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So ist die Warnemünder Traditionsfischerei betroffen


Nach 24 Stunden Verhandlungen haben sich die EU-Länder am Dienstag geeinigt: Fischer dürfen in der westlichen Ostsee künftig keinen Dorsch und keinen Hering mehr gezielt fangen. Die Nachricht geht um die Welt, nur in Warnemünde wird die neue Verordnung mit Schulterzucken wahrgenommen, denn tatsächlich betrifft es die kleinen Kutter kaum. Traditionsfischer Ingo Pinnow berichtet über die tatsächlichen Probleme am Alten Strom.

„Wenn es die kleinen auch noch getroffen hätte – die, die mit zwei, drei Kisten Fisch ihren Lebensunterhalt bestreiten –, dann wäre das der Tod der Traditionsfischerei in Warnemünde gewesen“, sagt Ingo Pinnow, nachdem er soeben von der Entscheidung der EU-Staaten gehört hat. Denn Hering und Dorsch seien nun mal der „Brotfisch“.

Ausnahmeregelung für Traditionsfischer

Doch was wurde überhaupt beschlossen? Dorsch und Hering dürfen in der westlichen Ostsee nur noch als Beifang gefischt werden. Waren es 2020 noch 1600 Tonnen Hering und 4000 Tonnen Dorsch, schrumpft die zulässige Fangmenge künftig auf 788 Tonnen Hering und 490 Tonnen Dorsch – ein herber Einschnitt für die Fischereibranche.

Doch die meisten Kutter in Warnemünde betrifft die neue Regelung nicht. Denn: In der Einigung gibt es eine Ausnahmegenehmigung für Fischerboote unter 12 Metern. Diese dürfen mit passivem Fanggerät, also etwa Stellnetze, weiterhin gezielt Hering und Dorsch fangen. Pinnows Kutter „Christin“, benannt nach seiner Tochter, sei nicht mal zehn Meter lang. „An guten Tagen fange ich etwa fünf Kisten à 20 Kilo Dorsch“, sagt Pinnow.

Flunder, Flunder, Flunder?

Er selbst habe von dem dramatischen Rückgang der Fischbestände bislang wenig mitbekommen. „Bei Hering hatte ich noch keine Probleme und auch beim Dorsch komme ich noch immer auf die notwendige Menge.“ Die ständig wechselnden Verordnungen seien problematisch. „Der Mensch bringt die Natur immer wieder durcheinander.“ So beobachte er etwa den Schutz von Kormoranen kritisch. Diese würden mittlerweile in Massen zwischen Breitling und Mole verkehren.

Und wenn die großen Fischer keinen Dorsch und Hering mehr fangen dürfen, sind die Alternativen rar. „Du könntest nur noch auf Plattfisch gehen. Dann heißt es Flunder, Flunder, Flunder.“ Das Problem liege auf der Hand. „In wenigen Jahren wird dann auch für diesen Fisch eine Fangquote erhoben.“ Er könne froh sein, dass er nicht als Großkutter mit Schleppnetzen unterwegs ist. Denn für diese Kollegen sei die neue Verordnung der Tod.

Kein Nachwuchs für Traditionsfischer

Auch wenn die neue Regelung die Traditionskutter nicht betrifft, stehe die Branche laut Pinnow vor schweren Jahren. Denn den zumeist betagten Fischern fehlt der Nachwuchs. Viele gehen in Rente, können ihre Kutter nur mit Not weiterveräußern. An Nachfolge sei kaum zu denken.

„Früher wollte mein Schwiegersohn das Geschäft übernehmen. Doch nachdem die EU die Fangquoten immer weiter eingeschränkt hat, will er das nicht mehr. Das Geschäft ist einfach zu unsicher“, sagt Pinnow. 1992, als Pinnow angefangen hat, sei noch alles in Ordnung gewesen. Heute verlangen die zahlreichen Verordnungen den Kleinsten der Branche einiges ab. So müssen sie wissen, welcher Fisch in welcher Menge wann gefangen werden darf. Sie müssen permanent Logbuch führen.

Nur noch Frost- und Zuchtfisch?

Zwar erhalte man Fördergelder, doch die Auflagen der EU seien zum Teil widersprüchlich. „Einerseits empfehlen sie uns, dass wir uns ein zweites Standbein suchen sollen, andererseits dürfe dieses nicht mehr als 40 Prozent des Umsatzes ausmachen.“ Pinnow habe bereits vor über zehn Jahren seinen Fischhandel am Alten Strom gegründet. Da er aber nicht immer garantieren konnte, dass er die Quote von 60/40 einhält, hat er diesen auf seine Frau überschrieben.

„Außerdem müssen wir nachweisen, dass wir 60 Tage im Jahr auf See verbracht haben.“ Dies sei mit seinen Stellnetzen jedoch nur schwer planbar. „Wir müssen die Fangquote beachten, sind extrem abhängig vom Wetter und der Schlickzeit“, sagt der 53-Jährige. Angesichts der aktuellen Entwicklungen sei es für ihn schwer vorstellbar, dass man in Zukunft noch frischen Fisch am Alten Strom bekommt. „Man resigniert. Man gibt auf. Und dann gibt es nur noch Frost- und Zuchtfisch.“

Von Moritz Naumann

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