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Moscheegemeinde lud nicht-muslimische Besucher ein


Am gestrigen 3. Oktober wurde nicht nur der Tag der Deutschen Einheit begangen, sondern auch der Tag der offenen Moschee. Die muslimische Gemeinde in Wismar hatte ihre Tür für Interessierte geöffnet. Mitglieder wollten in persönlichen Gesprächen helfen, mögliche Vorurteile und Vorbehalte gegenüber Muslimen und ihrem Glauben abzubauen.

Der weiße Flachdachbau an der Erich-Weinert-Promenade 23 am Friedenshof lässt seine Nutzung nicht erahnen. Auf dem ungepflegten Anwesen befand sich vor Jahren eine Wäscherei. Jetzt geht es hinter der unscheinbaren Fassade in den Gebetsraum der muslimischen Gemeinde. Er ist ausgelegt mit roten Teppichen, die orientalische Ornamente zieren. Graue Klebestreifen markieren, wo sich die Gläubigen zum Gebet niederlassen dürfen. „Eine Maßnahme wegen Corona“, erklärt Mohamed Al-Moalmi, Vorsitzender des Islamischen Bundes in Wismar.

Freitagsgebet unter Pandemiebedingungen

Fast ein Jahr lang war der Gebetsraum wegen der Pandemie geschlossen. Die Moscheegemeinde habe im Sommer in einer Sporthalle gebetet, die sie jede Woche von der Stadt angemietet hatte, erzählt Imam Al-Moalmi, der im Jemen geboren ist. Seit Schuljahresbeginn treffen sich die Muslime zum Freitagsgebet wieder in ihrem Gebetsraum.

„Wie viele haben denn hier Platz?“, fragt Reinhard Pluschkat. Der Rentner wohnt in der Nähe und hat vom Tag der offenen Moschee in der OZ gelesen. „Wir haben die Anzahl auf 25 Plätze beschränkt, damit ein Abstand eingehalten werden kann“, antwortet ihm sein Gesprächspartner Mostafa Maslama. Der studierte Bauingenieur arbeitet als Systemadministrator an der Hochschule Wismar und gehört zum Vorstand.

Muslime aus 20 Nationen in Wismar

Die Freitagsgebete finden jetzt in drei Gruppen statt und die Gläubigen müssen sich vorher online anmelden. „Wir sind zwar alle geimpft, aber die Menschen, vor allem die älteren, sind sehr verhalten“, berichtet Al-Moalmi, der als Baustatiker in Wismar tätig ist. „Vor der Pandemie kamen zweimal zwei Gruppen zum Freitagsgebet. In jeder Gruppe waren hundert bis 120 Personen.“ Die Muslime kommen aus rund 20 Nationen, die meisten von ihnen sind derzeit Syrer.

Vor 30 Jahren, am 28. Mai 1991, hat sich die Moscheegemeinde in Wismar gegründet. Sie hat ihre Anfänge im Studentenwohnheim. Seit 2014 befindet sich der Gebetsraum in der ehemaligen Wäscherei. Reinhard Pluschkat kennt sie als Kunde. „Ich war neugierig, wie’s jetzt hier aussieht“, gesteht er und freut sich über die „sinnvolle Nutzung“ des Gebäudes. „Jeder hat seinen Glauben“, meint der Senior.

„Das zu respektieren ist am wichtigsten“, erklärt Nadia Elkorchi. Sie ist in Marokko geboren, hat in Wismar studiert und gehört zu den Gründungsmitgliedern der Gemeinde und ebenfalls zum Vorstand. „Akzeptanz und Toleranz sind wichtig. Wir beteiligen uns seit Jahren an den Interkulturellen Wochen in Wismar.“ Die sind gestern zu Ende gegangen.

Besucher erleben Mittagsgebet

„Unser Motto ist, Vorurteile abzubauen. Wir möchten Kontakt mit den Nachbarn und den Einwohnern, die wir alle als Brüder sehen. Alle gehören zu Wismar“, erklärt Mohamed Al-Moalmi. Im Laufe des Tages kommen noch rund 20 Interessierte vorbei, jüngere wie ältere. „Einige wollen sehen, wie wir beten. Da gerade Zeit fürs Mittagsgebet war, haben wir vorgebetet“, berichtet Nadia Elkorchi. Sie ist als Sozialarbeiterin beim Landkreis Nordwestmecklenburg angestellt, Mitglied in der Integrationsarbeitsgemeinschaft und im Migrationsbeirat. Andere Besucher interessieren sich für die arabische Kalligrafie und für den Koran. Die Gemeinde stellt Informationsmaterial zu verschiedenen Fragen und zum Islam zur Verfügung. Sie bietet ihren Gästen orientalische Spezialitäten und marokkanischen Tee an.

Aufräumaktion im Wohngebiet geplant

In ihrem Gebetsraum gibt es außerdem einen Frauentreff und vier- bis 14-jährige Mädchen und Jungen werden in Arabisch unterrichtet. „Die Kinder sollen ihre Muttersprache nicht verlernen und die, die hier geboren sind, können sie erlernen“, erklärt Nadia Elkorchi. Mithilfe des Programms jumenga (jung muslimisch engagiert) der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung wurde eine Kinderbibliothek aufgebaut und soll ein Nähprojekt für Mädchen und Frauen ins Leben gerufen werden. Noch in diesem Jahr will der Islamische Bund in Wismar zu einer Aufräumaktion aufrufen. „Wir wollen gemeinsam mit den Bewohnern aufräumen und ihnen zeigen, dass für uns Sauberkeit im Wohngebiet wichtig ist“, kündigt der Imam an. Auch auf diese Weise soll es gelingen, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Tag der offenen Moschee seit 1997

„Es ist gut, dass sich die Moscheegemeinde mitten in einem Wohnviertel befindet und nicht wie in manchen Orten im Gewerbegebiet“, sagt Petra Steffan, die Gleichstellungsbeauftragte der Wismarer Stadtverwaltung. „Die Muslime gehören zur Stadtgesellschaft dazu, sie leben hier, arbeiten hier, zahlen ihre Steuern.“ Die Moscheegemeinde sei ein verlässlicher Partner. Sie unterstütze beispielsweise bei der Integration der Zuwanderer, bei der Beratung der arabischen Studenten, helfe bei Übersetzungen, vermittle bei der Ausländerbehörde und bringe sich mit verschiedenen Projekten ein, etwa mit einer Hausaufgabenhilfe für Schüler.

Der Tag der offenen Moschee findet seit 1997 statt. 2007 hat der Koordinationsrat der Muslime die Federführung für diesen Tag des Miteinanders und Kennenlernens übernommen. Jährlich kommen rund 100 000 Besucher in mehr als 1000 Moscheen bundesweit zusammen. Die zahlreichen Begegnungen, Dialoge und das Teilen gemeinsamer Momente sollen den Teilnehmern Hoffnung, Kraft und Zuversicht für das Miteinander in der Gesellschaft spenden.

Von Haike Werfel

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