine Aufwandsentschädigung von 1000 Euro.

Jean-Philippe Bosman betreibt in der mittelalterlichen Altstadt das Restaurant „Le Roy d’Espagne“ und öffnet jetzt für Klogäste. Die Aufwandsentschädigung nutzt er für das Reinigungspersonal, für Seife, Toilettenpapier, Strom und Ventilatoren zur Belüftung – das ist eine Corona-Schutzauflage. Das Geld könnte mehr sein, meint er, aber: „Wir gehen davon aus, dass es ein Recht auf Toiletten gibt, deswegen machen wir mit. Es gibt viele ältere Menschen die jetzt herumschleichen und dringend ein Örtchen auf dem Weg zum Parkplatz brauchen.“

„Nudging“ zum Örtchen hin

In Gent versucht man „Nudging“ als neue und effektive Waffe im Kampf gegen das Urinieren in der Öffentlichkeit einzusetzen. „Frei übersetzt bedeutet ‚Nudging‘, einen sanften Schubs in die richtige Richtung zu geben, ohne die Wahlmöglichkeiten einzuschränken. Dadurch werden gewünschte Entscheidungen subtil vorangetrieben“, erklärt Verhaltensökonom Mathias Celis von der Universität Gent.  

Eine Studie der Universität Kopenhagen hatte gezeigt, dass das Aufmalen von Fußabdrücken im größeren Umkreis von Mülleimern in Göteborg die Müllmenge auf den Straßen um 46 Prozent reduzierte. Die Fußspur machte die Behälter leichter auffindbar und fungierte zugleich Signal, das das gewünschte Verhalten auslöste.  

Mathias Celis zeigt die Pfeilzeichen, die im Kampf gegen Wildpinkler funktionieren.

Bild: WDR

Für ein Forschungsprojekt hat Celis dieses Experiment in Gent kopiert: Im Ausgehviertel rund um den Vlasmarkt, wo viele Studierende sich Abends auf ein Bier treffen, sprayte Verhaltensökonom Celis Fußabdrücke, die zu Urinalen leiten. Dieser Stups in die gewünschte Richtung zeigt bereits Erfolge: Die Zahl der „Wildpinkler“ reduzierte sich um mehr als die Hälfte. 

Noch effektiver: Pfeile auf dem Boden, die auch die Dauer anzeigen, die benötigt wird, um ein WC zu erreichen. Hier beobachtete Celis sogar eine Abnahme des Wildpinkelns um 72,31 Prozent. Hinweise auf Bußgelder, auch das zeigte die Untersuchung, schrecken dagegen nur wenige Menschen ab.

„Hinterlasse keine Spuren“

Doch nicht nur die Städte leiden: Durch die Reisebeschränkungen und Ausgangssperren zieht es die Menschen in die Natur vor der Haustür. Koen Maréchal ist Förster an der belgischen Ostküste, unter anderem in den „Zwin“-Wäldern in Knokke-Heist. Verärgert hat er eine zunehmende Anzahl von urinierenden und defäkierenden Menschen in den Wäldern und Dünen festgestellt. „Es gibt überall viel mehr Toilettenpapier und andere menschliche Abfälle im Wald als vor der Corona-Krise“, sagt er – das sei nicht gerade erfreulich für das Auge.

Außerdem störe es das Gleichgewicht der Natur: „Düfte sind für Tiere sehr wichtig. Diese natürlichen Gerüche, die wir als Menschen nicht riechen können, werden durch den Geruch von menschlichen Fäkalien völlig überlagert und gestört.“ Deshalb spreche er die Menschen an und erinnere an die Regel: „Hinterlasse keine Spuren“. Konkret bedeute das: Entweder Löcher graben oder alles in einer Tüte wieder mitnehmen, ähnlich den mittlerweile verbreiteten Kotbeuteln für Hunde. 

Aprospos Hunde: Neben dem berühmten Manneken Pis gibt es in Brüssel auch einen pinkelnden Hund: Zinneke Pis, der sein Bein an einem Poller in der Altstadt hebt. Damit soll er aber künftig wieder möglichst alleine bleiben.  

Diese Reportage sehen Sie auch in den tagesthemen – heute um 22.45 Uhr im Ersten.

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