Start day-news So geht’s dem Rügener Unglücks-Storchs

So geht’s dem Rügener Unglücks-Storchs


Das Federkleid zerrupft, der Rücken blutig zerhackt von Schnabelhieben. Der kleine Storch, der sich derzeit in der Wildvogelstation im Tierpark Greifswald von einer Attacke erholt, bot bei seiner Rettung einen traurigen Anblick. Immerhin, es sah schlimmer aus, als es ist. „Er hat guten Appetit“, versichert Cheftierpfleger Frank Tetzlaff. „Und er hakt auch ganz schön um sich.“. Der Jungstorch aus dem Nest in Alt Lanschvitz hat in seinem jungen Leben richtig viel Glück gehabt.  Nur durch den beherzten Einsatz von Familie Ganser, der Tiernotrettung Rügen und der Freiwilligen Feuerwehr war eine Rettung möglich.

„Ich möchte sagen, unsere Störche gehören zu den fleißigsten auf Rügen“, beschreibt Heike Ganser aus Alt Lanschvitz. Auch in diesem Jahr waren vier Jungen im Nest.“ Doch die Idylle wurde jäh gestört an diesem Vormittag in der vergangenen Woche, denn ein fremder Storch näherte sich dem Nest und begann sofort, die Jungen zu attackieren. „Die Eltern flogen aufgebracht drumrum“, erzählt Heike Ganser. „Aber viel tun konnten sie auch nicht.“

Der Vorschlaghammer brachte den Erfolg

Kurzentschlossen versuchten es Heike Ganser und ihr Mann Karl mit Steinwürfen, um den Angreifer abzuwehren, auch der Gartenschlauch kam zum Einsatz – alles ohne Erfolg. Dann kam Karl auf die Idee mit dem Vorschlaghammer. „Er hat immer wieder gegen den Betonpfeiler geschlagen, auf dem sich das Nest befindet“, erzählt seine Frau. „Die Geräusche haben den fremden Storch dann in die Flucht geschlagen.“ Doch der Schaden war da. Ein kleiner Storch hing bereits halb aus dem Nest, Heike Ganser war klar: „Es muss Verletzte gegeben haben.“

Ein kleiner Storch wurde auf der Insel Rügen gerettet
Quelle: privat

Wen sie in so einer Situation anruft, ist ihr klar. „Die Tierrettung“, sagt sie. „Ich kenne Michaela Ballschuh bereits länger und wusste vom Angebot des Vereins.“ Die Tierrettung Vorpommern-Rügen, die im Jahr 2020 gegründet worden ist und sich um Wildtiere in Not kümmert, rückte aus. Schnell war klar: Ohne Drehleiter wird das nix. Also wurde die Freiwillige Feuerwehr in Bergen hinzugezogen, die bereitwillig ihr Drehleiterfahrzeug zur Verfügung stellte. „Die Feuerwehren auf Rügen stehen uns positiv gegenüber“, lobt Ballschuh. „Es sagt keiner: Machen wir nicht.“

Hilfe gibts im Tierpark Greifswald

Ihre Kollegin Annette Pahl wurde mit der Drehleiter zum Nest hochgefahren, dort schaute sie sich jeden Storch einzeln an. Bei einem waren die Verletzungen so schlimm, dass er mitgenommen werden musste. „Wie will man das sonst machen“, sagt Michaela Ballschuh. „Die Wunden müssen ja regelmäßig versorgt werden.“ Praktisch für die Retter dabei, dass Störche sich tot stellen, wenn sie sich in großer Gefahr wähnen. So konnte der Storch auf dem Arm von Annette Pahl sicher den Erdboden erreichen und trat seine Reise nach Greifswald an. Hier befindet sich eine der beiden Wildvogelauffangstationen im Land. Egal ob Milan mit gebrochenem Flügel, verletzter Spatz oder eben Storch in Not – hier wird versucht, die Vögel wieder „Fit für die Freiheit“ zu machen.

Ein kleiner Storch wurde auf der Insel Rügen gerettet
Quelle: privat

„Fußgänger-Störche“ sind gute Ersatzeltern

Nicht immer gelingt das: „Derzeit haben wir zwölf Invaliden-Störche, die nicht fliegen können“, erklärt Frank Tetzlaff. „Die bleiben dauerhaft auf der Anlage, kommen aber auch als Fußgänger gut klar.“ Weil diese Störche auch Nachwuchs haben, ist eines der Nester auch die neue Heimat des Rügener Fundstorches, hier hat er ebenfalls drei Geschwister. „Da wird von den Elterntieren nicht gezählt“, so Tetzlaff. „Und es ist immer besser, wenn man die Tiere von Artgenossen aufziehen lässt. Sonst werden sie sehr zahm. Das wollen wir ja nicht.“ Die Jungstörche werden aber Ende Juli/August trotzdem abheben und mit ihren Artgenossen in Richtung Winterquartier im Süden fliegen. Ob es den kleinen Storch später mal nach Vorpommern-Rügen oder Vorpommern-Greifswald zieht, ist noch nicht klar. So 50 Kilometer rund um den Geburtsort seien üblich, es gebe aber auch Störche, die sich zum Beispiel für Ungarn entschieden hätten.

Die Tierrettung Vorpommern-Rügen hat derzeit 20 aktive Mitglieder, finanziert sich ausschließlich über Spenden und sucht weiterhin tatkräftige Unterstützung und Spenden. „Derzeit werden wir zu etwa fünf Einsätzen am Tag gerufen“, beschreibt Michaela Ballschuh. „Dazu gehören zum Beispiel Turmfalken, Möwen, Dachse und andere Wildtiere. Hunde und Katzen betreuen wir nicht, das bleibt Sache des Ordnungsamtes.“ Weitere Informationen unter www.tierrettung-ruegen.de

Von Anne Ziebarth

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