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Krise an der US-Grenze: Endlose Verzweiflung



Reportage

Stand: 27.03.2021 03:15 Uhr

Die Situation an der US-mexikanischen Grenze spitzt sich immer weiter zu. Um die Lage im Norden zu entspannen, hat Mexiko erneut seine Südgrenze mit 8700 Nationalgardisten verstärkt. Doch das reicht US-Präsident Biden nicht.

Von Anne Demmer,
ARD-Studio Mexiko Stadt

Ein mexikanischer Beamter lotst rund 15 Migrantinnen und Migranten durch einen schmalen Gang am Grenzposten in Ciudad Juárez. Schweigend läuft die Gruppe hinter ihm her. Ihren Gesichtern ist die Verzweiflung, ihre Angst, die Frustration anzusehen. Einer Frau rollen Tränen über das Gesicht. Die Gruppe läuft durch eine Eisentür, dort endet ihr Traum von einem Neuanfang in den USA.

Anne Demmer

Eine junge Migrantin hält ihre kleine Tochter an der Hand, hinter ihr läuft ihr Mann mit einem kleinen Rucksack auf dem Rücken. „Sie haben uns nicht erklärt, warum wir zurück müssen. Was sollen wir jetzt machen?“

Herbergen am Limit

Die Familie verschwindet hinter der Tür, wo sie von Mitarbeitern der mexikanischen Behörden in Empfang genommen wird. Viele seien völlig orientierungslos, wenn sie in Mexiko ankommen, erzählt Hugo. Er und seine Kollegen helfen den Migrantinnen und Migranten, einen Platz in einer der umliegenden Herbergen zu bekommen.

In diesen Tagen werden hier täglich zwischen 120 und 160 Migranten von den USA nach Mexiko zurückgeschickt. Wir arbeiten mit den unterschiedlichen Stellen auf staatlicher und lokaler Ebene zusammen. Wir leisten humanitäre Hilfe mit der Unterstützung des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen.

Die Herbergen sind bereits am Limit. In Pandemiezeiten haben sie ohnehin nur begrenzte Aufnahmekapazitäten, damit die Hygiene- und Abstandsregeln eingehalten werden können.

Realität anders als erwartet

In einer Migrantenherberge unweit des Grenzpostens scheint das kaum möglich. Hier leben um die 170 Menschen vor allem aus El Salvador, Honduras und Guatemala in einem heruntergekommenen Haus. Sie fliehen vor der Armut, der Gewalt der Jugendbanden, den Folgen von zwei Wirbelstürmen im letzten Jahr.

Maria will nur weg aus Ciudad Juárez. Die 42-Jährige Guatemaltekin ist mit ihrer neunjährigen Tochter vor zwei Wochen an der Grenze angekommen und hat dort eine völlig andere Realität vorgefunden, als sie erwartet hatte.

Wir wollen jetzt rüber. Wir bitten den Präsidenten, dass er uns endlich durchlässt. Wir haben schon genug gelitten. Mir wurde gesagt, dass der US-Präsident in seinen ersten 100 Tagen die Menschen durchlässt. Aber all das ist Lüge. Sie lassen nur die unbegleiteten Minderjährigen durch, aber warum uns nicht? Wir haben auch Kinder. Wie soll ich meine Tochter in Guatemala ernähren? In meiner Heimat werden Frauen wie ich bedroht, ich habe kein Geld.

Amtsantritt Bidens gab vielen Migranten Hoffnung

Mit dem Amtsantritt des neuen US-Präsidenten Joe Biden haben viele Migranten neue Hoffnung geschöpft – nachdem er einen humanitäreren Kurs angekündigt hatte. Schlepper heizen diese Hoffnung zusätzlich an, versprechen eine „offene Grenze“. Doch das Gegenteil ist der Fall. Biden hatte zwar das vom ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump aufgelegte Programm: „Remain in Mexico“ – bleib in Mexiko –  rückgängig gemacht.

Demnach müssen die Migranten, die in den USA Asyl beantragt haben, nicht mehr auf ihr Verfahren in Mexiko warten, so wie es Trump veranlasst hatte. Jedoch bleibt eine Regelung in Kraft: Genau wie sein Vorgänger behält sich Biden vor, Migranten, die ohne Papiere die Grenze übertreten, in kürzester Zeit abzuschieben, erklärt die Anwältin Rocío Mélendez.

Es gilt nach wie vor die Regelung des sogenannten Titels 42, also die sofortige Ausweisung aus Gründen des Schutzes vor der Pandemie. Personen, die ohne Inspektion in die Vereinigten Staaten eingereist sind und keinen dokumentierten Aufenthalt im Land nachweisen können, können im Rahmen dieser Regelung sofort zurückgeschickt werden.

In dieser Situation bekommen sie also auch nicht die Gelegenheit, sich um Asyl zu bewerben. Die Anwältin hat in diesen Tagen viel zu tun. Sie will den Gerüchten, die unter den Migranten kursieren, etwas entgegensetzen. Sie klärt auf, versorgt sie mit Informationen.

Endlose Gefahren

Aus Verzweiflung schickten Eltern ihre Kinder, zwölf Jahre oder sogar acht Jahre alt, alleine über die Grenze, damit sie in die USA kommen, dort bei Verwandten Unterschlupf finden, berichtet die Anwältin. Weil sie bleiben dürften. Generell setzten sich die Migrantinnen und Migranten großen Gefahren aus. Ein neunjähriges Kind ist beim Versuch, einen Grenzfluss zu den USA zu überqueren, ums Leben gekommen.

Wie gefährlich der Weg Richtung Norden ist, die Situation an der Grenze, hat Basilia am eigenen Leib zu spüren bekommen. Die 34-Jährige kommt ebenfalls aus Guatemala. Ihre Tochter wurde in Mexiko entführt.

Ich werde noch verrückt. Einmal habe ich ein Lebenszeichen bekommen. Meine Tochter rief an. Sie sagte, die Männer hätten ihr falsche Papiere ausgestellt. Ich war bei den Behörden, die sagten, dass sie nichts für mich tun könnten. Ich hab es heute nochmal versucht.

Basilia glaubt nicht daran, dass sie es rüber in die USA schafft. Sie wäre eigentlich bereit, wieder zurück nach Guatemala zu gehen. Ohne ihre Tochter ist das jedoch unvorstellbar.

Unter Druck: Mexiko und die Krise an der Grenze zu den USA

Anne Demmer, ARD Mexiko-Stadt, 27.3.2021 · 06:24 Uhr

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