Start day-news Das Kunst-Universum von Silvia Klara Breitwieser: Schwanken fördert die Balance - Kultur

Das Kunst-Universum von Silvia Klara Breitwieser: Schwanken fördert die Balance – Kultur



Nanu, schon Ostern? Samt stählerner Dornenkrone mit halb abgebrannten Kerzen in Eiform darauf? Die Künstlerin Silvia Klara Breitwieser lacht. Vor ein paar Tagen kamen ihre Enkel zu Besuch. Da hat sie in ihrer Atelierwohnung in Moabit schon mal vorgefeiert. Und eins ihrer Readymades – eine fest gewickelte Rolle Stacheldraht – als Tischdeko verwendet. „Wendekränze“ nennt sie die erstmals 1990 gefertigten Objekte in Anlehnung an den Fall der deutsch-deutschen Grenze.

Den Draht entdeckte sie im Baumarkt. „Dass er Nato-Draht hieß, löste bei mir sofort Assoziationen aus.“ An Flieger, die bedrohlich über die Bergwiesen donnern. Die Bildhauerin ist Jahrgang 1939, ein Kriegskind, das drei Jahre in der österreichischen Evakuierung verbrachte. So was prägt. „Da bringt man das ganze Leben eine produktive Skepsis mit.“ Vor ein paar Tagen erst ist ihr eine neue Symbolik für die Drahtrollen eingefallen: als Coronavirus-Krone.

Erinnerungen, Geschichte, Gewebe, Schichten – das sind wichtige Begriffe im künstlerischen Universum von Silvia Klara Breitwieser. Nachzulesen sind sie in „Das andere Buch der Dinge“, einem soeben erschienenen Katalogbuch, das nach ihrer jüngsten Retrospektive im Kunstmuseum Marburg und einer weiteren, die 2020 in Potsdam stattfand, einen Überblick über die erstaunliche Bandbreite ihrer fünf Jahrzehnte als Konzeptkünstlerin gibt. Ton, Stein, Torf, Tuch, Metall, Installation, Fotografie. Vor dieser zierlichen, eleganten Frau, die da inmitten hoher Bücherregale und eigener Arbeiten sitzt und mit ihrem Reichtum an Geschichten auch als Person das Zeitzeugnis ihrer Kunst verkörpert, ist kein Material sicher. Das Experimentieren mit verschiedenen Werkstoffen sei ihr ureigentliches Ding, sagt sie. „Das ist die Kinderseele in mir.“

Gefangen im Hausfrauen-Ghetto: Da schaffte die Freiheit

Eine Kinderseele, die sich mit der Freude an intellektuellen Sprachgebilden paart, die sie in künstlerischen Manifesten, Textarbeiten und der Partnerschaft mit ihrem verstorbenen Mann, dem FU-Soziologen und Philosophen Dietmar Kamper pflegte. Dass sich die Apothekerstochter aus Krefeld, die zuvor Literatur und Philosophie studierte, im vom Gatten zu Beginn der Ehe erwünschten Hausfrauenghetto heftig langweilt, bereitet ihrem zweiten Studium an der Kunstakademie Kassel den Weg. Aus schierer Verzweiflung habe sie mit dem Modellieren von Tonköpfen angefangen. „Ich suchte eine Schöpferkraft, die Kopf, Hand und Fuß hatte.“ Und erregt in den Siebzigern und Achtzigern Aufmerksamkeit durch ihre großartigen Tonskulpturen, die die alltägliche Windelwelt der Mutterschaft abstrahieren. Auch in Berlin, wo ihre weißen Steinwindeln (1980/81) im Skulpturengarten am Funkturm zu sehen sind.

Am Thema Weiblichkeit und Geschlechter hat sich Silvia Klara Breitwieser immer wieder abgearbeitet. Auch in Gestalt von Eisenskulpturen wie „Adam und Eva“ (1990/2020), die den Wendenkränzen an Stacheligkeit nicht nachstehen. Gott sei Dank sind die Zeiten vorbei, als ihr Galeristinnen erklärten, eine Mutter könne niemals eine vollwertige Künstlerin sein. Die sei ja ständig abgelenkt. „Deswegen habe ich beim Beantragen von Künstlerinnenförderung sogar mal die Kinder unterschlagen!“

Umstritten die Schau zu 750 Jahre Berlin: „Da sind ja Torten geflogen!“

In Berlin, wohin sie 1979 mit der Familie zieht, macht sie aber auch durch ihre Beteiligung an der Freiluftschau „Mythos Berlin“ Furore. Die zur 750-Jahrfeier der Stadt 1987 auf dem Gelände des alten Anhalter Bahnhofs eröffnete Ausstellung erntet durchwachsene Kritiken. Gelinde gesagt. Sie wird als verkopft und verkracht empfunden. „Da sind ja Torten geflogen!“, amüsiert sich Breitwieser. Gegenüber von Wolf Vostells „Lokomotive“ baut sie ihr 35 mal 30 Meter großes, an antike Foren anknüpfendes „Torf-Forum“, das Bazon Brock eröffnet. Dass Breitwieser 1982 Torf als „vegetatives Material“ für sich entdeckt und zehn Jahre lang Skulpturen daraus baut, finden Nachwuchskünstler heute nachhaltig und hip.

