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Neuer Spaß am alten Sport (nd aktuell)


Zu großer Druck: Bei Olympia verlor Emma Hinze trotz einer Silbermedaille die Leidenschaft für den Radsport.

Zu großer Druck: Bei Olympia verlor Emma Hinze trotz einer Silbermedaille die Leidenschaft für den Radsport.

Foto: imago images/Aflosport

»Ich habe gemerkt, im Training kommt die Freude wieder«, sagte Emma Hinze in einer Online-Pressekonferenz vom Bund Deutscher Radfahrer (BDR) kurz vor dem Start der Weltmeisterschaften auf der Bahn im französischen Roubaix an diesem Mittwoch. Bei den Olympischen Sommerspielen war der 24-Jährigen diese Freude ein wenig abhanden gekommen. Das lag nicht daran, dass es in Tokio »nur« zu einer Silbermedaille im Teamsprint gereicht hatte. Das Ergebnis frustrierte Hinze weniger als die Woge der Enttäuschung, die von Medien und Fans über sie hereinschwappte.

»Es war teilweise sehr traurig und unfair, wie mit uns umgegangen wurde«, blickte Hinze am Montag zurück. Sie kritisierte die enormen Erwartungen, die vor Olympia an sie gerichtet wurden – die sie, wie sie erzählte, auch verbissen gemacht hatten. Vor allem bedauerte sie, wie wenig eine Silbermedaille und weitere Platzierungen bei Olympischen Spielen zählen. Neben Rang zwei im Teamsprint erreichte sie einen vierten Platz im Sprint und einen siebten im Keirin. »Die Wahrnehmung einer Silbermedaille in der Gesellschaft ist einfach traurig. Es zählt bei Olympia nur Gold. Das ist sehr schade. Es ist doch menschlich, nicht jedes Rennen immer ganz oben zu stehen«, sagte sie.

Die Empörung war ihr auch noch mehr als zwei Monate danach im Videochat vom Gesicht abzulesen – als sie erzählte: »Viele aus dem Radsport in Cottbus haben mir zu Silber gratuliert mit dem Satz ›Trotzdem Glückwunsch‹. Wieso trotzdem? In Zeitungsartikeln stand beispielsweise ›lediglich Silber‹.« Für die Zukunft forderte Hinze »mehr Sensibilität von Öffentlichkeit und Medien« ein. Dieser Appell scheint nötig. Die Erwartungen des zuschauenden Teils der Sportbegeisterten pflegen immer wieder in die Höhe zu schießen. Es ist ein bizarres Element der Leistungsgesellschaft, in der wir alle leben, dass die Forderungen an andere gern jedes Maß überschreiten, während man das eigene Tun fair gewichtet sehen möchte.

Hinze, vor Olympia noch das Covergirl des deutschen Radsports, bringt diese beiden Aspekte jetzt wieder zusammen. Leistungen möchte sie bei den Weltmeisterschaften im Velodrom von Roubaix natürlich bringen, sich aber nicht mehr von den Erwartungen der anderen jagen lassen. In die Titelkämpfe kann sie sogar wieder mit einem Lächeln gehen. »Ich möchte in Roubaix wieder Spaß haben und die WM nicht so ernst und verbissen sehen wie Olympia«, sagte sie. Ihr entspannter Gesichtsausdruck zeigte, dass sie da auf einem guten Weg ist. Wie gut sie im Vergleich zur Konkurrenz ist, weiß sie allerdings nicht. Die EM ließ sie aus. »Ich hatte einen anderen Aufbau als sonst vor Weltmeisterschaften und kann es schwer einschätzen«, sagte sie.

Ähnlich wie ihr geht es dem neuen deutschen Star im Bahnradsport, Lea Sophie Friedrich. Die 21-Jährige war zwar bei den Europameisterschaften vor zwei Wochen extrem stark, holte den Titel im Keirin und jeweils Silber im Sprint und im Teamsprint. »Nach der EM war ich aber krank und habe fast eine Woche lang nur im Bett gelegen«, erzählte sie – und dämpfte auf diese Art die Erwartungen. Sie habe sich aber gut regeneriert und freue sich vor allem auf den Teamsprint. Dort ist sie mit Hinze und Pauline Grabosch gesetzt. Qualifikation und Finale finden an diesem Mittwoch statt.

Am gleichen Tag ist auch der Teamsprint der Männer angesetzt. Dort gehen Nik Schröter, Stefan Bötticher und Joachim Eilers an den Start. Das Trio war bislang selten zusammen auf der Bahn. Bötticher ist dennoch optimistisch. »Zwischen Platz drei und Platz sechs ist alles drin«, meinte er. Teamkollege Eilers, hat danach noch ein Mammutprogramm vor sich. An den beiden darauffolgenden Tagen tritt er erst im Keirin und dann im Zeitfahren über 1000 Meter an.

Die Ausdauerabteilung wird bei der WM vom neuen Flaggschiff des deutschen Verbandes angeführt – dem Quartett der Teamverfolgung der Frauen. Lisa Brennauer, Mieke Kröger, Lisa Klein und Franziska Brauße gewannen in Tokio Olympiagold. Brennauer, Kröger und Klein holten bei den Weltmeisterschaften auf den Straßen Flanderns den Titel in der Mixed-Staffel und verhalfen dabei Altmeister Tony Martin zu einem traumhaften Karriereende. Und Brauße, Brennauer und Kröger holten sich gemeinsam mit Laura Süßemilch auch noch den EM-Titel in der Teamverfolgung. In der gleichen Besetzung sind sie nun auch die Favoritinnen in Roubaix. »Wenn man Olympiasiegerin ist und Europameisterin, hat man auch das Ziel, sich auch noch die Streifen zu ergattern«, machte Kröger kein Hehl aus den Absichten. Druck macht sie sich deswegen aber nicht. Wenn es so klappt, ist es wunderbar. Wenn nicht, dann haben wir ja auch so genug erreicht dieses Jahr», blickte sie auf die Entscheidung am Donnerstag voraus.

Erfolg macht offenbar gelassen. Verdaute Enttäuschung auch, wie die Äußerungen von Sprintstar Emma Hinze zeigen. Vor allem mit einem Frauenteam im mentalen Gleichgewicht kann die Auswahl des Bundes Deutscher Radfahrer für einen krönenden Abschluss einer guten Bahnsaison sorgen.



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