Start day-news Hoteliers setzen auf Herbst in MV: „Weiterer Lockdown wäre Katastrophe“

Hoteliers setzen auf Herbst in MV: „Weiterer Lockdown wäre Katastrophe“


Noch einmal wirft Sonja Harras einen sehnsüchtigen Blick von der Seebrücke Binz aufs Meer: „Der letzte Urlaubstag ist immer schrecklich“, sagt sie und atmet tief durch. Eine Woche Herbsturlaub liegen hinter ihr und Partnerin Sandra Andres, gleich geht es zurück ins heimische Kassel. „Normalerweise kommen wir ja immer im Mai auf die Insel.“

Aber weder in diesem noch im vergangenen Jahr konnte das Paar seinen Hochzeitstag auf der Insel verbringen, weil der Lockdown den Romantik-Urlaub ausgebremst hatte. „Herbst ist ja auch ganz schön, es war nur etwas rauer und stürmischer“, so Sandra Andres.

Urlauber sehen Preisanstieg kritisch

Nicht nur das Wetter ist anders. Auch die Preise hätten angezogen, bemerkt das Paar. Rund 1000 Euro mussten die Hessinnen für eine Woche in einer Ferienwohnung in dem sanierten Koloss von Prora zahlen. Und auch am „Aperol-Index“ hat das Paar einen saftigen Preisanstieg ausgemacht. Kostete das Glas im Mai 2019 noch sechs Euro, blättern sie in diesem Jahr dafür 7,50 Euro hin. „Man kann ja verstehen, dass Vermieter und Gastronomen die Preise nach dem Lockdown anziehen. Aber irgendwo muss auch ein Schlusspunkt sein“, meint Harras.

Sonja Harras (li) und Sandra Andres aus Hessen urlauben auf der Insel Rügen. „Man kann ja verstehen, dass Vermieter und Gastronomen die Preise nach dem Lockdown anziehen. Aber irgendwo muss auch ein Schlusspunkt sein“, meint Sonja Harras.
Quelle: Stefan Sauer

Die Sommersaison ist zu Ende. Die Sommersaison, an die die Tourismusbranche nach dem siebenmonatigen Endlos-Lockdown so hohe Erwartungen gesetzt hatte. Der Sommer sollte es reißen, die leeren Kassen wieder etwas auffüllen, damit das Polster für den kommenden Winter reicht.

Tourismusbranche schaut auf Rekord-Sommer zurück

„Die kritische Phase haben wir überstanden“, atmet die Personalchefin der Binzer Hotels Vier Jahreszeiten, MeerSinn und Suite Hotel, Hanna Herbst durch. Die Urlauber seien gekommen, die Häuser waren voll und sie hätten auch eine leichte Preissteigerung akzeptiert. „Die Gäste waren entspannt. Wir haben gemerkt, dass der Nachholbedarf groß war.“ Den Lockdown habe man für Umbau-Maßnahmen genutzt: Im Vier Jahreszeiten entstanden exklusive Wellness-Suiten mit integrierter Sauna im Bad – 220 Euro pro Nacht. Die Nachfrage sei groß, gerade jetzt im Herbst.

Hanna Herbst, Personalchefin im Binzer Hotel Vier Jahreszeiten in Binz auf der Insel Rügen: „Die kritische Phase haben wir überstanden.“
Quelle: Stefan Sauer

Die Kombination aus Spitzenauslastung, staatlichen Hilfen aber auch höheren Preisen hat weite Teile der Hotelbranche mit dem verkorksten Winter- und Frühjahrsgeschäft versöhnt. Ein Juli „auf höchstem Niveau“ mit 5,8 Millionen Übernachtungen liege hinter der Branche. Auch für August würden ähnliche Zahlen erwartet, sagt Tourismusverbandschef Tobias Woitendorf.

