Start day-news Mythos Angela Merkel: 16 Jahre Kanzleramt

Mythos Angela Merkel: 16 Jahre Kanzleramt


Berlin. Angela Merkel mit einem Kamel zu vergleichen, ist nicht schmeichelhaft, aber treffend. Sie hat es selbst getan. Denn die Qualitäten dieses Wüstentiers passen auf die berühmt-berüchtigte Konstitution der Kanzlerin: extreme Durststrecken zu überstehen, wochenlang ohne Wasser auszukommen und sich in kürzester Zeit zu regenerieren.

„Ich habe gewisse kamelartige Fähigkeiten“, sagte Merkel einmal bei einem Bühnen-Talk mit der Frauenzeitschrift „Brigitte“. „Ich habe eine gewisse Speicherfähigkeit. Aber dann muss ich mal wieder auftanken.“ Das war 2013. Acht Jahre nach ihrem Amtsantritt als erste Kanzlerin der Bundesrepublik und acht Jahre vor dem Ende ihrer Amtszeit. 16 Jahre wie vor ihr nur Helmut Kohl. Und nach ihr vermutlich lange niemand mehr.

Was hat sie angetrieben, jede Minute ihres Lebens für so viele Jahre in den Dienst des Landes zu stellen? Jederzeit mit einer Krise zu rechnen und deshalb immer erreichbar zu sein, wie sie es formulierte. Geld ist es nicht, dann wäre sie in die Wirtschaft gegangen und hätte ein Vielfaches ihres Kanzlerin-Gehalts bekommen. Es ist vielmehr die Macht. Am Ende des Tages wird es so gemacht, wie sie es sagt. Meistens jedenfalls.

Die 67-Jährige hat nicht wie Konrad Adenauer mit einer Kriegsgeneration das Land wieder aufgebaut, nicht wie Willy Brandt die Ostpolitik geprägt, nicht wie Helmut Kohl die Einheit vollzogen und nicht wie Gerhard Schröder Deutschland durch einschneidende Sozialreformen finanziell stabilisiert – zum Preis der Spaltung der eigenen Partei. Merkels Alleinstellungsmerkmal ist die Summe.

Dauerfeuer der Krisen

Die Summe der Krisen: Schulden-Krise, Euro-Krise, Griechenland-Krise, Ukraine-Krise, Flüchtlingskrise, Corona-Krise und zum Schluss noch die Afghanistan-Krise. Keiner ihrer Amtskollegen in Europa hat ein solches Dauerfeuer politisch überstanden. Wieso Merkel?

Ihre kamelartigen Fähigkeiten sind das eine, ihre Härte gegen Widersacher und ihre Härte gegen sich selbst das andere. Krank zuhause war sie fast nie. Drei Tage nach ihrer Meniskus-OP 2011 eröffnete sie auf Krücken die Hannover-Messe. Nur den Rundgang über das Gelände sagte sie ab.

Während der verordneten Bettruhe nach ihrem Beckenbruch 2014 habe sie derart viele neue Ideen entwickelt, dass ihre Rückkehr in den zeitraubenden Kanzleramtsalltag ersehnt wurde, um sie zu bremsen, berichteten damals Mitarbeiter. Und eine Neujahrsansprache trotz Krankheit ermöglichte sie dem Vernehmen nach durch Medikamente.

Video

Angela Merkel: Ihre wichtigsten Statements

Atomausstieg, Flüchtlinge, Griechenland: Hier sind die wichtigsten Erklärungen von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) der letzten Jahre zusammengetragen.  © AFP

Merkel hat viel ein- und weggesteckt, die anfängliche Frauenfeindlichkeit von ehrgeizigen Männern in ihrer CDU zum Beispiel, Feindseligkeiten der CSU mit Horst Seehofer, Gemeinheiten von den Berlusconis und Putins dieser Welt. Aber sie hat sich gern und erfolgreich revanchiert, auch wenn sie das nie zugeben würde.

Merkel hat ihre Gefühle so sehr im Griff, dass ihr in der Regel keine Reaktion im Affekt unterläuft. Sie kann lange warten, bis sich die Gelegenheit bietet, sich eines Kritikers oder Konkurrenten zu entledigen oder ihn in die Schranken zu weisen. Friedrich Merz, Norbert Röttgen, Roland Koch, Horst Seehofer.

Selbstbestimmter Abschied

Und dann hat Merkel etwas getan, das kein Bundeskanzler vor ihr geschafft hat: Sie hat ihr Amtsende selbst eingeleitet. Kein Sturz, kein Rücktritt, keine Abwahl. Sie hört einfach auf und geht. Auch das kommt auf ihre Liste der Superlative: erste CDU-Vorsitzende, erste Frau an der Spitze einer deutschen Volkspartei überhaupt, erste Ostdeutsche in dem Amt, dienstälteste Regierungschefin Europas, mächtigste Frau der Welt und zum Schluss ein noch nie dagewesener selbstbestimmter Abschied aus dem Kanzleramt.

