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So soll er gerettet werden


„Hoch steht der Sanddorn am Strand von Hiddensee“ nicht mehr. Wie im gesamten Land droht auch den Inseln Rügen und Hiddensee ein Sanddornsterben. Laut dem Landesamt für Landwirtschaft, Lebensmittelsicherheit und Fischerei (LALLF) sind bereits seit mehreren Jahren abgestorbene Sanddornpflanzen in vielen Beständen zu beobachten gewesen. Inzwischen werden teils großflächige Ausfälle von Sanddornsträuchern sowohl in Küstenbeständen als auch in Sanddorn-Plantagen sichtbar. Befallene Pflanzen zeigen bräunliche Verfärbungen an Zweigen und Stamm oder welkende und abfallende Blätter. Binnen eines Jahres sterben die Sträucher komplett ab.

„Ich habe schon vor acht Jahren dem Landwirtschaftsminister gesagt, dass hier etwas faul ist“, sagt Ernst Heinemann, der sich seit über 20 Jahren auf Anbau, Ernte und Verarbeitung von Sanddorn spezialisiert hat und seine Produkte im Gutshaus auf dem Rügenhof am Kap Arkona vertreibt. „Weil wir mit dem Absterben zu tun haben, diversifizieren wir jetzt die Sorten“, sagt er. Aus der einstigen Sanddornplantage am Kap Arkona soll künftig eine Mischplantage werden, auf der auch Aronia-Apfelbeeren, Weißdorn und andere Sträucher wachsen. Die neuen Sanddorn-Sorten bezieht er von Deutschlands ältester Obst- und Gemüsegärtnerei, die Christoph Späth schon 1720 in Berlin-Kreuzberg gründete. 200 junge Pflanzen sind bereits im Boden der 3,5 Hektar großen Plantage, weitere 350 folgen demnächst. Daraus soll einmal der „Rügener Wildfruchtpark“ entstehen.

Bereits Produkte aus dem Sortiment genommen

„Jetzt habe ich noch genug Sanddorn, aber im nächsten Jahr werde ich zukaufen müssen“, sagt Heinemann. „Wir lassen uns aber den Sanddorn so liefern, wie er geerntet wird, also mit seinem Öl.“ Dann aber werde er nicht mehr mit einem „Original Rügenprodukt“ werben können, wie es bisher der Fall war, sondern nur noch als „Rügener Sanddorn“. Die Regelungen der Kennzeichnungsverordnung machen möglich, dass auch hier hergestellte Produkte so firmieren dürfen. „90 Prozent des Sanddorns in auf der Insel verkauften Produkten kommt ohnehin nicht von Rügen, sondern aus Osteuropa und aller Welt“, meint Heinemann. Selbst Rügener Einrichtungen, die sich dem Gedanken von Nachhaltigkeit und Regionalität verpflichtet sähen, würden sich an dem Etikettenschwindel beteiligen. „Dabei ist Sanddorn neben Kreide, Landschaft und Gutshäusern eines der Markenzeichen der Insel und als Mitglied des Rügenproduktevereins fühlen wir uns den Original Rügenprodukten verpflichtet.“

Wegen des hohen Vitamin-C-Gehalts pflanzte die DDR-Regierung eine Versuchsplantage in Glowe.
Quelle: Archiv

Auch die landesweit größte Plantage, das „Storchennest“ in Ludwigslust ist von dem Sterben betroffen. Dort sind von einst knapp 120 Hektar nur noch etwa 55 übrig. Auf der Suche nach Alternativen denkt man dort ebenfalls über den Anbau von Wildfrüchten nach. Zu den Kunden zählen auch der „Sanddornwaggon“ aus Göhren und der „Rügenshop“, den Birgitta Burgert online betreibt. „Wir mussten schon einige Sanddorn-Produkte aus dem Sortiment nehmen“, sagt sie.

Klimawandel und Einsatz von Giften begünstigt Sanddorn-Sterben

Warum die wegen ihres hohen Vitamin-C-Gehalts auch „Zitrone des Nordens“ genannte Kultbeere stirbt, ist noch nicht geklärt. LALFF, Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei und das Julius-Kühn-Institut für Pflanzenschutz (JKI) wollen in einem gemeinsamen Forschungsprojekt herausfinden, was dem Sanddorn zu schaffen macht. Seit Anfang des Jahres wird nun geforscht.

„Aufgrund der Symptomatik gehen wir vorrangig von einem pilzlichen Schaderreger als Ursache des Sanddornsterbens aus“, sagt Prof. Wilhelm Jelkmann vom JKI. Bisher seien 172 Proben von Wildstandorten, Plantagen und Baumschulen genommen worden. „Vom Standort Rügen wurden Proben von verschiedenen Wildstandorten, aber auch Hausgärten in die Untersuchungen mit einbezogen. Auch auf der Insel Hiddensee wurden Sanddornpflanzen beprobt.“ Da manche holzbesiedelnden Pilze aber sehr langsam wachsen, seien jeweils mehrere Monate für die Experimente anzusetzen. „Wir gehen davon aus, dass mehr als ein Pilz beteiligt ist und zudem abiotische Faktoren wie Ernährungszustand, Bodenverhältnisse und auch Klimaveränderungen die Entwicklung begünstigen.“

Forscher suchen Unterstützung von Praktikern

Das glaubt auch Ernst Heinemann aufgrund seiner Erfahrungen. „Die biologische Vielfalt sinkt immer schneller. Wir haben hier keine Insekten mehr und damit verlagert sich auch der Vogelzug zusehends in das Odertal.“ Vor allem Stare würden aber die Wildfruchtbestände „aufräumen“ und von Schädlingen befreien. Geschehe das nicht mehr, würden die Pflanzen geschwächt und hätten dem Pilzbefall wenig entgegenzusetzen.

„Sollte sich das Sanddorn-Sterben in dieser Geschwindigkeit weiterhin ausbreiten, wird es zu einer existenziellen Bedrohung des Anbaus dieser wertvollen Nischenkultur“, meint Daniela Kuptz von der Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei. „Wir möchten deshalb alle Sanddorn-Anbauer, Mitarbeiter aus Ämtern oder Behörden oder Fachberater ermutigen, sich an uns zu wenden.“ Kontakt unter Tel. 03843789-269 oder d.kuptz@lfa.mvnet.de.

Von Uwe Driest

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