Start day-news Hochbegabte Familie aus Niedersachsen: „„Er hatte nie richtige Freunde“

Hochbegabte Familie aus Niedersachsen: „„Er hatte nie richtige Freunde“



Die beiden jüngeren Söhne Maris (Mitte) und Tajo (rechts) von Anett Beckmann (Mitte) sind hochbegabt. Die beiden Töchter Maxine (links) und Pauline (rechts) vermutlich auch.

© privat

Anett Beckmann hat vier Kinder, zwei davon sind hochbegabt, zwei hochsensibel. Wie es ist, wenn die Familie besondere Ansprüche hat.

Bad Lauterberg – Als ihre älteste Tochter besondere Verhaltensweisen zeigte, fragte sich Anett Beckmann aus Bad Lauteberg aus Niedersachsen, was los ist und konnte es sich nicht erklären. Heute weiß sie von ihren beiden jüngeren Söhnen, dem neunjährigen Maris und zwölfjährigen Tajo, dass diese hochbegabt sind. „Wir sind alle, auch ich, schon immer etwas anders“, sagt sie. Ihre Töchter, die 25-jährige Pauline und die 21-jährige Maxine, wollen sich nicht testen lassen.

Bundesland: Niedersachsen
Fläche: 47.614 km²
Bevölkerung: 7,982 Millionen (2019) Eurostat
Hauptstadt: Hannover
Ministerpräsident: Stepahn Weil (SPD)

Aber die Mutter ist sich sicher, dass beide hochsensibel, wenn nicht sogar ebenfalls hochbegabt sind. „Alle meine Kinder haben mit eineinhalb Jahren vollständige Sätze gesprochen. Ich konnte von Beginn an vernünftig mit ihnen reden, ohne Babysprache“, erinnert sie sich. Hochbegabung zeigt sich oft schon sehr früh in der Kindheit. Doch woran merken Eltern, dass ihr Kind überdurchschnittlich intelligent ist? Eine Expertin klärt auf.

Bevor Tajo (12) in die erste Klasse kam, stand fest, dass er hochbegabt ist. Doch Tajo hat eine besondere Form der Hochbegabung.

© privat

Hochbegabte Familie aus Niedersachsen: „Er hatte noch nie richtige Freunde – er ist leider ein Außenseiter“

Die Situation ist für die vierfache Mutter in der hochbegabten Familie herausfordernd. „Alle haben unterschiedliche Bedürfnisse und es auch nicht gerade leicht im Leben“, erklärt sie. Besonders schwer sei es für den zwölfjährigen Tajo, er geht in die neunte Klasse. Er hat die zweite und fünfte Klasse übersprungen. „Er war schon immer lieber für sich und hatte noch nie richtige Freunde. Er ist leider ein Außenseiter“, sagt Anett Beckmann.

Hinzu käme die Unterforderung. Die Mutter lebt mit ihren Kindern in Bad Lauterberg in Niedersachsen, die Schule habe für Kinder mit besonderen Ansprüchen nicht die passenden Angebote, meint die 50-Jährige. Zu Hause backt und kocht Tajo jeden Tag, spielt Saxophon und interessiert sich wie sein kleiner Bruder für Sprachen. Ansonsten schaut er sich YouTube-Wissensvideos an.

Hochbegabt und hochsensibel: Keine Herausforderung in Bad Lauterberg

„In diesem kleinen Ort gibt es einfach nichts Spannendes für die Kinder.“ Ihr Mann lebt und arbeitet auch in Bad Lauterberg, daher sei die Familie räumlich gebunden. „Ansonsten wäre ich schon längst umgezogen, um für meine Kinder ein passenderes Umfeld zu suchen.“

Hochbegabte und hochsensible Familie aus Niedersachsen: Das Leben als „Underachiever“

Noch vor seiner Einschulung machte eine Kindergärtnerin auf Tajo aufmerksam. Bevor er in die erste Klasse kam, stand fest, dass er hochbegabt ist. Doch auf Tajo trifft eine besondere Form der Hochbegabung zu, er ist ein sogenannter „Underachiever“. Das sind Personen, die dauerhaft unterhalb ihrer körperlichen und psychischen Leistungsfähigkeit bleiben. „Er erbringt nicht die Leistung in der Schule, die gesellschaftlich erwartet wird.“ Trotzdem hat er einen überdurchschnittlich hohen IQ.

Den hat auch Friedrich Wendt aus Gifhorn. Er ist erst acht Jahre alt und ein ungemein kluges Köpfchen. Ab Sommer besucht er die 10. Klasse am Gymnasium, auch für ihn ist es mit der Hochbegabung nicht immer leicht.

Kinder wie Tajo werden in ein System reingedrängt.

Anett Beckmann, Mutter zwei hochbegabter Kinder

„Er hasst die Schule“ – auch die Lehrer sind mit dem hochbegabten Tajo überfordert

„Er hasst die Schule. Er versteht nicht, was es ihm bringt und wozu er bestimmte Fächer für später braucht. Obwohl er super Noten schreiben könnte, wenn er wollte“, sagt seine Mutter. Tajo interessiere sich besonders für Politik. Die Schule bemühe sich, doch so richtig verstehen würden ihn auch die Lehrer nicht. „Für die Schule ist Integration das Ziel. Doch Tajo will das nicht, die Kinder in seinem Alter sind ihm meist zu albern.“

Anett Beckmann beschreibt ihren Sohn als ein überwiegend ernstes Kind. „Er leidet darunter, niemanden zu haben, mit dem er sich austauschen kann.“ Seine Mutter sei seine wichtigste Bezugsperson. „Ich bin die einzige, die ihn versteht“, sagt sie. „Kinder wie Tajo werden in ein System reingedrängt.“

Hochbegabung: Jüngster Sohn passt sich in der Schule an

Der neunjährige Maris entspricht nach den Aussagen seiner Mutter einem typischen hochbegabten Kind. Er geht in die fünfte Klasse, hat bereits eine Klasse übersprungen. „Er eignet sich selbst viel an, liest und hinterfragt vieles“, sagt seine Mutter. Er wisse alles über das Weltall, kenne alle Länder, alle Hauptstädte und interessiere sich besonders für die Umwelt.