Bereits 2018 hatte sie das angekündigt. Ein halbes Jahr nach der mühseligen Regierungsbildung mit der SPD und kurz bevor Rebellen in der CDU sie öffentlich zum Verzicht auf eine Wiederwahl als Parteivorsitzende auffordern wollten. Merkel kündigte an, nach 18 Jahren nicht wieder als CDU-Chefin zu kandidieren und ihre politische Karriere nach ihrer vierten Amtsperiode als Bundeskanzlerin 2021 zu beenden.

Dies hätte sie am liebsten schon zwei Jahre zuvor getan: auf ihre Kandidatur für die Bundestagswahl 2017 zu verzichten. Lange hatte sie mit sich gerungen. Bis zu jenem Samstag im November 2016. Zahlreiche CDU-Politiker hatten sie bereits zur erneuten Kandidatur aufgefordert. Selbst Röttgen, den sie als Umweltminister einst entlassen hatte.

US-Medien erklärten Merkel damals nach dem Wahlsieg des Populisten Donald Trump zur Anführerin der freien Welt, und der scheidende US-Präsident Barack Obama erklärte sie zur Garantin für den Zusammenhalt des Westens.

Merkel aber brauchte in jenem Winter den Rat ihres langjährigen Widersachers Wolfgang Schäuble. Würde ausgerechnet Schäuble ihr raten, weiterzumachen, könnte sie nicht verzichten. Er tat es.

Chaotischer Prozess des Übergangs

Aus zwei Gründen: Sie müsse ihre im Land viel kritisierte Flüchtlingspolitik von 2015 bei der Wahl 2017 noch selbst verantworten. Und niemand anderes als sie sei in der Union in der Lage, diesen Wahlkampf zu führen. Denn er werde härter als alle anderen, und die Partei sei nicht auf einen Wechsel eingestellt.

Merkel selbst hatte nichts dafür getan, einen Erben oder eine Erbin aufzubauen. Wenn Schäuble allerdings gewusst hätte, dass der Prozess des Übergangs ebenso chaotisch wird, wenn Merkel drei Jahre vorher ihren Rückzug ankündigt, hätte er ihr damals womöglich schon abgeraten. So aber erklärte Merkel am Folgetag in Präsidium und Vorstand ihre Bereitschaft, es noch einmal zu tun. So trat Merkel mit 63 Jahren noch einmal an und gewann. Wenn auch mit dem schlechtesten Wahlergebnis (32,9 Prozent) seit 1949.

Der Wahlkampf, die Anstrengung, die Belastung war so groß geworden, dass sie den Wahlsieg aber als einen persönlichen Erfolg wertete. Deshalb antwortete sie am Tag nach der Wahl auf die Frage, was sie hätte anders machen müssen (um ein besseres Ergebnis zu erzielen): nichts. Für sie war es eher eine schöne Überraschung, dass sie trotz allem zum vierten Mal in Folge die Wahl gewonnen hatte.

Nun beginnt der Abschied. Die letzte Sommer-Pressekonferenz, der letzte G7-Gipfel, die letzten Auslandsreisen. Man sieht Merkel die Erschöpfung an, wenn ihr nach der Regierungserklärung im Bundestag zur Afghanistan-Krise und dem Versagen des Westens inklusive der Bundesregierung vor Müdigkeit die Augen zufallen. Krisenmanagement ist ihre Paradedisziplin. In dem Moment schien es so, als würde sie zum Ende ihrer 16-jährigen Amtszeit auch loslassen wollen.

„Brigitte“ hatte noch eine Frage gestellt, die weit über 2013 hinausgehen sollte. Was nährt eigentlich den Mythos, dass sie ganze Nächte lang verhandeln kann und danach trotzdem noch fit ist. Merkel antwortete: „Den Mythos nährt, dass es passiert.“ Mythos Merkel.

Must Read

650 Personen protestieren gegen Corona-Maßnahmen

Der Bürgerprotest gegen die geltenden Corona-Maßnahmen nimmt in Wolgast zu: Am Mittwochabend versammelten sich etwa 650 Menschen am Wolgaster Hafenvorplatz, um gegen die...

Corona-Warnstufe Rot plus – diese neuen Regeln gelten ab Donnerstag

Die Nachricht traf Rostock wie ein Schlag: Ab Donnerstag muss der Weihnachtsmarkt schließen. Rostock war mehr als sieben Tage in Folge als „rot“...

Olaf Scholz zum Kanzler gewählt – die Ampel übernimmt

Berlin. Olaf Scholz macht es kurz. Sehr kurz. Sogar für seine Verhältnisse. Es ist der größte Moment in seinem...

Ist man auf dem Weg vom Bett zum Schreibtisch versichert?

Frankfurt. Eine gute Nachricht für alle, die im Homeoffice arbeiten. Das Bundessozialgericht (BSG) hat in einem Grundsatzurteil die Rechte...

Champions League kompakt: Chelsea patzt trotz Werner-Doppelpack und ist möglicher Achtelfinal-Gegner des FC Bayern

Titelverteidiger FC Chelsea hat sich zum Vorrundenabschluss der Champions League einen Patzer geleistet und ist...