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Nobelpreisträger erklärt, wie wir bessere Entscheidungen treffen


Warum treffen Menschen in den gleichen Umständen völlig unterschiedliche Entscheidungen? Wie können Ärzte und Ärztinnen mit den gleichen Informationen denselben Patienten unterschiedliche Diagnosen ausstellen? Ja, manchmal ist es sogar derselbe Arzt oder dieselbe Ärztin, die je nach Tagesform zu einem ganz anderen Urteil im gleichen Fall kommen.

„Noise“ lautet die Antwort, die Daniel Kahneman und seine Co-Autoren Olivier Sibony und Cass R. Sunstein auf diese Frage geben. In Ihrem gleichnamigen Buch erklären die drei Autoren, wie man diese „Störgeräusche“ reduziert – und so bessere Entscheidungen trifft.

In der Corona-Krise mussten Menschen, aber auch Regierungen, viele wichtige Entscheidungen treffen. Welche Rolle spielt Noise dabei?

Olivier Sibony: Nehmen sie zum Beispiel den Impfstoff von Astrazeneca in Europa: Wir beobachten plötzlich, dass es da Probleme mit Blutgerinnseln gibt, und jede Gesundheitsorganisation in Europa beginnt ungefähr gleichzeitig mit ihrer Untersuchung. Wir gehen davon aus, dass sie dabei alle dieselben Daten betrachten. Auch die Definition, was ein Blutgerinnsel ist, sollte in Dänemark, in Frankreich oder Italien die gleiche sein. Und trotzdem kommen all diese Behörden zu unterschiedlichen Ergebnissen. Das ist ein perfektes Beispiel dafür, wie Menschen, die alle sehr qualifiziert sind und vermutlich sogar die gleichen Ziele verfolgen, zu auffallend unterschiedlichen Schlussfolgerungen in einer doch wichtigen Angelegenheit gelangen.

Sie grenzen „biased“ also „verzerrte“ Urteile von „noisy“ also „verrauschten“ Urteilen ab. Wie unterscheiden sich diese?

Daniel Kahneman: Bias ist ein systematischer, durchschnittlicher, vorhersehbarer Fehler. Noise ist ungewünschte Variabilität, eine völlig andere Art von Fehler.

Cass R. Sunstein: Nehmen sie an, die Strafjustiz in einem Land behandelt jeden Menschen ein bisschen strenger als sie sollte. Das ist ein „biased“ System. Wenn sie dagegen ein „noisy“ System haben, dann werden viele Kriminelle härter behandelt als sie sollten und viele weniger hart als sie sollten.

Kahneman: Es gab eine juristische Studie, in der 208 Richter und Richterinnen in 16 Fällen urteilten. Der durchschnittliche Unterschied bei der Länge der gewählten Strafe zwischen zwei zufälligen Richtern und Richterinnen, die denselben Fall beurteilten, betrug mehr als dreieinhalb Jahre. Und wir sollten davon ausgehen, dass Noise im Gerichtssaal mit ziemlicher Sicherheit größer ist, weil dies besonders einfache Fälle waren. Das ist die schockierende Lotterie, der sich Angeklagte stellen müssen.

Olivier Sibony (l.) ist Autor, Dozent und Unternehmensberater, spezialisiert auf strategische Entscheidungsfindung und die Organisation von Entscheidungsprozessen. Daniel Kahneman (M.) ist einer der weltweit einflussreichsten Kognitionspsychologen. Für seine Arbeit wurde er 2002 mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet. Sein Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ wurde zum Weltbestseller. Cass R. Sunstein (r.) war Berater von Barack Obama zu Intelligence and Communications Technologies und ist Autor zahlreicher Bücher. © Quelle: Privat/Kahneman/Samantha Power

Welche Komponenten von „Noise“ gibt es?

Sunstein: Es gibt tatsächlich drei Arten. Beginnen wir mit dem größten Spaß: Occasion-Noise (deutsch: situatives Rauschen). Ein Mensch kann je nach Anlass unterschiedliche Urteile fällen. Derselbe Doktor, der an einem Freitagnachmittag müde sagt: „Kommen Sie in drei Monaten wieder“, sagt voller Energie an einem Montagmorgen: „Ich mache mir Sorgen um Sie, lassen Sie uns ein paar Tests machen.“

Die zweite Art ist Level-Noise und auch sehr intuitiv: Manche Lehrende zum Beispiel haben einfach einen härteren Ansatz, wenn es um Benotungen geht. Oder ich hatte vor ungefähr zwölf Jahren eine Ärztin, die einfach viele Tests machen wollte. Während hingegen mein aktueller Arzt vorsichtiger und der Meinung ist, man testet nur mit gutem Grund.

