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Mecklenburgs Landwirte und Jäger retten Kitze jetzt mit Drohnen


Die Jäger und Bauern rüsten auf: Ihre neueste Technik sind Drohnen. Von denen fliegen künftig sehr viel mehr über die Felder und Äcker. Die Ausrüstung soll dabei helfen, Rehkitze zu retten, damit die nicht mehr so oft unter den Mähdrescher geraten.

Einer, der dabei hilft, ist Thomas Czerwinski. Der 58-Jährige betreibt eine Software-Firma in Rostock, lebt in Wismar und ist Schatzmeister des Kreisjagdverbandes Nordwestmecklenburg.

„Eine Maus, die ins Mauseloch geht“

„Die Drohne hat eine Wärmebildkamera und kann alles ganz dicht heranzoomen. Damit erkennt man sogar eine Maus, wenn sie in ein Loch geht“, lacht er. Thomas Czerwinski kennt sich mit der Technik aus, doch so eine teure ist auch für ihn Neuland. „Bevor man sie benutzen darf, muss man eine Ausbildung absolvieren“, erzählt er. Im März diesen Jahres habe er deshalb den Fernpilotenschein gemacht – in einem Kurs zusammen mit sechs Bauern.

Eine Drohne.
Quelle: Tilo Wallrodt

Auch die Landwirte finden immer mehr Gefallen an der Technik. „Sie verschaffen sich damit einen Überblick über ihre Felder und Äcker. So können sie schnell erkennen, an welchen Stellen gewässert oder gedüngt werden muss und wo nicht, erklärt Daniel Bohl, Vorsitzender des Kreisbauernverbandes Nordwestmecklenburg. Außerdem könnten sie sehen, ob es Wildschäden gibt oder mit Afrikanischer Schweinepest infizierte Tiere auf den Feldern liegen.

Kauf wird mit Millionen gefördert

Anstatt Firmen mit der Drohnenarbeit zu beauftragen, wollen Bauern und Jäger lieber selber aktiv werden, auch bei der neuen Art der Kitzrettung. Bislang haben sie ihre Felder mit Hunden abgesucht oder Flaggen aufgestellt, die die Rehe vertreiben sollen. „Das hat auch funktioniert“, sagt Renee Pollak, Präsident des Kreisjagdverbandes. Doch mit einer Wärmebilddrohne seien die Jungtiere zu fast 100 Prozent auffindbar. Deshalb seien zwei Stück gekauft worden – mit finanzieller Unterstützung des Bundes.

Ein kleines Rehkitz liegt im hohen Gras.
Quelle: dpa

Wie das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft mitteilt, hätten bisherige Erfahrungen gezeigt, dass die Technik mit Abstand die effektivste Art ist, um Rehkitze zu orten und zu retten. Weil sie aber wegen der hohen Anschaffungskosten noch nicht flächendeckend eingesetzt werden, sei in diesem Jahr eine finanzielle Hilfe von insgesamt drei Millionen Euro auf den Weg gebracht worden – für Vereine, zur deren Aufgaben die Rehkitzrettung gehört. So soll der Tierschutz gestärkt werden – damit nicht weiterhin bundesweit jährlich Tausende Jungtiere bei der Mahd getötet werden.

Gefahr auch für Nutztiere im Stall

Die Kitze werden von ihren Müttern häufig in den dichten Wiesen auf landwirtschaftlichen Flächen versteckt, weil sie im hohen Gras gut vor Räubern geschützt sind. Anstatt zu fliehen, verharren sie reglos auf dem Boden, wenn ihnen Gefahr droht. Sterben sie durch Mähdrescher oder Traktoren, kann sich das auch auf die Nutztiere im Stall auswirken, wenn die später das durch den Kadaver mit Verwesungsgiftstoffen kontaminierte Futter fressen. Diese durch Bakterien erzeugten Giftstoffe können bei Rindern bis zum Tode führen. Deshalb sollen nun verstärkt Drohnen helfen.

Thomas Czerwinski (58) ist ein Drohnen-Pilot des Kreisjagdverbandes Nordwestmecklenburg.
Quelle: Kerstin Schröder

Thies Donath-Totzke, Landwirt in Nordwestmecklenburg, hat sich für seinen Betrieb selbst eine Drohne gekauft und sie in diesem Jahr erfolgreich eingesetzt. „Wir haben sechs Kitze damit gerettet“, erzählt er. Da viel Grün für die Biogasproduktion angebaut werde, seien die Jungtiere öfter im Gras zu finden.

