Start day-news Junge SPD-Politikerin Anna Kassautzki gewinnt den Kanzlerin-Wahlkreis

Junge SPD-Politikerin Anna Kassautzki gewinnt den Kanzlerin-Wahlkreis


 Auf die ganzen Vorwahl-Umfragen hat Anna Kassautzki nicht viel gegeben. „Irgendetwas herbei zu träumen oder herbei zu sehnen, ist nicht mein Stil.“ Die 27-Jährige ist Realistin. Erst als ihr roter Balken bei den Wahlergebnissen am Sonntagabend immer länger wurde und dann mit 24,3 Prozent vor dem schwarzen und blauen Balken stehen blieb, fiel die Spannung von ihr ab. „Zum Sieg gab es erst mal einen Sambuca“, verrät sie, während sie Montagmittag mit ihrem Rollkoffer zum Greifswalder Bahnhof läuft. Es geht Richtung Berlin, zum ersten Vernetzungstreffen der frisch gewählten SPD-Abgeordneten im Bundestag.

„Die Leute wollten einen Wandel haben und kein Weiter so.“

Die weitgehend unbekannte Kassautzki hat das Direktmandat im Wahlkreis 15 gewonnen und tritt damit die Nachfolge von Angela Merkel an. Mit dem Wahlerfolg der jungen Sozialdemokratin hatte wohl kaum jemand gerechnet. Seit 1990 haben sich die Kandidaten der anderen Parteien an der Übermacht der CDU-Politikerin die Zähne ausgebissen. Der potenzielle Merkel-Nachfolger Georg Günther schaffte es trotz prominenter Unterstützung von Kanzlerin und Kanzler-Kandidat Armin Laschet nicht in den Bundestag. Anna Kassautzki sagt nüchtern: „Die Leute wollten einen Wandel haben und kein Weiter so.“

11 Jahre alt, als Merkel Kanzlerin wurde

Als Merkel im Jahr 2005 Kanzlerin wurde, war Kassautzki elf Jahre alt. „Seitdem ich politisch aktiv bin, war Merkel die Kanzlerin.“ Die Verantwortung, nun „ihren“ Wahlkreis zu übernehmen, sei groß. Ebenso die Erwartungen an sie, die sie nicht enttäuschen wolle. „Das Ergebnis erfüllt mich mit großer Demut und Respekt.“ Gleichzeitig ist sie voller Tatendrang. Muffengang? Nein, den verspüre sie nicht. „Politik ändert sich nur, wenn man mitmacht und sich einbringt.“

Mit 13 gründete sie eine antifaschistische Bildungsinitiative

Politisch unerfahren ist die gebürtige Heidelbergerin nicht. Mit 13 gründete die Schülerin in ihrer hessischen Heimat eine antifaschistische Bildungsinitiative, weil sie in ihrem Dorf ein Riesenproblem mit Rechts gesehen habe. Später engagierte sie sich im Jugendparlament, studierte im bayrischen Passau Staatswissenschaften. Erst vor drei Jahren zog sie für das Master-Studium nach Greifswald und übernahm den Juso-Vorsitz im Landkreis. Das Studium gab sie schnell auf, „weil ich keine Lust mehr aufs Studieren hatte.“ Inzwischen leitet sie den Familienservice an der Universität.

Erst seit drei Jahren in Vorpommern

Vom Süden in den Norden. Vom Westen in den Osten. „Hier habe ich mein zu Hause gefunden“, sagt Kassautzki. „Zuvor haben mir die Leute entweder direkt gesagt oder indirekt zu verstehen gegeben, du kommst nicht von hier.“ In Vorpommern sei das anders gewesen, hier habe man sie willkommen geheißen. „Das war der Moment, wo ich gesagt habe, ich gehe nicht mehr weg.“ Kassautzki lebt allein, hat keine Kinder, dafür aber Freunde, mit denen sie gerne Doppelkopf spiele.

In Greifswald wohnt die passionierte Hobby-Sportlerin (Rennrad, Joggen und Kampfsport) in einem Plattenbau in Schönwalde I. „Fünfter Stock, ohne Lift.“ Das werde sich auch nicht ändern. Die Bodenhaftung wolle sie nicht verlieren. „Nebeneinkünfte werden gespendet“, sagt sie und übt damit offene Kritik an CDU-Mann Amthor aus dem südlichen Nachbarwahlkreis. „Ich mache Politik nicht, um mich zu bereichern, sondern für die Menschen hier vor Ort.“

Doppelkopfrunden mit Freunden bleiben

Auch wenn sich der Alltag künftig zwischen Berlin und Vorpommern bewegt, will sie auf ihren Sport nicht komplett verzichten. „Ich hoffe, dass ich einmal in der Woche zum Training kommen werde.“ Auch an ihren sonntäglichen Doppelkopf-Runden will sie, wenn möglich, weiter festhalten.

Bei ihren Diskussionen an den Wahlständen habe sie gespürt, dass die Menschen in Vorpommern viele soziale Probleme umtrieben – die Sorgen um Rente und Mieten, der Wunsch nach gerechten Löhnen und Chancengleichheit für Kinder. Kassautzki ist in der sozialdemokratischen Agenda angekommen – und am Bahnhof. Abfahrt 12.39 Uhr, Regionalexpress 3311, Richtung Berlin. Bundestag.

Von Martina Rathke

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