Nun hoffen die Hoteliers auf ein sattes Herbstgeschäft – ohne Lockdown. „Es ist wichtig, jetzt viel Futter in die Speicher zu bekommen, damit die Branche die schweren Wintermonate überstehen und hoffentlich in eine Corona freie Zeit gleiten kann.“

„Es gab auch ungebührliche Ausreißer“

Bei den Preisen habe es Ausreißer gegeben, räumt er ein. „Darunter auch ungebührliche Ausreißer.“ Dass die Branche diese aber flächendeckend nach oben getrieben habe, weist er zurück. Im Schnitt seien die Preise um etwa zehn Prozent gestiegen. „Im April hatte wir einen Buchungsgrad von 70 Prozent und diese Zimmer sind unter ganz normalen Maßstäben zwischen Gast und Gastgeber ausgehandelt worden.“ Die hohen Preise, die dann im Sommer kurzfristig aufgerufen wurden, hätten nur für den knappen Restbestand von Zimmern gegolten. „Das ist das natürliche Spiel zwischen Preis und Nachfrage.“

Die größeren Hotels würden es schaffen, zeigt sich Woitendorf zuversichtlich. Was allerdings mit den kleineren inhabergeführten Familienbetrieben sei, bleibe abzuwarten. Das finanzielle Polster war in diesen Betrieben geringer. Ihnen habe die Abwanderung der Mitarbeiter besonders zugesetzt. Zehn Prozent Mitarbeiterschwund im ersten Pandemie-Jahr, nochmals zehn bis 15 Prozent im zweiten, das sind die Schätzungen der Gewerkschaft Nahrung, Genuss und Gaststätten, die nun einen neuen Tarifvertrag aushandeln möchte.

Kurzarbeitergeld aufgestockt

Nicht jeder Betrieb konnte wie das Vier Jahreszeiten die Mitarbeiter halten. „Wir haben unseren Mitarbeitern das Kurzarbeitergeld während des Lockdowns zu 100 Prozent netto aufgestockt“, sagt Personalchefin Herbst. Doch das Gehalt allein sei nicht der entscheidende Faktor, warum die Mitarbeiter blieben. Genauso wichtig sei es gewesen, dass die Kommunikation mit den Mitarbeitern während des Lockdowns nie abgerissen sei.

Johannes Denkewitz (30) wechselte aus dem Kreuzfahrttourismus ins Hotel: „Ich wollte endlich wieder mit Gästen arbeiten. Es muss ja weitergehen.“
Quelle: Stefan Sauer

An der Rezeption des Vier Jahreszeiten begrüßt Vize-Empfangschef Johannes Denkewitz (30) die Gäste. Meist sind es Kurzurlauber wie Lisanne Hinz und Eric Thiedig aus Strausberg, die jetzt ein Wochenende oder einen Wochenurlaub mit Strandspaziergängen, Spa- und Massage-Programm auf Rügen genießen. Denkewitz arbeitet erst seit September im Hotel und heuerte dafür bei Aida Cruises als Guest Purser auf einem Kreuzfahrtschiff ab.

„Ich wollte endlich wieder mit Gästen arbeiten“

Anders als der Erholungstourismus an Land hat der Kreuzfahrttourismus noch immer nicht richtig Fahrt aufgenommen. „Die letzte Fahrt ging für mich im März 2020 mit der Aidamira nach Südafrika.“ Dann kam Corona, die Reise wurde abgebrochen, die Gäste wurden nach Hause geflogen, dass Schiff fuhr leer zurück. „Ich wollte endlich wieder mit Gästen arbeiten. Es muss ja weitergehen“, begründet Denkewitz seinen Wechsel vom Schiff zum Hotel.

Gute Chancen für goldenen Herbst

Die Chancen für einen goldenen Herbst der Tourismusbranche an der Küste stehen gut. Der Vorbuchungsstand stimme zuversichtlich, dass der Rekord-Herbst 2020 noch überboten werden könne, sagt Woitendorf. Im September 2020 wurden rund 4,2 Millionen Übernachtungen registriert, 25 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Auch der Oktober brachte eine Steigerung um 11 Prozent. Dann bremste der Lockdown die Branche aus.

Urlauber genießen bei einem Strandspaziergang in Binz den Herbst in MV. Nach einem Rekord-Sommer hofft die Tourismusbranche auf ein langes Herbstgeschäft.
Quelle: Stefan Sauer

Das dürfe sich in diesem Herbst nicht wiederholen, sagt Woitendorf. Ähnlich sieht man es auf Rügens Nachbarinsel Usedom. „Ein weiterer Lockdown wäre eine Katastrophe“, sagt der Chef der Seetelhotels-Gruppe, Rolf Seelige-Steinhoff.

Von Martina Rathke

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