Start day-news So war Auftakt der Festspiele MV mit Vision string quartet

So war Auftakt der Festspiele MV mit Vision string quartet


Endlich wieder Balsam für die Seele. Helle Begeisterung für das „vision string quartet“. Sie haben nicht nur Visionen, sie haben sich sogar nach ihnen benannt. Und sie halten wohl auch nichts von dem Rat eines ehemaligen Bundeskanzlers, wer Visionen habe, solle zum Arzt gehen. Stattdessen sind sie seit nunmehr fast 10 Jahren ein Begeisterung auslösender musikkultureller Öffentlichkeitsfaktor und als vision string quartet ein international etabliertes Ensemble der Sonderklasse, Visionäre eben!

Sie spielen im Stehen – nur der Cellist besitzt den Vorzug eines Stuhls – und auswendig. Schon das sind keine Äußerlichkeiten. Es sind Voraussetzungen für einen Musizierstil von körperlich ungehemmt scheinender, außerordentlich bewegungsintensiver Bühnenpräsenz und entsprechend wirkungsvoller, weil sehr direkter Gestaltungsfähigkeit. Mittel zum Zweck also, wie sie am vergangenen Freitag bei den Festspielen MV in Loitz wieder beeindruckend sicht- und hörbar wurden.

Quartett sprengt traditionelle Konzertformate

Denn die vier jungen Ausnahmemusikanten verbinden alles, das gern in einem Konzept, das auf Wandlungsfähigkeit setzt und traditionelle Konzertformate erweitert, ja sprengt. Eindrucksvoll zu erleben war das in besagtem Peenestädtchen, dem Endpunkt einer dreitägigen Konzertreise, die genau, damit das Publikum im historischen Ballsaal des Hotels Tucholski von den Stühlen riss.

Konkret also: Klassischer Einstieg mit Beethovens c-Moll-Quartett op. 18/4. Das aber war – wen wundert’s – weniger Klassik zum schönen Genießen. Eher der aufmüpfige Umgang mit einem emotionale Fesseln sprengenden Werk, das schon den Zeitgenossen als „keineswegs populär“ vorkam. Ein Beethoven mit allen Aspekten einer Kunst hin zum großen Ausdruck, ungeschönt, mit Ecken und Kanten, dramatischer Spannung, ungestümem Vorwärtsdrang, spielerischer Ausgelassenheit und mitreißender Unmittelbarkeit.

Eigenkompositionen im Jazz- und Pop-Format

Von da war der Weg nicht weit zu jenem Programmteil, der unter anderem den Kultstatus der Truppe begründet: Eigenkompositionen im Jazz- und Pop-Format. Und da brannte die Hütte dann wirklich. Elektronisch verstärkt und mit Nutzung unorthodoxer Spielpraktiken tobte das Ensemble mit überbordender Musizierlust durch Klangwelten sehr speziellen Zuschnitts; nicht selten überfallartig, oft fast manisch, aber wirkungsvoll stereotyp, verspielt bis orchestral klangwuchtig und mit atemlos machender, nahezu zwanghafter Vehemenz. Drei Zugaben – auch mit Witz. Ein musikalisches Elementarereignis, Balsam für Leib und Seele! Und solch ein Ensemble durfte – wie viele andere auch – neun Monate nicht auftreten!

Von Ekkehard Ochs

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