16 Teilnehmer in zwei Drohnenkursen

Landwirte, die selbst keine Drohnen haben, sie aber einsetzen möchten, können sich beim Kreisjagdverband melden. „Aber rechtzeitig, denn vor allem im Mai und Juni werden sie vielerorts gebraucht werden, weil dann Setzzeit der Rehkitze ist und der erste Wiesenschnitt ansteht“, erklärt Pilot Thomas Czerwinski. Er hat sich in einem Kurs des Kreisbauernverbandes auf seine neue Aufgabe vorbereiten lassen. Zwei Drohnen-Kurse gab es in diesem Jahr, 16 Teilnehmer haben sie besucht. „Das Interesse war riesig“, freut sich Geschäftsführerin Petra Böttcher über die Resonanz.

Nordwestmecklenburg ist das größte Mitglied im Bauernverband Mecklenburg-Vorpommern. 267 Mitglieder bewirtschaften 99 812 Hektar und 30 840 Großvieheinheiten vom Rand Lübecks im Westen bis nach Warin im Osten und das mit immer besserer und effektiverer Technik.

Wärmebildkamera ist das teuerste Teil

Die Förderquote der Drohnen für Vereine wie dem Kreisjagdverband liegt bei 4000 Euro pro Stück. Jeder Antragsteller kann beim Bund maximal zwei Exemplare beantragen. Auch die Jäger in Nordwestmecklenburg haben sich zwei Drohnen gekauft. „Eine kostet 6000 Euro“, berichtet Renee Pollak. Für die restliche Summe werden Spenden gesammelt.

Die teuersten Teile sind die Wärmebildkameras. Die Drohnen sind etwa ein Kilogramm schwer und können bis zu sieben Kilometer hoch fliegen. Über den Feldern steigen sie etwa 100 Meter auf und können dort auch eigenständig einen vorgegeben Kurs absuchen. Der kann vorher mit GPS-Daten programmiert werden. „So kann man die Laufzeit der Akkus optimal nutzen“, erklärt Thomas Czerwinski. Die Drohne erkenne auch, wenn der Energietreibstoff zu Ende geht und kehrt dann zum Ausgangspunkt zurück.

Sehnsüchtiges Warten auf das Jungtier

Der Drohnenpilot besitzt seit 1982 einen Jagdschein. Sein Revier liegt bei Neuburg. Auch dort wird er künftig nach Kitzen suchen. Werden sie gefunden, gehen zwei bis drei Helfer mit einem Kescher zu dem Tier. Ohne es anzufassen, wird es in eine Kiste gelegt und die neben dem Feld abgestellt bis die Mahd zu Ende ist. „Zwei, drei Stunden in der Kiste schadet dem Kitz nicht“, betont Kreisjagdverbandspräsident Renee Pollak. Wird das Jungtier wieder freigelassen, warte die Ricke meist schon sehnsüchtig auf die Rückkehr ihres Kindes. „Das ist ein tolles Naturerlebnis“, betont er.

Vorgeführt werden die Drohnen bei der Eröffnung der Wildwochen am 16. und 17. Oktober im Kreisagrarmuseum in Dorf Mecklenburg. An beiden Tagen lässt sie dort Thomas Czerwinski vor den Augen der Besucher in die Luft steigen und fliegen.

Da das Kreiserntefest wegen der Corona-Pandemie das zweite Jahr in Folge abgesagt wurde, wird die Erntekrone bei den Wildwochen übergeben. Entgegen nimmt sie Nordwestmecklenburgs Landrat Tino Schomann (CDU) bei einem kurzen Freiluftgottesdienst am 16. Oktober um 10 Uhr auf der Märchenwiese unterhalb des Museums. Gebunden haben sie die Landfrauen von Stepenitz/Maurinetal.

Wildbret-Spezialitäten und Strohhüpfburg

Danach geht es musikalisch weiter. Um 11 Uhr spielt die Jagdhornbläsergruppe „Wallensteingraben“ für die Gäste. Im Anschluss gibt es ein buntes Programm für Groß und Klein: mit Spezialitätenständen rund ums Wildbret, Infoständen des Kreisjagd- und Kreisbauernverbandes und Bogenschießen. Für die Kinder werden eine Bastelecke und eine Stroh-Hüpfburg aufgebaut. Und auf vielfachen Wunsch der Besucher aus den vergangenen Jahren gibt es zum ersten Mal auch die Möglichkeit, mit dem Luftgewehr zu schießen. Zudem ist eine Saftpresse vor Ort und der historische Dreschkasten des Museums in Aktion zu erleben.

Tiere sind ebenfalls zu sehen: Jagdhunde, die verseuchte Wildschweine finden können, zeigen, wie treffsicher ihre Spürnasen sind.

Besucht werden kann die Wildwochen-Eröffnung, kombiniert mit einem Bauernmarkt, am 16. Oktober von 11 bis 16 Uhr sowie tags darauf von 11 bis 16 Uhr.

Von Kerstin Schröder

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