Schöpferin. Silvia Klara Breitwieser, Jahrgang 1939, vor ihrer Metallskulptur „Adam und Eva“ (2008/2020).Foto: Sebastian Rost/PNN

Ihre „Mein Anti-Bauhaus“ genannten Torfmöbel hat sie für die Retrospektiven um ein Regal mit Torfbüchern ergänzt. „Torf arbeitet gegen den Ewigkeitswahn der Bildhauerei“, sagt sie. Da fühlt man sich doch gleich berufen, mal das Torfbuch zu befühlen, das vor Breitwiesers Bücherregal auf einem Tischchen steht. Meine Güte, ist der Klotz leicht! Dazu rau und porös, in steter Bröselbereitschaft. „Wir stehen auf schwankendem Boden“, fasst die Bildhauerin ihre Faszination für den vergänglichen Stoff zusammen, in dessen Schichten vermoderter Pflanzenreste sich die Jahrhunderte ablagern. So wie im Berliner Stadtraum von damals und heute. Für eine Frau, deren Motto „Sicherheit ist ein destruktives Ideal“ lautet, ist das übrigens ein guter Befund. „Schwanken fördert das Gefühl für Balance.“

Ein Zinksarg soll nach und nach ihr digitalisiertes Werk aufnehmen

Kunst im öffentlichen Raum wird – auch im Ausland – eine Zeit lang die Spezialität von Silvia Klara Breitwieser. Sehr bekannt ist ihr zwischen Berlinischer Galerie und Jüdischem Museum installierter Straßenschilderwald. Die „Musen- und Museumsbotschaften“ (1996/97) mit Künstlerzitaten wie „Trau deinen Augen“, „Beziehungen schaffen / Am liebsten zwischen allen Dingen der Welt“, was auch von Breitwieser selbst stammen könnte, gehört inzwischen der Berlinischen Galerie und ist damit untergebracht.

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Im Gegensatz zu den vielen Quadratmetern Kunst, die Breitwieser seit 1995 auch in ihrem großen Arbeitsraum im Atelierhaus Panzerhalle bei Potsdam geschaffen hat. Zusammen mit der Atelierwohnung und weiteren Kellerräumen kommt da einiges an Quadratmetern zusammen. Bildhauer-Nachlässe seien ein Horror für die Kinder, seufzt sie. „Es ist ja alles dreidimensional.“ Wobei Breitwieser auch gerne fotografisch und in Serie arbeitet. „Grüße von der Grenze“ (1990-2017) heißt ihre Erkundung der Sacrower Heilandskirche, deren mit Sprüchen bekritzelte Arkaden bei ihr zu surreal-sakralen Fotocollagen zusammenschnurren, die sie „Vexierbilder/Wendebilder“ nennt.

[Silvia Klara Breitwieser: Das andere Buch der Dinge. Res publica (II), Verlag Art in Flow, Berlin 2021, 248 S., 38 €]

Die Tatsache, dass die Werke so endlich sind wie das Leben und deshalb für die Nachwelt dokumentiert, gesichert und gespeichert gehören, treibt Silvia Klara Breitwieser nicht erst um, seit sie die 80 überschritten hat. Im „Anderen Buch der Dinge“ ist auch ihr Sarg-Projekt (2018/2020) dokumentiert. Ein Zinksarg, in dem schon einige Festplatten und USB-Sticks lagern, und der nach und nach das digitalisierte Werk der Künstlerin aufnehmen soll. So es sich denn digitalisieren lässt, was bei Skulpturen ja nur eingeschränkt in Form von Filmen und Fotos funktioniert.

Das Manifest, das sie 2019 dazu verfasst, beginnt so: „Die Zukunft der Bildenden Kunst wird ätherisch sein oder sie wird nicht mehr sein.“ Viele Künstler kapierten einfach nicht, sagt die Bildhauerin, dass nichts bliebe von ihrer Kunst. Dass Werke und Werte bestenfalls in die Clouds eingingen. Die wiederum sind digitale Datengewebe. Und damit wieder ein neues Material in Silvia Klara Breitwiesers Gespinst.

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