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Artenschutz in China: „Elefanten-Kantinen“ und Frühwarnsysteme




Weltspiegel

Stand: 10.10.2021 04:47 Uhr

Asiatische Elefanten sind in China geschützt. Doch den Bewohnern der Provinz Yunnan machen sie das Leben schwer: Auf der Suche nach Futter fallen sie sich über Dörfer und Ernten her – und niemand darf sie aufhalten.

Von Daniel Satra, ARD-Studio Peking

In den Wäldern der Provinz Yunnan leben mittlerweile 300 Wildelefanten. Einst waren es nur 80 Tiere, jetzt ist spürbar, dass im Naturreservat die Futterpflanzen knapp sind. Ein Mitarbeiter im Reservat zeigt ein Video mit 20 Elefanten beim Baden im Fluss, darunter drei niedliche Elefantenbabys. Der Nachwuchs freut auch Wildhüter Ze De, doch er kennt auch die Risiken: Hungrige Elefanten bedrohen die Dörfer, fressen den Landwirten die Felder leer.

Daniel Satra

Daniel Satra
ARD-Studio Peking

Deshalb haben sie am Rand einiger Siedlungen Pufferzonen eingerichtet. Sie nennen sie „Elefanten-Kantinen“, wo extra Futterpflanzen angebaut werden, erklärt Ze De: „Wir haben dort Lieblingspflanzen der Elefanten wie Bambus, Banane, Bambuspalmen und Maulbeeren angepflanzt. Hinter dem Wald kommt noch eine doppelt so große Fläche. Insgesamt 26 Hektar.“ Während die Tiere in diesen „Kantinen“ futtern, können sich die Menschen im Dorf in Sicherheit bringen.

Artenschutz und Landwirtschaft in China

Daniel Satra, ARD Peking, Weltspiegel 19:20 Uhr, 10.10.2021

200 Kilo Nahrung braucht ein ausgewachsener Asiatischer Elefant am Tag. Je mehr Tiere es gibt, desto größer der Druck auf die Nachbardörfer des Reservats. Denn Zäune gibt es nicht: Um gegen die großen Tiere etwas auszurichten, müssten sie hoch und massiv sein – und das wäre nicht artgerecht.

Wildhüter Ze De besucht Freunde in einem Dorf. Alle von ihnen bewirtschaften Felder und jeder musste schon Ernteschäden hinnehmen. Dao Facang zeigt ein Dutzend Elefanten auf seinem Handy. Er hatte sie aus sicherer Entfernung gefilmt, als er eines Morgens zu seinem Feld kam. „Aber was kann ich tun, die Tiere sind eine bedrohte Art und geschützt“, sagt der Dorfbewohner. Die Provinzregierung zahlt für Ernteschäden – ob das immer reicht, wollen sie uns hier im Dorf nicht sagen.

Yang Weijie lebt auch von der Landwirtschaft, setzt aber mittlerweile auf Pflanzen, die Elefanten nicht interessieren: „Wir mussten uns ja irgendwann anpassen. Jetzt haben wir Tee, Gummi- und Obstbäume. Davor kamen die Elefanten jeden Tag, um hier zu fressen.“

Ein Dorfbewohner in der Präfektur Xishuangbanna zeigt ein Video mit Elefanten, die ein Feld plündern.

Bild: Daniel Satra

Eine Kamerawand hat die Elefanten im Blick

In der Hauptstadt der Präfektur Xishuangbanna arbeiten sie in einem Institut des Naturreservats am Schutz der Dörfer. Institutsleiter Guo Xianmin zeigt uns eine Videowand, an der 600 Kameras auf einer Landkarte des Elefantengebiets verzeichnet sind. „Die Wildelefanten hier fühlen sich von Menschen bedroht, so dass sie diese oft angreifen. Das führt zu Verletzten und auch zu Toten“, erklärt er. „Um die Menschen in den Dörfern über herannahende Elefanten zu informieren, haben wir dieses Warnsystem aufgebaut.“

Die Kameras funktionieren auch nachts und die Software des Systems erkennt Elefanten sogar, wenn sie nur zum Teil auf dem Foto sind – es reicht ein Bein, ein Ohr oder eine Po-Backe. Sobald eine Kamera einen Elefanten erfasst, bekommen alle in den nahegelegenen Dörfern eine Warn-Nachricht auf ihre Handys. Beim Institut freut man sich über den Erfolg: Die Menschen seien jetzt sicherer und könnten den Elefanten aus dem Weg gehen.

Guo Xianmin zeigt die Standorte der Kameras im Elefantengebiet.

Bild: Daniel Satra

Wie Elefantenschutz und Bürgersicherheit verbinden?

Das Grundproblem werde so jedoch nicht gelöst, sagt Zhou Jinfeng von der Stiftung „China Biodiversity Conservation“ in Peking. „In Yunnan gibt es vier voreinander getrennte Reservate für Elefanten. Sie sollten verbunden werden, so dass für die Tiere ein größerer Lebensraum entsteht“, sagt Zhou. Yunnan sei schließlich eine große Provinz. Den Elefanten mehr Fläche zu überlassen, würde für die Menschen dort mehr Sicherheit garantieren: „Elefantenschutz und die Interessen der Menschen müssen kein Widerspruch sein.“

Menschen wie Zhou Jinfeng finden, dass Artenschutz in größerem Maßstab gedacht und umgesetzt werden muss. Nur so könne die Artenvielfalt auf lange Sicht erhalten bleiben. Den Dorfbewohnern in den Elefantengebieten im Süden Yunnans bleibt vorerst nur, weiter auf der Hut zu sein vor ihren dicken und hungrigen Nachbarn.

Diese und weitere Reportagen sehen Sie am Sonntag, 10.10.2021 in der Sendung „Weltspiegel“ um 19.20 Uhr im Ersten.

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