Und die dritte Art?

Sunstein: Pattern-Noise (deutsch: Muster) haben wir spät entdeckt, es ist die interessanteste und am wenigsten intuitive Art. Nehmen Sie an, eine Ärztin ist bezüglich Herzkrankheiten sehr besorgt, aber weniger, wenn es um Krebs geht. Sie überdiagnostiziert also Herzerkrankungen. Ein anderer Arzt zeigt hingegen das entgegengesetzte Muster: Er denkt, dass viele Menschen nun mal Schmerzen in der Brust haben oder Schwindel zum Leben dazugehört. Auf Krebs dagegen müsse man achten! Das ist kein systematischer Unterschied etwa bei der Urteilsstrenge zwischen zwei Ärzten, sondern einfach ein anderes Muster. In den Bereichen, die wir untersucht haben, war Pattern-Noise erstaunlicherweise die größere Ursache von Noise.

Warum ist das so?

Kahneman: Menschen haben unterschiedliche Persönlichkeiten, sie reagieren nicht auf die gleiche Weise auf Ereignisse in ihrem Leben. Es fällt uns schwer, das zu verstehen. Wir können nicht in den Kopf von anderen Menschen sehen, deswegen denken wir, sie sehen die Welt wie wir. Unterschiede im Urteil sind viel weniger sichtbar als Unterschiede im Verhalten.

Sibony: Man sieht das auch bei Organisationen, die behaupten, dass es doch toll sei, dass Menschen unterschiedlich und einzigartig sind. Aber dann erwarten sie irgendwie, dass diese Menschen identische Urteile fällen – und zwar ohne ihnen dafür Regeln zu geben.

Wie kann man das ändern?

Kahneman: Es gibt keine einfache Möglichkeit, Pattern-Noise zu beheben. Der einzige Weg ist das, was wir Entscheidungshygiene nennen.

Können Sie dafür ein Beispiel geben?

Sibony: Nehmen wir an, Danny und Cass führen Bewerbungsgespräche mit Bob. Sie haben dabei unterschiedliche Präferenzen, weil sie unterschiedliche Menschen sind: Danny zieht Menschen vor, die intelligent sind, Cass solche mit viel Energie. Cass findet Bob deshalb furchtbar, Danny toll. Entscheidungshygiene würde in dem Fall darin bestehen, zu sagen: Wir wissen, dass ihr eure Vorlieben habt, aber ihr seid nicht hier, um sie auszudrücken. Stattdessen sollt ihr die Einstellungskriterien berücksichtigen, die wir als Organisation festlegen. Dann können sich Danny und Cass darüber einig sein, dass Bob zwar intelligent ist, aber nicht viel Energie an den Tag legt. Wenn wir ihnen sagen, welches Gewicht den einzelnen Kriterien zukommen sollte, stimmen sie überein.

Sunstein: Ich war damals im Weißen Haus, als Präsident Obama sich dazu entschied, Osama bin Laden zu töten. Ich war nicht im Raum selbst, kann aber aus der anschließenden Diskussion daraus schließen, dass die Besprechung nach dem Muster ablief, wie Olivier es gerade beschrieben hat. Präsident Obama sagte nicht einfach: Sollen wir Osama bin Laden töten? Stattdessen hat er versucht, die verschiedenen Elemente zu trennen: Wie hoch ist die Chance, dass bin Laden da ist? Was sind die Folgen, wenn er nicht da ist, wir aber Streitkräfte einsetzen? Und so weiter … Das hat Noise reduziert und das Urteil wurde klarer.

Liest man Ihr Buch, kann man zu der Überzeugung kommen, Sie würden es besser finden, wenn Entscheidungen grundsätzlich eher von Algorithmen als von Menschen getroffen würden.

Kahneman: Nun es ist klar, dass wenn eine Entscheidung von einem Algorithmus getroffen werden kann und genügend Informationen für diese Entscheidung vorliegen, dass ein Algorithmus dann frei von Noise ist. Das ist ein großer Vorteil für jeden Entscheidungsprozess. Aber trotzdem gehen wir davon aus, dass in den kommenden Jahrzehnten wichtige Entscheidungen weiter von Menschen getroffen werden. Dabei Noise zu reduzieren ist deshalb die erste Aufgabe.

Warum ziehen Menschen es vor, ihrem eigenen Bauchgefühl zu vertrauen?

Sunstein: Es kommt auf den Kontext an. Präsident Obama hat mir nie gesagt, dass ich mich auf mein Bauchgefühl verlassen soll.

