Start day-news Bundestagswahl 2021 im TV: Eine Chronik des Wahlabends

Bundestagswahl 2021 im TV: Eine Chronik des Wahlabends


Was haben ein deutscher Wahlabend und eine tibetanische Meditation gemeinsam? Beide beginnen mit einem Gong und enden Stunden später in Schweigen. Um 18 Uhr prognostizieren ARD und ZDF den 60,4 Millionen Wählerinnen und Wählern im Land üblicherweise, wie sie gewählt haben dürften. Und dann ist die Luft raus. Piff. Der Rest des Abends besteht in Variationen des Satzes „Jetzt warten wir mal in Ruhe ab“.

Nicht so bei der Wahl 2021. Lange war eine Bundestagswahl nicht mehr ein solcher „Nailbiter“, wie man im angelsächsischen Spannungsfernsehen einen Thriller nennt. Meditation? Weit gefehlt.

Die Chronik des Wahlabends

17.13 Uhr: Die ZDF-Reporterin bei der Berliner Landes-CDU spricht versehentlich von „Martin Laschet“, verbessert sich aber schnell: „Äh … Achim Laschet.“ Natürlich. Kann passieren. ARD-Zahlenfuchs Jörg Schönenborn wirkt zu jeder Tageszeit, als sei es bereits 5 Uhr morgens. Er wischt zur Probe über seinen Touchscreen. Die ARD schaltet schon jetzt zu ungefähr 38 Korrespondenten. Weil sie es kann.

17.24 Uhr: Thomas Gottschalk, der große alte Mann der Politberichterstattung, verrät beim ambitionierten Newcomer Bild TV (Marktanteil: 0,1 Prozent) wortreich nicht, wen oder was er gewählt hat. Politexperte Oliver Pocher kommentiert den Stimmzettel-Fauxpas von Laschet: „Das war dumm.“ Substanzieller wird es an diesem Abend an diesem Ort nicht mehr.

17.28 Uhr: Bei Kabel 1 läuft „Schrauben, Sägen, Siegen – das Duell“. Trotz des missverständlichen Titels: Es ist keine Wahlsendung. Robin Alexander, Vizechef der „Welt“, vermutet im Sender Welt, dass die Wähler erst spät realisiert hätten, dass Angela Merkel tatsächlich nicht mehr antritt. „Welt“-Chefredakteur Ulf Poschardt hat aus Mangel an Geduld gar nicht gewählt: „Die Schlange war zu lang.“

17.40 Uhr: Der ARD-Reporter auf der CSU-Wahlparty scherzt, hier gelte die „3B-Regel“: „Bier, Bratwurst und Blasmusik“. Im ZDF schaltet man um auf Erregungsroutine. Es werde jetzt bald spannend, heißt es. Moderatorin Bettina Schausten verzieht vor Aufregung keine Miene.

17.58 Uhr: „Jetzt wird’s hier richtig, richtig spannend“, sagt Schausten. Im Ersten ist auch Schönenborn im Rahmen seiner Möglichkeiten erregt: „So etwas gab’s noch nie!“, verspricht er Sekunden vor der 18-Uhr-Prognose. Die Zahlen, die dann herabregnen, sind wie ein schlechtes Skatblatt: nicht Fisch, nicht Fleisch. Es sind schlechte Zahlen für all jene, die aus dieser Bundestagswahl ein spannendes, mehrheitsfähiges (und mehrstündiges) Fernsehereignis machen müssen. Unklarheit ist Gift für das TV-Geschäft, wo man alles jetzt! sofort! ganz genau! wissen will. Es wird der „Lange Abend des ‚hätte, würde, könnte‘“. Immerhin meldet RTL um 18 Uhr ein klares Ergebnis: Stabile 240 Prozent (!) für die CDU/CSU. So könnte man durchaus regieren. Leider handelt es sich um einen Grafikfehler.

18.08 Uhr: CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak sagt in der ARD tapfer: „Für uns als Partei gilt ein Credo: Erst das Land, dann die Partei. Es gibt jetzt eine Chance für eine Zukunftskoalition.“

18.12 Uhr: CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak sagt im ZDF tapfer: „Für uns als Partei gilt ein Credo: Erst das Land, dann die Partei. Es gibt jetzt eine Chance für eine Zukunftskoalition.“

18.27 Uhr: AfD-Spitzenmann Tino Chrupalla ist auch angesichts der Verluste für seine Partei „sehr zufrieden“ und schimpft über die „mediale Berichterstattung“. Im ZDF sagt ein Politologe, die anstehenden Verhandlungen setzten „viel Klugheit voraus“. Unklar, was das für das Land bedeutet. Autor Christian Huber fragt bei Twitter: „Ob die Amis gerade auch so krass bei uns mitfiebern?“ Von der SPD noch keine Spur. Wo steckt Olaf Scholz? Oder wenigstens Saskia Esken?

