Start day-news Es geht um mehr Zeit für Frauen – nicht um mehr Geld

Es geht um mehr Zeit für Frauen – nicht um mehr Geld


Berlin. 31 Tage. So lange dauert der Streik der Hebammen in Berlin bereits. Mehr als 3000 Kinder wurden in dieser Zeit in der Hauptstadt geboren. Und genau das ist das Problem. Zu viele Geburten, zu wenig Hebammen. Deshalb haben die Geburtshelferinnen der Charité und des landeseigenen Klinikkonzerns „Vivantes“ zum Arbeitsausstand aufgerufen.

„Sie kämpfen für Entlastung und bessere Arbeitsbedingungen“, sagt Andrea Ramsell, Präsidiumsmitglied des Deutschen Hebammenverbands. Die Arbeitsbedingungen in den Kliniken von Vivantes oder Charité seien katastrophal. „Die Kolleginnen haben unzählige Überstunden. Sie sind in ständiger Bereitschaft“ erklärt Ramsell im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Auch an ihren eigentlich freien Tagen werden sie angerufen und um Hilfe gebeten. Dabei bräuchten sie die Erholung.“

In einer Studie des Bundesgesundheitsministeriums aus dem vergangenen Jahr gaben lediglich 2 Prozent der Hebammen an, dass sie ihre gesetzlich vorgeschriebene Pause nehmen können. „Hier geht es nicht darum, nur zehn statt 30 Minuten zu entspannen. Es geht darum, dass sie in acht oder zehn Stunden nicht einmal Zeit haben, auf die Toilette zu gehen“, Ramsell.

Der Studie zufolge überlegen 43 Prozent der Hebammen, die Arbeitszeit wegen der Belastung zu reduzieren. Dabei arbeiten bereits heute 85 Prozent der Hebammen in Teilzeit. 28 Prozent erwägen sogar die vollständige Aufgabe ihres Jobs. Die Hebammen fühlen sich überfordert.

Eine von ihnen ist Ramona Steinweg. Sie arbeitet in einer Klinik in Berlin-Neukölln. Bis zu fünf Frauen gleichzeitig bei der Geburt zu begleiten, sei inzwischen völlig normal, berichtet Steinweg dem RND. „Eigentlich ist das unmöglich. Wir können nicht in mehreren Räumen gleichzeitig sein.“ Zufrieden ist sie am Ende des Tages fast nie. „Ich kann den Frauen nicht gerecht werden.“

Vivantes will Studiengang für Hebammen anbieten

Klinikbetreiber Vivantes räumt die Personalnot ein, verweist aber auf Probleme bei der Rekrutierung. „Der bundesweite Fachkräftemangel in Gesundheitsberufen betrifft in besonderem Maße die Hebammen und Entbindungspfleger“, sagt der Vorsitzende der Vivantes-Geschäftsführung, Johannes Danckert.

Vivantes bilde seit Jahren Hebammen aus, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken. Ab dem Wintersemester 2021 soll in Kooperation mit der Charité der Hebammenstudiengang angeboten werden. „Mit der Akademisierung wird der Beruf für Kolleginnen und Kollegen an Attraktivität gewinnen, wovon auch die Vivantes Geburtskliniken profitieren können“, hofft Danckert.

Ein Säugling liegt in seinem Bett. Bis zu fünf Frauen gleichzeitig bei der Geburt zu begleiten, sei inzwischen völlig normal, berichtet eine Hebamme.

Hebammenvertreterin Ramsell lässt diese Argumente nicht gelten. Arbeitskräftemangel gebe es eigentlich nicht, sagt sie. „Der Beruf der Hebamme ist beliebt. Wir haben mehr Bewerber als Ausbildungsplätze.“ Doch wegen der Arbeitsbedingungen würden viele Auszubildende bereits nach ihrem ersten Jahr in der Klinik zurückschrecken. Dabei sei die Geburtenbetreuung für viele Hebammen eigentlich das Herzstück ihres Jobs.

FDP: Bund soll Krankenhäuser besser finanzieren

Die gesundheitspolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, Christine Aschenberg-Dugnus, fordert eine bessere Finanzierung der Krankenhäuser durch den Bund. „Der Streik der Hebammen kann als ein Ergebnis der unzureichenden Reform von Minister Spahn betrachtet werden“, sagt sie dem RND. „Um das Ziel der 1:1 Betreuung zu erreichen, möchten wir eine Entlastung von fachfremden Tätigkeiten sowie eine bessere Finanzierung der Krankenhäuser durch den Bund, damit mehr Stellen geschaffen werden.“

Hebamme Ramona Steinweg geht noch einen Schritt weiter: Sie will grundlegende Veränderungen im Gesundheitssystem. „Solange Krankenhäuser profitorientiert arbeiten müssen, wird es Personalmangel geben. Denn Personal ist der größte Kostenfaktor in einer Klinik.“

Notfallbetreuung hält Klinik am Laufen

Der Streik versetzt werdende Mütter und Väter in Sorge, schließlich interessieren sich Babys wenig für Arbeitskämpfe in Kliniken. Wenn die Zeit reif ist, kommen sie zur Welt – Streik hin oder her.

„Wir haben eine Notfallbetreuung organisiert“, erklärt Hebamme Ramona Steinweg. Geplante Eingriffe nehmen die Hebammen zurzeit nicht an. Auch Termine werden nicht vergeben. „Wenn eine Frau mit Wehen kommt, versorgen wir sie aber natürlich.“ Auf ihrer Station in Neukölln arbeiten aktuelle während des Streiks in jeder Schicht zwei Hebammen. Teilweise sei das schon die Normalversorgung.

Andrea Ramsell findet es bemerkenswert, dass ihre Kolleginnen jetzt auf die Straße gehen. „In meinen 27 Jahren als Hebamme habe ich noch keinen Streik erlebt. Das gibt es eigentlich nicht. Die Kolleginnen reißen sich lieber ein Bein aus, als dass sie die Frauen alleine lassen. Doch die Arbeitsbedingungen zwingen sie mittlerweile zum Streik. Das kann niemand aushalten.“ Deshalb gehen die Hebammen am Samstag erneut auf die Straße. Ab 12 Uhr starten sie gemeinsam mit den Pflegekräften auf dem Hermann-Platz in Berlin.

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