Start day-news „Shitstorms“ und „Cancel Culture“? Diskriminierende Äußerungen bleiben einfach seltener unwidersprochen

„Shitstorms“ und „Cancel Culture“? Diskriminierende Äußerungen bleiben einfach seltener unwidersprochen


Berlin. Boris Palmer hat es – mal wieder – gespürt, der frühere Nationaltorwart Jens Lehmann ebenso und zahlreiche andere vor ihnen auch: Die Zeiten, in denen Personen des öffentlichen Lebens sich ohne Gegenwind rassistisch, sexistisch oder anderweitig verletzend äußern können, sind passé.

Wenn ein Promi oder Politiker zu rassistischem Vokabular greift, dann steht ihm heute eine digitale Öffentlichkeit gegenüber, die an Kritik nicht spart. Oft ist dann von einem Shitstorm die Rede. Doch nur selten trifft das wirklich zu. Klar, viele solcher Debatten in den Sozialen Medien haben die Tendenz zur Vereinfachung. Nicht selten ist ein Teil der geäußerten Kritik bis ins Unfaire überdreht.

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Nach Rassismuseklat um Aogo: Hertha-Investor wirft Jens Lehmann raus

Jens Lehmann ist raus bei Hertha BSC. Der Grund: Eine Nachricht an Dennis Aogo, in der er diesen als „Quotenschwarzen“ bezeichnet.  © dpa

Der Weg in eine offenere Gesellschaft ist kein Sonntagsspaziergang

Die lauten Wellen von Kritik und Empörung, die mittlerweile regelmäßig durch das Internet rollen, sind aber vor allem Ausdruck einer Gesellschaft, die offener und vielfältiger geworden ist. Minderheiten lassen sich die Diskriminierung, die sie seit Jahrzehnten und Jahrhunderten erleben, immer seltener einfach gefallen. Und immer mehr Angehörige der Mehrheitsgesellschaft erklären sich mit ihnen solidarisch und erheben die Stimme, wenn sie Unrecht wittern.

Für die Entwicklung unserer Gesellschaft ist das ein gutes Zeichen. Der Soziologe Aladin El-Mafaalani spricht in diesem Zusammenhang von einem Integrationsparadox: Weil Minderheiten immer besser integriert sind, trauen sie sich auch, lauter Gehör einzufordern. Das sorgt zwar für Reibung und Konflikte. Aber der Weg in eine offenere Gesellschaft ist eben kein Sonntagsspaziergang.

Bei aller Kritik, allem gerechten Zorn und aller berechtigten Empörung sollte jedoch eines nicht vergessen werden: Nicht über jedes hingehaltene Stöckchen muss auch gesprungen werden. Vor allem Rechtspopulisten und Rechtsextreme – allen voran Politiker der AfD – haben dieses Stöckchen-Hinhalten längst perfektioniert. Auf eine wohlkalkulierte Grenzüberschreitung folgt sogleich eine Welle der Entrüstung.

Ein Shitstorm kann auch eine heiß begehrte Währung sein

Auch einem erfahrenen Politiker wie dem noch grünen Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer darf man getrost unterstellen, nicht unbedarft zu handeln, sondern ganz bewusst zu provozieren. In der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie ist ein vermeintlicher Shitstorm auch eine heiß begehrte Währung. Deshalb kommt es darauf an, bei aller Kritik einen kühlen Kopf zu bewahren und sich nicht selbst zum Instrument einer PR-Strategie der Grenzüberschreitungen zu machen.

Denn ebenso sicher wie Kritik und Empörung auf rassistische oder sexistische Aussagen folgen, folgt stets die Empörung über die Empörung. Und die ist oftmals besonders wohlfeil: Da wird laute Kritik zum Beweis erhoben, dass „man ja nichts mehr sagen dürfe“ in diesem Land – als sei die Meinungsfreiheit gleichbedeutend mit Widerspruchsfreiheit.

Meinungsfreiheit wird selbst durch die überdrehteste Kritik im Netz nicht bedroht

Da wird jeder Ruf nach Konsequenzen für untragbare Äußerungen zum Beispiel für eine angeblich grassierende Cancel Culture erklärt. Dass die Warnungen vor der eingeschränkten Meinungsfreiheit mitunter in reichweitenstarken Zeitungen oder Fernsehtalkshows ausgesprochen werden, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

Ein Verständnis dieser Empörungschoreografie kann dabei helfen, die immer wiederkehrenden Debatten mit größerer Gelassenheit zu verfolgen. Die Demokratie und die Meinungsfreiheit werden selbst durch die überdrehteste Kritik im Netz nicht bedroht.

Und jeder darf in Deutschland auch weiterhin – im Rahmen der geltenden Gesetze – sagen, was er denkt. Dass verletzende Äußerungen, die Teile der Gesellschaft verächtlich machen, heute auf stärkeren Widerspruch stoßen, als vor wenigen Jahrzehnten, darf durchaus Anlass für Hoffnung sein.

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