18.40 Uhr: Kurze Schockstarre bei der Meldung „Trump erklärt sich zum Sieger der Bundestagswahl“. Doch es war nur das Satireportal „Der Postillon“. Bei der Wahlparty der Berliner Linken (Einzug in den Bundestag über Stunden offen) im Karl-Liebknecht-Stadion in Potsdam-Babelsberg spielt der DJ laut „Nordkurier“ das Lied „Halt die Fresse, ich will saufen“. Textauszug: „Nun sitz’ ich hier schon seit Stunden / und hör mir deine Scheiße an / und langsam beschleicht mich das Gefühl, / dass ich das nicht mehr länger ertragen kann.“

18.50 Uhr: Grünen-Chefin Annalena Baerbock glüht auf allen Kanälen, in der ARD sogar komplett mit Ton, im ZDF wenigstens im Bild. Aber dann unterbricht Armin Laschet Baerbocks Euphorie mit einem Spontanauftritt. Es sei ein „besonderer Wahlabend“, sagt er zutreffend und möchte tatsächlich gern Kanzler werden.

Annalena Baerbock bei der Wahlparty von Bündnis 90/Die Grünen. © Quelle: Kay Nietfeld/dpa

18.58 Uhr: ARD-Reporter Moritz Rödle hat sich erkundigt: SPD-Chefin Saskia Esken ist unauffindbar, sie stehe derzeit auch nicht an der Currywurstbude nebenan, er habe das im Blick. Schönenborn spricht vom „personalen Strahlen des Olaf Scholz“. Er klingt ein bisschen neidisch.

19 Uhr: Ganz mieses Timing: Im ZDF beginnen die „heute“-Nachrichten exakt in dem Moment, in dem SPD-Spitzenkandidat Olaf Scholz und FDP-Chef Christian Lindner gleichzeitig live an verschiedenen Orten auftreten. Neben Scholz steht Esken. Ohne Currywurst. „Aber Wahlsieger ist Olaf Scholz noch nicht“, tadelt ARD-Hauptstadt­studiochefin Tina Hassel hinterher streng.

Kloeppels Touchscreen versagt den Dienst

19.35 Uhr: Linke-Geschäftsführer Jan „Klartext“ Korte eskaliert im ZDF: „Das Ergebnis ist in jeder Hinsicht beschissen“, pampt er. „Das ist ein katastrophales Ergebnis, und dass es so schlecht wird, hätte auch ich nicht für möglich gehalten. Was haben wir versemmelt?“ Politische Unterzuckerung? Post-Wahlkampf-Frust? Ein geheimes Wahrheitsserum im Rotkäppchen-Sekt auf der Wahlparty? Wie auch immer: Der Zorn über die plus/minus 5 Prozent sind die ehrlichsten 18 Sekunden des Wahlabends. Was Zahlen-Maestro Schönenborn nicht verrät: Die größten Wählerwanderungen für die Linke verzeichneten die Wahlforscher gleich im Anschluss an die 18-Uhr-Prognose – und zwar vom Fernseher direkt in die Kneipe.

19.44 Uhr: „Kein normales Mitglied der CDU sagt zu diesem Ergebnis: super!“, sagt CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak im Kleinstsender Bild TV und bemüht sich dann vergeblich um neutrale Mimik bei dem Satz: „Viel Spaß heute Abend noch.“ Es klingt wie: „Herrgott, wer holt mich hier raus?“ Was wohl die Kanzlerin sage zu Laschets Ergebnis, fragt sich Thomas Gottschalk. „Ich habe damals doch auch ‚Wetten, dass …?‘ geguckt, als der Lanz das moderiert hat!“

19.53 Uhr: „Wir sind hier nicht bei ‚Wünsch Dir was‘!“, erinnert Ingo Zamperoni im Ersten und erhöht damit die Chancen auf einen schnellen Sieg im Polit-Bullshit-Bingo. Bei RTL klemmt Peter Kloeppels Touchscreen: „Hab ich was am Finger?“ Dabei hat sich RTL vorgenommen, mit Kloeppel und Neuzugang Pinar Atalay richtig seriös herüberzukommen.

20.15 Uhr: Die „Elefantenrunde“ bei ARD und ZDF beginnt. Über Jahrzehnte war das eine friedliche Versammlung ehrbarer Dickhäuter der Bonner Republik mit noch dickeren Brillengläsern (mit einer Ausnahme: als ein glücksbesoffener Gerhard Schröder 2005 dem zwischenzeitlichen Wahnsinn anheimfiel). Diesmal ist die „Berliner Runde“, wie sie offiziell heißt, eher ein passiv-aggressives Speeddating inklusive schamlosen Schönredens. Höhepunkt: „Ich habe großen Respekt vor Armin Laschet“, behauptet Markus Söder in Anwesenheit des Angesprochenen und zuckt mit keiner Wimper, als glaube er sich selbst. Warum gibt es diese Sendung? Niemand weiß es mehr.