Sibony: Das Vertrauen, dass wir empfinden, wenn wir eine instinktive Entscheidung treffen, kommt daher, dass wir die Realität vereinfachen. In dem Beispiel von gerade eben denken wir nicht: Bob ist wirklich intelligent, ihm mangelt es aber an Energie. Wir denken: Bob ist so intelligent, er ist brillant. Wir ignorieren die Informationen, die den Schlussfolgerungen, zu denen wir kommen wollen, widersprechen. Wenn wir eine Entscheidung strukturieren und die verschiedenen Dimensionen getrennt betrachten, zwingt uns das, uns der Komplexität der Realität zu stellen. Dabei fühlen wir allerdings nicht das gleiche Maß an Zustimmung, dass wir bei einer Bauchentscheidung haben. Das ist die psychologische Herausforderung dabei.

Aber gibt es nicht auch gute Argumente für Noise? Es erlaubt Menschen mehr Kreativität, mehr Freiheiten …

Kahnemann: Das kommt auf den Kontext an und das, was eine Organisation erreichen möchte. Wir sprechen hier über „noisy“ Systeme, wie etwa das Justizsystem. Hier erzeugt „Noise“ Variabilität, die es nicht geben sollte. Einzelne Richter und Richterinnen sind jedoch sehr unglücklich darüber, wenn ihnen Richtlinien auferlegt werden, die „Noise“ reduzieren. Denn sie haben das Gefühl, dass ihre individuellen Entscheidungen richtig sind und können sich nicht vorstellen, dass jemand, der so ausgebildet wurde wie sie, einen Fall anders sehen würde. Das ist natürlich, aber sorgt dafür, dass Noise in vielen Situationen unsichtbar bleibt.

Sibony: Dabei ist noch ein zweiter Aspekt wichtig: Wir gehen davon aus, dass jeder Fall individuell ist. Und das stimmt besonders im Justizsystem, wo es wichtig ist, dass jede Person und ihre Umstände individuell behandelt werden. Wir machen davon ausgehend allerdings einen Sprung und sagen: Und deshalb muss ein einzelner Richter ein Urteil sprechen. Das sind allerdings zwei völlig unterschiedliche Fragen. Während ich das Recht habe, dass mein Fall mit all seinen Besonderheiten betrachtet wird, heißt das nicht, dass ich mich für eine Lotterie anmelden möchte, bei der meine Behandlung von einem Richter oder einer Richterin abhängt.

Sunstein: Ein Ansatz für Entscheidungshygiene besteht demnach darin, dass viele Menschen ein Urteil fällen, um dann den Durchschnitt der Mehrheit zu ermitteln.

Daniel Kahneman, Olivier Sibony, Cass R. Sunstein: „Noise. Was unsere Entscheidungen verzerrt – und wie wir sie verbessern können“, erschienen am 17. Mai 2021 bei Siedler, 30 €. © Quelle: Siedler

Ist das nicht sehr aufwendig – und somit teuer?

Sunstein: Das jedesmal zu tun, wenn ein Lehrender einen Aufsatz bewertet, wäre sehr teuer. Wir sind deshalb sehr enthusiastische Fürsprecher von „Noise Audits“, einer Möglichkeit, um das Ausmaß von Noise zu messen. Es kann sein, dass man dabei etwas Noise entdeckt, aber um das zu beheben, müsste man beispielsweise viel mehr Menschen einstellen. Das wäre ein Problem. Wir denken, die Welt sollte viel weniger „noisy“ sein. Jetzt aber einen Anti-Noise-Amoklauf zu starten, wäre ein wenig übertrieben.

Kann man dieses Prinzip auch auf persönliche Entscheidungen anwenden? Auf die Frage etwa, ob man ein Haus kaufen sollte oder nicht?

Kahneman: Noise ist ein statistisches Problem. Aber das Verfahren, mit dem wir Noise in sich wiederholenden Situationen reduzieren, lässt sich auch bei Einzelentscheidungen anwenden. Olivier hat das so ausgedrückt: Eine Einzelentscheidung ist eine sich wiederholende Entscheidung, die nur einmal passiert.

Und das bedeutet ganz praktisch?

Sibony: Wenn sie eine Entscheidung hundertmal treffen müssten, welche Grundsätze würden sie anwenden? Welche Kriterien sollten ihre Entscheidung strukturieren? Ist es die Größe des Hauses, die Nachbarschaft? Wenn sie ihre Entscheidung auf diese Weise strukturieren, werden sie disziplinierter. Sie haben eine bessere Entscheidungshygiene, weil sie eine wichtige Entscheidung wie einer wiederkehrende, die nur einmal vorkommt, behandeln.

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