„Er langweilt sich in der Schule auch zu Tode und ist unterfordert, jedoch nimmt er es an, wenn man ihm etwas gibt. Er passt sich an. Das ist der Unterschied zu Tajo. Maris hat auch Freunde.“

Suizid bei Hochbegabten: „Welchen Sinn hat das Leben für mich?“

Ein Thema beschäftigt Anett Beckmann besonders: „Der Sohn von Bekannten, er ging auch auf die Schule von Tajo und Maris, war ebenfalls hochbegabt und stach ähnlich heraus wie Tajo. Er sagte zu Tajos Lehrer, er solle auf ihn aufpassen. Kurze Zeit später, da war er 18 Jahre alt, nahm er sich das Leben.“ Auch Tajo habe schon oft zu ihr gesagt: „Ich verstehe den Sinn nicht, welchen Sinn hat das Leben für mich?“ In den Augen seiner Mutter sei das beste für ihn, gleichgesinnte Menschen zu finden.

Zehn Fakten zu Intelligenz

  • Der Messwert für Intelligenz ist in Deutschland der Intelligenzquotient (IQ), der das intellektuelle Leistungsvermögen im Vergleich zu anderen misst.
  • 1905 entwickelte der französische Psychologe Alfred Binet erste Intelligenztests.
  • Zwei Drittel der deutschen Bevölkerung haben einen IQ-Wert zwischen 85 und 115 und gelten damit als normal intelligent.
  • Mit einem IQ von über 130 gelten Personen als hochbegabt. Das sind etwa zwei Prozent der deutschen Bevölkerung.
  • Studien zeigen, dass hochbegabte Kinder nicht häufiger verhaltensauffällig sind als durchschnittlich begabte Kinder.
  • In Industrieländern ist die durchschnittliche Intelligenz bis in die 1990er Jahre gestiegen (Flynn-Effekt). In den letzten Jahren nahm der Wert wieder leicht ab.
  • Intelligenz ist von einer Vielzahl von Genen und Umweltfaktoren abhängig.
  • Ein Netzwerk aus bestimmten Regionen im Hirn ist für kognitive Leistungen verantwortlich.
  • Logisches Denken und die allgemeine Lernfähigkeit lassen im Alter nach. Fähigkeiten wie soziale Kompetenz und Faktenwissen nehmen dagegen zu.
  • Begriffe wie „emotionale Intelligenz“ und „praktische Intelligenz“ gelten als unwissenschaftlich, Experten gehen von Leistungs- oder Persönlichkeitsmerkmalen aus.
  • Quelle: Die Debatte

Hochbegabte Familie in Niedersachsen: Älteste Tochter verschanzt sich während der Corona-Pandemie in ihrer Einzimmer-Wohnung

Auch die 25-jährige Pauline, die älteste Tochter, habe mit ähnlichen Probleme zu kämpfen wie ihr Bruder. „Während der Pandemie hat sie sich in ihrer Einzimmerwohnung eingeschanzt, sie nimmt das sehr ernst. Sie ist ein hochsensibler Mensch.“ Dadurch habe sie aber keine sozialen Kontakte mehr. Auch Maxine sei hochsensibel, wahrscheinlich sogar hochbegabt. Doch auch sie habe nie gerne gelernt.

Besonders bemerkbar mache sich die besondere Situation, wenn alle zusammenkommen. „Wir sind alle impulsiv, können nicht viel Stress ab. Jeder fühlt sich überfordert und das führt nach ein paar Stunden meistens zu Streit“, reflektiert die Mutter. * kreiszeitung.de und 24hamburg.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

Must Read

Der Anfang und Authentic nominiert 

Am Freitag, 22. Oktober, wird zum achten Mal der PopFiSH-Preis verliehen und das beste Musikvideo aus MV gekürt. Aus mehr als 60 Einreichungen...

Großeinsatz an Hochschule wegen giftiger Dämpfe

Giftige Dämpfe im Chemielabor der ingenieurwissenschaftlichen Fakultät sorgten am Donnerstagvormittag für einen Großeinsatz von mehreren Feuerwehren auf dem Gelände der Hochschule Wismar. Kurz...

Vogelgrippe im Greifswalder Tierpark ausgebrochen

Es ist eine beunruhigende Nachricht: Am Donnerstag wurde der Greifswalder Tierpark bis auf Weiteres geschlossen. Denn in der Einrichtung kam es zu einem...

Ansturm auf den neuen Aldi-Markt

Das haben sich Jacqueline Förster und Brigitte Eschrisch aus Wolgast nicht nehmen lassen: Sie wollten unbedingt die Ersten sein, die am Donnerstag um...

Joachim Gauck stichelt beim IHK-Jahresempfang gegen Rot-Rot in MV

Altbundespräsident Joachim Gauck hat gegen die erwartete rot-rote Regierungskoalition in Schwerin gestichelt. Beim Jahresempfang der Industrie- und Handelskammer (IHK) Rostock hatte zunächst Ministerpräsidentin...