Start day-news Anonyme Anzeigen wegen Kindeswohlgefährdung in Vorpommern-Greifswald

Anonyme Anzeigen wegen Kindeswohlgefährdung in Vorpommern-Greifswald


Seit 2019 ist in Vorpommern-Greifswald ein deutlicher Anstieg der Meldungen von Kindeswohlgefährdungen zu verzeichnen. Das ergab eine statistische Auswertung des Kreises. Gingen 2018 noch 743 Meldungen ein, stieg die Zahl 2019 auf über 1100. 2020, zur letzten vollständigen Erhebung wurden 977 Verdachtsfälle von Kindeswohlgefährdung gemeldet.

Etwa jede vierte Meldung kommt von der Polizei, Staatsanwaltschaft und/oder Gerichten. Einen immer größeren Anteil nehmen dabei auch anonyme Meldungen ein. Jeder fünfte Hinweis auf eine mögliche Gefährdung des Kindeswohls erreicht die Behörde auf diesem Weg.

Mehr Meldungen führen zu mehr Fällen

Die deutliche Zunahme der Meldungen haben auch zu mehr Fällen geführt, in denen Mitarbeiter des Jugendamtes eingreifen mussten. Das sei laut Bericht nicht unbedingt ein logischer Zusammenhang. Bei den Meldungen könnte es sich auch um eine höhere aber falsche Sensibilität handeln.

Lag der Anteil an Fällen, bei denen keine Kindeswohlgefährdung erkannt werden konnte und auch kein Hilfe- oder Unterstützungsbedarf gesehen wurde, noch bei 40 Prozent, ist der Wert in den Jahren 2019 und 2020 auf 38,9 und 35,4 Prozent gesunken. Zum Vergleich: Die Zahl der vom Amt bestätigten Gefährdungen des Kindeswohls stieg von 2018 bis 2019 von 9,4 auf 13,7 Prozent. 2020 waren 13,3 Prozent aller Meldungen tatsächliche Kindeswohlgefährdungen. Alarmierende Zahlen.

In der Hälfte der Fälle, die in den vergangenen drei Jahren eingegangen sind, erkennen die Jugendarbeiter Hilfsbedarf, jedoch keine Kindeswohlgefährdung. Diese liegt laut Definition erst vor, wenn eine gegenwärtige oder unmittelbar bevorstehende Gefahr für die Entwicklung des Kindes zu erkennen ist. Diese kann das körperliche, geistige oder auch das seelische Wohl des Kindes betreffen.

Fall Leonie änderte die Sicht der Bevölkerung

Anfang 2019 erschütterte der Fall der kleinen Leonie aus Torgelow den Kreis und ganz Deutschland. Das Mädchen wurde im Januar des Jahres tot in der Wohnung der Mutter und des Stiefvaters gefunden. In einem medienwirksamen Prozess gegen ihn wurde der Stiefvater wegen Mord durch Unterlassung verurteilt. Das Gericht stellte fest, dass David H. sowohl Leonie, als auch ihren kleinen Bruder misshandelt habe. Aktuell läuft eine zweite Revision.

Laut Kreis sei der fast ein Jahr dauernde Prozess vor dem Landgericht Neubrandenburg ein Grund für die Zunahme der Meldungen. Die Bevölkerung gehe seit dem vor allem im Süden des Kreises mit wacheren Augen durch den Tag.

Während die Werte über die Jahre im Greifswalder Bereich fast gleich geblieben seien, habe die Zahl der Meldungen zwischen 2018 und 2019 am Standort Pasewalk um 200 und im Bereich Anklam um 116 Fälle zugenommen. Der Fall Leonie hatte auch direkte Auswirkungen auf die ambulante, teilstationäre und stationäre Hilfe. 2019 hat sich das Angebot annähernd verdoppelt.

Die Angst vor der Wirkung der Pandemie

Träger und Jugendarbeiter warnen auch im Kreis vor den negativen Wirkungen der Pandemie auf die Arbeit der Jugendhilfe. Yvonne Görs (die Linke) leitet den Jugendhilfeausschuss des Kreises, arbeitet selbst in der Branche. Sie klagt an, dass die Jugendarbeit schlicht keine Lobby habe und auf Landesebene zu lange gezögert wurde. „Es hieß von jetzt auf gleich, dass die Kinderhäuser schließen müssen, danach kam ewig nichts.“ Die Landesregierung habe zu lange mit einer Lösung gewartet, die Vorschläge waren da. „Wir hätten gerne eine mobile Einzelbetreuung gemacht“, erklärt Görs. Bald kann die Arbeit mit festen Gruppen von maximal fünf Personen im Freien wieder beginnen. Görs und ihre Kollegen warten nur noch auf etwas mehr Sonne, um wieder durchstarten zu können.

Sie erkennt auch an, dass seit dem Fall Leonie viel beim Jugendamt im Kreis passiert sei. Das Problem liege eher in der Natur der Sache. Die Behörden könnten oft erst eingreifen, wenn es schon passiert ist. Kindeswohlgefährdung ist kaum präventiv zu verhindern. Deswegen sei die Arbeit der Jugendeinrichtungen und Kinderhäuser so wichtig.

Das sieht auch die Vorsitzende des Kinderschutzbundes in Greifswald Angela Leddin so. Sie bedauert die pandemiebedingten Schließungen sehr. Sie spricht von einem „Totalverlust“, den einige Kinder in den vergangenen Monaten erleben mussten. Auch die Eltern seien zwischen Home-Office, Home-Schooling und Freizeitgestaltung überfordert. Leddin weist auf die Beratungstelefone hin, die auch in Mecklenburg-Vorpommern immer erreichbar sind.

Wann soll ein Verdacht gemeldet werden?

Doch was tun, wenn der Verdacht auf Kindeswohlgefährdung im Umfeld aufkommt. Leddin merkt zunächst an, dass ein weinendes Kind gewöhnlich sei, wiederholende Situation jedoch aufmerksam machen können. „Das sollte dann mit Freunden oder Partnern besprochen werden, Kindeswohlgefährdung ist eine starke Anschuldigung.“ Sie verweist auf das Beratungstelefon und die Kinderschutzhotline des Landes. Hier können sich besorgte Menschen über die Verdachtsmomente mit Experten austauschen.

Sie rät, auch den Kindern zuzuhören, ihre Sorgen und Probleme ernst zu nehmen, auch zulassen, dass sie Dampf ablassen müssen. Leddin hofft, dass mit der erneuten Öffnungen, etwa des Labyrinths in Schönwalde, die verlorene Zeit in der Entwicklung der Kinder nachgeholt werden könne.

Die Kinderschutzhotline der Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern ist rund um die Uhr erreichbar: 0800/14 14 007

Von Philipp Schulz

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