Start day-news Juden in MV macht Fall Gil Ofarim Sorgen: Antisemitismus ist salonfähig geworden

Juden in MV macht Fall Gil Ofarim Sorgen: Antisemitismus ist salonfähig geworden


„Pack deinen Stern ein!“ Den Tränen nahe erzählt der Sänger Gil Ofarim auf Instagram, wie er von einem Hotelmitarbeiter aufgefordert sein soll, seinen Davidstern, eines der wichtigsten jüdischen Symbole, nicht offen zu tragen. Was genau am Abend des 4. Oktober im Westin Hotel in Leipzig geschah, ermittelt derzeit die Staatsanwaltschaft.

Aber selbst wenn der Satz so nicht gefallen sein sollte, passe er zur antisemitischen Stimmung, die Juden zunehmend auch in Mecklenburg-Vorpommern erleben, sagt Gianna Marcuk, die als Jüdin in Rostock lebt. „Pack deinen Stern ein!“, dieser Satz habe wehgetan. Und falls er tatsächlich so gefallen ist, beunruhige sie die ausbleibende Reaktion der Menschen, die in der Lobby des Leipziger Hotels den Vorgang beobachtet haben müssen, das Schweigen, das Nicht-Einschreiten. „Das verstört, das macht Angst“, so Marcuk.

„Die Stimme klingt feindselig, irgendwie verrückt“

Antisemitische Straftaten in Deutschland nehmen zu. Das belegen die Statistiken. Doch hinter jedem registrierten Fall stehen Schicksale, Angst, Verunsicherung. Mit wiederkehrender Regelmäßigkeit erhält die 55-Jährige, die die Rostocker Zweigstelle der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland leitet, Anrufe. Anonym. Eine Stimme lese antisemische Texte vor, drohe, man werde an den Juden Rache nehmen. „Es sind komische Texte, es ist unheimlich. Die Stimme klingt feindselig, irgendwie verrückt“, sagt sie. Zu Pfingsten hat jemand einen Haufen faulen Fisch vor der jüdischen Gemeinde in Rostocks Stadtmitte abgekippt. Ab und zu kommen Mails mit antisemitischem Inhalt bei der Gemeinde an. „Wir versuchen, es zu vermeiden, sie zu lesen“, sagt Gemeindevorsitzender Juri Rosov.

Antisemitische Straftaten in MV nehmen zu

In MV steigt die Zahl der antisemitischen Straftaten. Das Innenministerium MV hat für 2020 genau 73 antisemitische Delikte registriert, 21 mehr als 2019. „Dieser Anstieg entspricht der Gesamtsituation in Deutschland, wo im vergangenen Jahr ein Höchststand der antisemitischen Straftaten seit 2001 zu verzeichnen war“, hieß es aus dem Innenministerium. 72 Delikte würden dem rechten Täterkreis zugeordnet, eine Straftat sei religiös-ideologisch motiviert. Zwei Straftaten waren Gewaltdelikte. Das häufigste Delikt ist die Volksverhetzung mit 41 Straftaten.

Künftig werden neben Straf- und Gewalttaten auch antisemitische Vorfälle über die neu gegründete Dokumentations- und Informationsstelle Antisemitismus Mecklenburg-Vorpommern (DIA.MV) erfasst. Ziel sei, ein umfassendes Bild über die Verbreitung des Antisemitismus zu erstellen, hieß es vom Bildungsministerium.

Kernstück der Dokumentationsstelle ist den Angaben zufolge das mehrsprachige, niedrigschwellige Onlinemeldeportal www.dia-mv.de, das die Meldung antisemitischer Vorfälle vereinfachen soll. DIA.MV will von Antisemitismus Betroffene stärken und unterstützen. Die Beratung erfolgt vertraulich und auf Wunsch anonym.