Das Wahlstudio des ZDF bei der „Berliner Runde“ zur Bundestagswahl. © Quelle: Sebastian Gollnow/dpa-Pool/dpa

20.52 Uhr: AfD-Frontfrau Alice Weidel behauptet in der ARD: „Völkisch-national, das gibt es bei uns nicht.“ Im Übrigen werde die AfD „weitermachen mit einer guten, konstruktiven Opposition“. Auch hier zuckt nichts. Rückfragen: Leider keine. Die beiden Moderatoren Peter Frey (ZDF) und Rainald Becker (ARD) arbeiten redlich ihre Fragen ab und vermeiden jede übertriebene Zeitgeistanbindung.

21.10 Uhr: Bei RTL erzählt Hundetrainer Martin Rütter der RTL-Klatschexpertin Frauke Ludowig, wie ihm die Wahl gefiel. „SPD und Grüne stehen sich nah“, erläutert Politexpertin Laura Karasek („Genial daneben – das Quiz“). Der Youtuber Leeroy Matata soll beantworten, ob „die Jugend“ Scholz cool finde. Seine Antwort: „In dem Alter haben alle Männer graue Haare.“ Politexperte Nikolaus Blome guckt sparsam.

21.21 Uhr: „Der Wahlkampf interessiert mich jetzt schon gar nicht mehr“, sagt Grünen-Chef Robert Habeck in einer Extraausgabe der ARD-„Tagesthemen“. Er lächelt spitzbübisch. Caren Miosga lächelt zurück.

22.01 Uhr: Die SPD habe von der Linken „saftig abgezapft“, sagt Schönenborn mit Blick auf die Wählerwanderung in einem seltenen Anfall von Emotionalität. Bei der Umdeutung von Wahlniederlagen in Triumphe setzt vor allem Söder neue Maßstäbe. Die Wähler wollten nach 16 Jahren eine Veränderung – deshalb solle die Union eine Regierung bilden, sagt er. Noch immer zuckt seine Wimper nicht. Keine Spur mehr von Saskia Esken.

22.39 Uhr: Ewig fließen die Zahlen. Wieder zeigt sich, dass die Tortengrafik, anders als ihre Namensgeberin, trockene Fernsehrohkost von begrenztem Charme und geringem Gehalt ist. Die Zehntelprozente verschieben sich ohne nennenswerte technische Pannen, die Stunden verrinnen. Zahlendatenfakten. Das Personal ist bei allen Sendern im Kern das gleiche: ein seriöser Zahlenonkel, ein jovialer Ballverteiler als menschliches Scharnier zwischen den Schauplätzen, eine Handvoll aufgeregter Parteizentralenreporter. Im Gegensatz zu den grafischen Explosionen und weingummifarbenen 3-D-Balken und ‑Hologrammen der US-Konkurrenz bei Präsidentschafts­wahlen ist das deutsche Wahl-TV doch immer noch Volkshochschul­fernsehen.

22.42 Uhr: „Das Ergebnis ist nicht egal“, analysiert CDU-Parteivorsitz­exmitbewerber Norbert Röttgen bei „Maybrit Illner“ völlig zutreffend. Eine erfreuliche Haltung angesichts einer demokratischen Wahl. Man stehe jetzt vor „enormen Herausforderungen“. Wer hätte das gedacht?

23.35 Uhr: Bei Kabel 1 läuft inzwischen „Abenteuer Leben am Sonntag“. Denkbar, dass der Sendungstitel exakt das derzeitige Lebensgefühl von Olaf Scholz und Armin Laschet trifft. Saskia Esken wird wieder vermisst.

Lang, sehr lang wird ein solcher Wahlabend, wenn im Kern über Stunden darüber gesprochen wird, worüber in Bälde dann vielleicht gesprochen werden sollte und mit wem eventuell. Die Versuche von RTL und Sat.1, wenigstens ein paar Funken aus diesem groben Klotz namens Bundestagswahl zu schlagen, liefen aber ins Leere. Man müsste sich mal entscheiden, ob man sich als Privatsender an einem solchen Abend nicht vollständig der neu entdeckten Seriosität verschreibt, statt eine koffeinarme Mischung aus Kloeppel und Killefitz anzubieten.

Bei ARD und ZDF moderiert man derlei Wahlabende seit Jahrzehnten mit stabilem Ruhepuls sauber herunter – ohne nennenswerte dramaturgische Aktualisierungen. Und mit der Devise „Ein bisschen Zukunft, aber nicht zu viel“ liegt man offenbar exakt im Wohlfühlbereich des Zuschauers. Denn am Ende sagt das Wahlergebnis von 2021 auch nichts anderes als die mediale Gestaltung öffentlich-rechtlicher Wahlabende: Hauptsache, es tut nicht weh.

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