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Hohenzollern, Nazis und Legenden (nd aktuell)


Stephan Malinowski bei Ullstein

Stephan Malinowski bei Ullstein

Foto: dpa/Fabian Sommer

Der Gebäudetrakt an der Berliner Friedrichstraße 126 diente ursprünglich als Gymnasium – in Betrieb genommen als Lehranstalt 1850 zu Ehren eines preußischen Königs. Hier sitzt nun der Ullstein-Verlag. Bei diesem Verlag sprach Jahre nach dem Ersten Weltkrieg der alldeutsche Publizist Eugen Zimmermann vor, führte im Auftrag des ehemaligen deutschen Kaisers Wilhelm II. Beschwerde über Bücher, die Ullstein herausbrachte und die dem Ansehen des vormaligen Herrschers abträglich waren – darunter die Memoiren des früheren Reichskanzlers Bernhard von Bülow, dem der Verlag eine »Tippmamsell« zur Verfügung gestellt habe. Verleger Hans Ullstein wehrte den Anwurf der Hohenzollern mit der kühlen Bemerkung ab, Ullstein sei eben ein »antikaiserlicher Verlag«.

Historiker Stephan Malinowski schildert diese Begebenheit in seinem neuen Werk »Die Hohenzollern und die Nazis« und sie wird extra erwähnt bei der Buchpremiere am Dienstag bei Ullstein. Moderator Jens Bisky, einer der Söhne des verstorbenen PDS-Vorsitzenden Lothar Bisky, erzählt bei dieser Gelegenheit eine Anekdote, die ausdrücklich nicht auf Tatsachen beruht, sich aber so zugetragen haben könnte: Ex-Kronprinz Wilhelm trifft 1932 auf dem Berliner Kudamm eine Tennispartnerin, die ihm sagt, da er seine Sympathie für die Nationalsozialistische Arbeiterpartei entdeckt habe, müsse er ja nun anfangen zu arbeiten. Der Hohenzollernspross entgegnet, so weit gehe die Sympathie nicht.

Malinowski, der Geschichte an der Universität von Edinburgh lehrt, verfasste 2014 ein Gutachten im Auftrag des brandenburgischen Finanzministeriums. Darin ging es darum, ob der Kronprinz den Faschisten einst erheblich Vorschub geleistet habe. Darauf und nur darauf kam es unter juristischen Gesichtspunkten an bei der Frage, ob das Haus Hohenzollern Anspruch hat auf eine finanzielle Entschädigung für in der sowjetischen Besatzungszone nach dem Zweiten Weltkrieg enteignete Besitztümer. Das Amt zur Regelung offener Vermögensfragen hatte den Hohenzollern in einem Vorbescheid bereits eine Summe von 1,2 Millionen Euro in Aussicht gestellt. Doch der damalige Finanzminister Christian Görke (Linke) ließ das überprüfen und stoppte so die Auszahlung.

»Den Begriff Vorschub kannte ich als Historiker gar nicht«, erzählt Malinowksi am Dienstag. Was Vorschub bedeute, haben ihm 2014 Juristen erklärt und ihn gebeten, diesen Begriff zu verwenden. Für sein Buch, dass nun sieben Jahre später erscheine, habe er sich bemüht, darauf zu verzichten. Heute sage er, dass drei Generationen der Hohenzollern versuchten, die Weimarer Republik zu zerstören und den Nationalsozialismus aufzurichten.

Niemand aus der Familie habe sich offen für die Republik eingesetzt, so steht es bei Malinowski. Lediglich Adalbert Prinz von Preußen habe sich in der Weimarer Zeit gänzlich ins Privatleben zurückgezogen und völlig aus der Politik herausgehalten.