Panzerglas in den Fenstern – 1,5 Millionen Euro für Sicherheitsmaßnahmen

„Die Stimmung ist ambivalent“, sagt der 61-Jährige. Gerade steckt die Gemeinde mit ihren 535 Mitgliedern in den Vorbereitungen für die 6. Jüdischen Kulturtage. Niemand habe anfangs gedacht, dass die Kulturreihe auf so eine positive Resonanz bei den Rostockern stoßen werde. „Die Menschen kommen zu uns, interessieren sich für unsere Kultur, für unsere Gemeinde.“ Das ist die helle Seite.

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Die andere Seite ist dunkel: Wer die jüdische Gemeinde besucht, steht vor verschlossener Tür, die sich erst öffnet, wenn jemand von innen den Summer betätigt. Rund 1,5 Millionen Euro Landesmittel fließen jetzt in Sicherheitsmaßnahmen für Fensterscheiben aus Panzerglas, für Überwachungskameras und einen Sicherheitsdienst. „Der Staat beschützt uns“, sagt Marcuk. „Aber es ist schlimm, dass das notwendig geworden ist. Vor 20 Jahren war das nicht nötig.“

AfD-Aufstieg und muslimische Flüchtlinge – die Stimmung kippt

Seit etwa fünf, sechs Jahren ändere sich die Stimmung. Viele Drohungen seien subtil, unterschwellig und würden deshalb nicht zur Anzeige gebracht. „Die Pietät, die wir vor dreißig, ja noch zehn Jahren in der Bevölkerung gespürt haben, wenn es um Juden ging, ist heute so gut wie verloren“, beklagt Marcuk, die seit ihrem 26. Lebensjahr in Rostock lebt. In den 1990er-Jahre habe man die zuwandernden Juden als Teil der durch den Holocaust verlorenen deutschen Bevölkerung willkommen geheißen. Heute sei das anders.

Der Aufstieg der AfD habe das politische Klima vergiftet, die Gesellschaft gespalten. „Politische Parteien haben den Antisemitismus salonfähig gemacht“, meint Rosov. Antisemitismus werde nicht mehr versteckt, er werde – befördert durch die AfD und Gaulands „Vogelschiss“-Äußerung – offen zur Schau getragen. Parallel dazu habe aber auch die Zuwanderung von muslimischen Flüchtlingen seit 2015 die judenfeindliche Stimmung befördert.

Diese Menschen kämen aus Ländern, wo der offene Antisemitismus zur Staatspolitik und zum Alltag gehören. „Ein Teil der Flüchtlinge macht keinen Unterschied zwischen Juden und der Politik des Staates Israel“, sagt Rosov. Man versuche zu erklären. Menschen mit tief fundamentalistischen Einstellungen seien aber mit Worten nicht zu erreichen. Selbst Deutsche verwischen inzwischen die Grenzen zwischen Juden und Israel – sichtbar an den Mitarbeitern des Westin-Hotels, die nach dem mutmaßlichen antisemitischen Vorfall in der Hotellobby mit einem Transparent mit israelischer Flagge Solidarität mit Juden bezeugen wollten.

Wollen nicht als Juden erkannt werden

Konflikte versuche man zu vermeiden, indem jüdische Symbole wie Kippa und Davidstern nicht öffentlich getragen werden. So selbstbewusst wie Gil Ofarim sind wenige Rostocker Juden. „Es gab ein paar junge Menschen unserer Gemeinde, die eine Kippa trugen. Sie wurden beschimpft und haben die Kippa dann zu Hause gelassen.“ Einige Mitglieder ließen sich die Gemeindepost nur in neutralen Umschlägen schicken, weil sie nicht als Juden erkannt werden wollen.

„Ich bin nicht nur Jude, ich bin auch Deutscher“

Juri Rosov kam 1997 mit seiner Familie aus Russland nach Deutschland. Seine Kinder gingen hier zur Schule, sind heute erwachsen. Vor einer Woche habe ihn sein Sohn gefragt, ob es richtig gewesen sei, nach Deutschland zu kommen. Eine schwierige Frage, die er mit Ja beantwortet habe. „Wenn etwas Schlechtes passiert, dann denkst du, Israel ist die Heimat. Aber ich bin nicht nur Jude, ich bin auch Deutscher“, sagte er.

Von Martina Rathke

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