Start day-news Junge Leute brauchen Plan B fürs Auslandsjahr

Junge Leute brauchen Plan B fürs Auslandsjahr


Die Bilder sind uns allen noch sehr präsent: Zigtausende Deutsche mussten vor gut einem Jahr Hals über Kopf aus dem Ausland abreisen. Weltweit wurden wegen der Corona-Pandemie die Grenzen dichtgemacht. Weil der normale Reiseverkehr stark eingeschränkt wurde, waren mitunter aufwendige Rückholaktionen erforderlich.

Betroffen waren auch viele junge Menschen, die sich für längere Zeit in anderen Ländern aufhielten – sei es, weil sie dort zur Schule gingen, studierten, Freiwilligendienste absolvierten, arbeiteten oder umherreisten. „Einige Organisationen haben alle Schülerinnen und Schüler zurückgeholt, andere haben den Familien die Entscheidung überlassen“, berichtet Marcus Grobe vom Bildungsberatungsdienst Weltweiser.

„Einmal-im-Leben-Ereignis“ musste abgebrochen werden

Laut Eva Reimers von Kulturlife, einem Vermittler von Auslandsreisen, kamen viele Teilnehmer freiwillig zurück, einige mussten aber auch ausreisen: „Die Situation war von Land zu Land unterschiedlich und abhängig vom jeweiligen Programm.“

Sie berichtet, dass viele Jugendliche enttäuscht gewesen seien: „Ein Auslandsaufenthalt ist ein einmaliges Erlebnis. Das kommt so nicht wieder.“ Da die Organisationen zum Zeitpunkt der Rückreise bereits den Großteil ihrer Leistungen erfüllt hätten, seien finanzielle Rückerstattungen nicht die Regel gewesen, sagt Grobe.

Studierende hatten meist Glück

Ihren Auslandsaufenthalt fortsetzen konnten vor allem Teilnehmer an Highschool-Programmen und Studierende. „Die Hochschulen kümmerten sich intensiv um sie“, sagt Michael Flacke, Sprecher des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD). Zwar waren die Freizeitmöglichkeiten deutlich eingeschränkt und gab es weniger Veranstaltungen, aber schon bald wurden Onlineangebote entwickelt. „Alle haben vor Ort das Beste aus der Situation gemacht“, berichtet Reimers. Außerdem sei die Beziehung zu den Gastfamilien intensiver gewesen als sonst.

Kaum Neuanmeldungen für Gap Years

Derweil gab es bei den Neuanmeldungen einen dramatischen Einbruch, berichtet Steffen Mayer vom Infoportal Wege ins Ausland: „Das war wie eine Fahrt mit 100 km/h gegen die Wand.“ Infoveranstaltungen fielen im Frühjahr 2020 aus, Beratungen waren nur eingeschränkt möglich, die Planungen vieler Jugendlicher wurden über den Haufen geworfen. „Der Klassiker ist, nach dem Abitur ein Gap Year zu machen. Die Zeit wird oft zur Orientierung genutzt. Viele kommen wieder und wissen, was sie anschließend machen wollen“, erklärt Frank Möller von der Initiative Auslandszeit. Diese Möglichkeit sei vielen Jugendlichen genommen worden.

„Irgendwann überwog die Reiselust wohl die Bedenken“

Freiwilligendienste im Ausland beispielsweise konnten vergangenen Sommer kaum angetreten werden. „Dort, wo Corona das Gesundheitssystem unter Druck gesetzt hat, haben wir keine Kulturweit-Freiwilligen hingeschickt“, erklärt Flacke. Reisen ins europäische Ausland und einige andere Staaten wurden hingegen wieder möglich, die Nachfrage nach Programmen stieg leicht an, erste verbindliche Anmeldungen erfolgten. „Irgendwann überwog die Reiselust wohl die Bedenken“, sagt Mayer. Viele Interessenten schoben ihre Pläne jedoch auf – zum Teil mehrfach und sogar bis weit in dieses Jahr hinein.

Flexibilität derzeit oberstes Gebot

Aktuell planen wieder viele Jugendliche Auslandsaufenthalte – wenngleich deutlich weniger als in den Jahren vor der Pandemie. Mayer macht ihnen Mut: „Wer das vorhat, sollte es angehen, aber immer bedenken, dass die Reise nicht stattfinden könnte.“ Die Organisationen bereiteten derzeit alles so vor, als ob die Ausreise erfolgen könne, ergänzt Reimers.

Sie rät Interessenten dazu, flexibel zu sein: „Sie sollten einen Plan B entwickeln und sich nicht auf ein bestimmtes Land oder eine bestimmte Schule fixieren.“ Außerdem müssten sie sich in der Regel darauf einstellen, zunächst für einige Tage in Quarantäne zu gehen. Möller empfiehlt, ein flexibles Rückreiseticket zu buchen.

Organisationen erstattet Kosten

Aufenthalte in vielen europäischen Ländern sowie in den USA und Kanada sind dieses Jahr voraussichtlich gut möglich. Das gilt auch für Nationen wie Israel, in denen besonders viele Menschen geimpft wurden. Andere beliebte Staaten wie Australien oder Neuseeland schotten sich hingegen bis auf Weiteres komplett ab. Sollte es kurzfristig zu Veränderungen oder Absagen bei geplanten Auslandsaufenthalten kommen, müssen die Interessenten keine finanziellen Folgen fürchten. „Die Organisationen erstatten Kosten, wenn die Reise nicht angetreten werden kann, und sichern bei Bedarf eine Rückholung zu“, erklärt Möller.

Auslandssemester gerade stark nachgefragt

In den Partnerländern werden Voraussetzungen für einen sicheren Aufenthalt geschaffen. So sollen Unterkünfte teilweise nur zur Hälfte belegt und Ersatzunterkünfte für den Fall einer Quarantäne bereitgestellt werden. Flacke weist darauf hin, dass Studierende an einigen ausländischen Universitäten zunächst online studieren können. Später sei dann eventuell ein Aufenthalt vor Ort möglich.

Er beobachtet, dass sich derzeit besonders viele Interessenten für Semester an ausländischen Universitäten bewerben – trotz oder gerade wegen Corona. „Der Hunger nach Auslandserfahrungen ist sehr groß. Das liegt vielleicht daran, dass sie nicht mehr so selbstverständlich erscheinen und in den Medien viel über das Thema berichtet wird.“

Must Read

Was ein Verhandlungs­experte zu den Ampel­gesprächen sagt

Berlin. Thorsten Hofmann arbeitete viele Jahre als operativer Ermittler des Bundes­kriminalamts und von Interpol. Er war im Bereich organisierte Kriminalität tätig, vor allem...

Flüchtlingsabwehr: Breite Abwehr (nd aktuell)

Horst Seehofer (CSU), Bundesinnenminister Foto: dpa | Britta Pedersen Mehrere Hundert Menschen überwinden derzeit täglich die polnisch-deutsche Grenze. Die Menschen, die offenbar überwiegend aus Belarus...

„Aidacosma“ auf der Ems auf dem Weg von Meyer-Werft zur Nordsee

Die Meyer-Werft hat die Arbeit am Kreuzfahrtschiff „Aidacosma“ beendet. Rückwärts machte sich der Luxus-Liner mit fremder Hilfe auf dem Weg zur Nordsee.Papenburg – Der neugebaute...

Retro-Web-Tipps: Videos, 90er-Websites, iPod, Atari

Videos aus der Frühzeit youtube.com/channel/UCOyJD0RHtF_77_oAf5tT1nQ Das Computer History Archives Project widmet sich der Dokumentation alter Computertechnik. Dazu...