Zu dem noch immer nicht entschiedenen Rechtsstreit über eine Entschädigung bemerkt Malinowski: »Ich brauche keinen Richter, um den Nationalsozialismus zu erklären. Ich würde sagen: Das kann ich besser.« Er tut es in seinem Buch am Beispiel des Hauses Hohenzollern und er nimmt dabei auch den Kronprinzen in den Blick, auf dessen Verhalten es der Justiz ankommt, aber eben nicht nur diesen Mann, sondern auch seinen Vater, seine Brüder und die Frauen der Familie, sogar den Sohn Louis Ferdinand (1907-1994), der nach der Wende noch den Antrag auf Entschädigung gestellt hatte.

Ursprünglich plante Malinowski einen Essay von 150 Seiten. Mit Anhang ist nun ein Wälzer von 752 Seiten daraus geworden. Statt eines kurzen Abgesangs hat er auch den Teil ausgebaut, in dem es um die Zeit nach 1945 geht – um die Bildung von Legenden, wie es heißt. Dazu gehört eine behauptete Nähe zu den Verschwörern des Hitlerattentats vom 20. Juli 1944, von denen viele ein »von« im Namen führten. Louis Ferdinand Prinz von Preußen hatte wohl tatsächlich Kontakt zu ihnen. Doch sein Vater riet ihm dringend, keinen Widerstand zu leisten.

Malinowski geht ziemlich zum Schluss seines Buches auch auf die jüngsten juristischen Auseinandersetzungen des Hauses Hohenzollern mit Historikern, Politikern und Journalisten ein. Juristische Winkelzüge gab es aber bereits 1926. Malinowski schildert das in seinem Buch: Kurz vor der Abstimmung über die Enteignung der Fürsten sei in den Kinos der Propagandafilm »Keinen Pfennig den Fürsten« angelaufen. Ein Arbeitsloser habe demnach damals 27 Pfennig Stütze am Tag erhalten, der Ex-Kaiser hingegen eine Pension von täglich 1650 Mark. Juristen der Film-Oberprüfstelle argumentierten gegen den Streifen, von der Summe lebe nicht der Ex-Kaiser allein, sondern die weit verzweigte Familie. Es läge somit eine falsche Eindruckserweckung vor.

Moderator Jens Bisky lobt »die Fülle von neuen Details«, die Malinowski ausbreite. »Man sieht vieles schärfer, wenn man dieses Buch gelesen hat«, sagt Bisky. Der Autor selbst, der übrigens ausgezeichnet formuliert und ein nicht nur in wissenschaftlicher Hinsicht sehr gutes Buch geschrieben hat, sieht noch viel Arbeit für die Forschung. Das Thema könne sicherlich auch am Beispiel anderer Adelsfamilien aufgearbeitet werden.

Der zur Buchpremiere eingeladene Historiker Magnus Brechtken liefert ein schönes Beispiel zur 1919 erfolgten Abschaffung des Adels und seiner Privilegien, die aber vielen Mitbürgern nicht bewusst sei: »Thomas Müller vom FC Bayern ist nicht Müller, sondern Fußballspieler. Der Prinz von Preußen ist nicht Prinz, sondern heißt Prinz.«

Dennoch ist ein Prinz von Preußen nach Überzeugung von Stephan Malinowski bis heute nicht irgendwer. Er zitiert bei der Buchpremiere und auch im Buch selbst Heinrich Heine mit den Worten: »Die Jesuiten, den Adel und den Teufel gibt es nur dann, wenn man an sie glaubt.« Und zumindest in den Boulevardmedien ist dieser Glaube an die Damen und Herren »von« und »zu« nicht totzukriegen.

Bereits am 18. August wurde Lothar Machtans Buch »Der Kronprinz und die Nazis. Hohenzollerns blinder Fleck« im Berliner Kronprinzenpalais vorgestellt. In einem Grußwort sagte der aktuelle Hohenzollernchef Georg Friedrich Prinz von Preußen, ein unschönes Thema erfordere Mut, wenn man sich ihm stellen wolle – gerade wenn es um die eigene Familiengeschichte geht.

Stephan Malinowski: Die Hohenzollern und die Nazis. Geschichte einer Kollaboration, Propyläen, 752 Seiten, 35 Euro



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